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Wednesday 3rd of June 2020
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WAS DER ISLAM DER WELT GEGEBEN HAT

Von : Sayid Mujtaba Musawi Lari

Kapitel 1

Der Islam

Der Islam tritt ein für Harmonie und die Fähigkeit zum Vollkommenwer‌den, und dies mit einer unerreichten Tiefe und Weite des Horizonts, welcher alle Seiten des Geistes und des Lebens umfaßt. Er kennt alle Straßen, die zum Segen und zum Glück führen. Er besitzt die Heilung für die mensch‌lichen Gebrechen des Einzelnen und der Gemeinschaft und macht sie so klar, wie sie der Verstand des Menschen nur planen und begreifen kann. Er macht sich daran, einen jeden allseitig zu entwickeln und schließt daher unvermeidlich jede Wirklichkeit mit ein, welche auf die menschliche Exi‌stenz einwirkt. In seiner Lehre vom Menschen hat er daher modernen Irr‌tümern oder verdorbenen Institutionen keinen Raum gewährt. Er setzt den Menschen nicht an Gottes Stelle. Dies zu tun bedeutet: den Menschen sich selber zu überlassen mit seinem Stolz und seiner Überheblichkeit, oder aber ihn auf einen sklavischen Lastesel für seine Mitmenschen zu reduzieren, der machtlos, willenlos, hilflos vor der Tyrannei der Natur und der Materie steht. Dies ist aber genau das, was moderne Irrlehren mit dem Menschen tun. Der Islam hingegen rechtfertigt die einzigartige Natur des Menschen vor allen anderen Lebewesen, denn er bestätigt, daß er eine besondere Schöpfung ist mit einer hohen, nur ihm eigenen Berufung.

Der Islam vertritt den Standpunkt, daß das Wesen eines Menschen nicht mit seinem Tode zu Ende, sondern beständig, ewig, ist. »Weltlich« und »überweltlich« sind eine unauflösliche Einheit. Körper und Seele können daher nicht in disparate Elemente aufgelöst werden. Aus diesen Gründen stellt der Islam beide Welten in leuchtenden Farben dar. Er schult den Men‌schen für die Ewigkeit und findet ebenso in der erhabenen Bestimmung, die der Schöpfung vom Menschen innewohnt, die Leitsätze für seine öffentli‌chen Institutionen auf der Erde.

Die Ewigkeit legt universale Prinzipien fest, die unveränderlich und un‌veränderbar sind. Der Islam verkündet sie als Thesen, Überzeugungen, Gebote, Statuten; er schult in Zufriedenheit und drängt nach Fortschritt. Er bietet dem Menschen vollkommene Freiheit im Denken für das, was ihn interessiert und für die Auslegung des göttlichen Gesetzes, wo soziale Notwendigkeiten vorliegen. Er greift auf Grundprinzipien zurück, welche einen sicheren, felsenfesten Grund von tiefster Wahrheit in allen Möglich‌keiten und Wandlungen dieses vergänglichen Lebens bereitstellen.

Der Islam vertritt den Standpunkt, daß der Mensch bestimmte Merkmale besitzt, die ihn mit der materiellen Welt, und bestimmte andere, die ihn mit

 

nicht-materiellen Wirklichkeiten verbinden und welche Wünsche und Ziele edlerer Art motivieren. Körper, Seele und Geist haben ihre eigenen Nei‌gungen. Jede muß gebührend gewichtet werden, denn was eines dieser un‌trennbaren Elemente begehrt, soll nicht mit dem Begehren eines anderen in Konflikt geraten. Der Islam zieht alle Elemente und Aspekte der mensch‌lichen Natur in Betracht und betreut das vielfältige Wesen der vereinten materiellen und spirituellen Neigungen des Menschen. Er zieht ihn zum Höchsten empor, ohne seine Wurzeln in der Materie zu kappen. Er verlangt absolute Reinheit und Keuschheit, ohne das Fleisch und dessen Bedürfnisse zu leugnen. Sein Strom fließt von Pol zu Pol über ein Netz lebendiger Drähte — den Überzeugungen und Bestimmungen, welche die Unversehrtheit aller angeborenen menschlichen Instinkte bewahren, weist aber die Freud'sche Lehre völliger Freiheit, welche den Menschen nur noch als Tier behandelt, zurück.

Der Islam ist nicht ein bloßer Satz Ideen in einer Welt metaphysischer Spekulationen; auch ist er nicht bloß entstanden, um das soziale Zusam‌menleben der Menschen zu ordnen. Er ist eine derart umfassend sinnvolle Art zu leben, daß er die Erziehung, die Gesellschaft und die Kultur auf Höhen führt, die nie angepeilt worden sind. Er bildet ein oberstes Beru‌fungsgericht und einen Sammelpunkt für Ost und West gleichermaßen und bietet ihnen eine Ideologie an, welche ihre trennenden Materialismen beant‌wortet. Er kann ihre Ungleichheiten und Widersprüche durch eine umfas‌sendere, vollkommenere und machtvollere Idee ersetzen.

Der Islam gibt keiner Art materiellen Wohlergehens oder genußbezoge‌nen Komforts als Grundlage für das Glück Vorrang. Seine Grundsätze bezieht er aus einer Analyse der wahren Natur des Menschen. Mit diesen Leitlinien entwirft er einen Plan für das Leben als einzelner, als Gruppe oder als Volk unter Völkern, der durch feste, allumfassende moralische Prinzi‌pien zusammengehalten wird, die ein weit höheres Ziel für die Menschheit ansteuern als die begrenzten materiellen Ziele der modernen Welt.

Der Islam hält den Menschen nicht in den engen Grenzen des Materiellen und Finanziellen gefangen. Er stellt ihn auf ein geräumiges, weites Feld. Dort regieren Sittlichkeit, Grundsatztreue und der Geist. Seine Vorbilder entspringen der menschlichen Natur selber. Sie ermutigen zur gegenseitigen Hilfe und Zusammenarbeit. Sie verfolgen Werte, die außerhalb der beeng‌ten Grenzen liegen, welche dem Einzelnen und der Gemeinschaft durch kleinliche, zaghafte, schleppende Muster materialistischer Zielsetzungen auferlegt werden. Statt dessen bindet er die Kraft und das strebende Sich-Mühen des Mannes an den Wandel, den Fortschritt und das Vollkomme‌ner-Werden, die in seiner Schöpfung beschlossen liegen.

Die Schulung durch den Islam setzt sich zum Ziel, die Eigenschaften des Menschen zu verfeinern, zu steigern und sie für richtige und vernünftige Ziele einzuspannen, welche jeden Schritt nach vorn zu dem erwünschten Ziel hin lenken und festlegen. Er bündelt die Motive eines Mannes, die seinem natürlichen Verlangen und seinen grundlegenden Bedürfnissen ent‌stammen, in einem konzentrierten, stromlinienförmigen Strahl, so daß jedes seiner Talente sich aufgerufen fühlt, seine Funktion in der richtigen Reihen-

 

folge und Ordnung auszuüben. So werden stürmische, unkoordinierte Im‌pulse kontrolliert, damit kein einzelner Instinkt sich über den gesunden Menschenverstand hinwegsetzen, kein momentaner Drang die Vernunft ausschalten kann. Stattdessen wird der Mensch zum Meister seines Schick‌sals, zum Herrn seiner Seele erhoben. Übermaß wird verhütet und jedem wird sein legitimer Anteil am gemeinsamen Triumph aller zuteil. So ver‌wendet, wird jedes Bedürfnis des Körpers, des Geistes und der Seele gestillt und befriedigt.

Wo immer in der Geschichte sich Menschen gefunden haben im harmo‌nischen Verfolgen solcher Ziele, haben diese Menschen und Gemeinschaf‌ten zu sich selbst gefunden. — »Was recht ist«, hat die Gedanken, das Ver‌halten, den Charakter regiert; menschliches Leben war geordnet und sicher. Es ist die Vernunft, die diese Schulung vorschreibt und zu einer Religion aufruft, deren Überzeugungen frei von Aberglauben, deren Regeln prak‌tisch, deren Vorschriften durchführbar und deren Höchstwerte vorbildlich sind. Der gott-verliehene menschliche Verstand erkennt ihre Wahrheit so intuitiv wie logisch.

Keinem Menschen werden Aufgaben abverlangt, die über sein Können hinausgehen. Aber seinen Kräften wird alles abverlangt. Jede Möglichkeit in ihm findet vollen Ausdruck. Und beim Jüngsten Gericht werden sie alle ge‌wogen; dann wird das Feuer selbst das Werk jedes Menschen prüfen, von welcher Beschaffenheit es ist.

 

Kapitel 2

Islam und politische Theorie

Die moderne politische Theorie preist »den allgemeinen Willen«. Die demo‌kratische Regierungsform versucht, diesen allgemeinen Willen zupraktizie‌ren, indem sie eine Politik zum Gesetz erhebt, für welche die »Mehrheit« gestimmt hat (die nur 51 % zu betragen braucht), wobei sie den Willen der Minderheit (die bis zu 49% der Wähler umfassen kann) für null und nichtig erklärt. Die Minderheit ist also überhaupt nicht »frei«, obwohl sie in man‌chen Fällen vernünftig denken und unter den gegebenen Umständen sogar rechthaben kann. Aber das »Regieren unter dem Willen des Volkes« wird niemals freiwillig die Unverletzlichkeit und den Glanz preisgeben, womit es den »allgemeinen Willen« ausgestattet hat, wobei sie diesem Begriff Vorrang vor allen anderen materiellen und geistigen Werten verliehen hat.

Der Islam andererseits gibt dem Willen des Herrn dieser Welt Vorrang, eher als den unbeherrschten Neigungen und Gefühlen einer Mehrheit menschlicher Wesen. Der Islam weigert sich, die Gottheit der Lenkung der gesetzgeberischen und der richterlichen Gewalt zu berauben. Der moham‌medanische Begriff der Gottheit und des göttlichen Regiments ist weit genug, um alles zu erfassen, was menschliches Leben überall auf diesem Planeten ausmacht. Das macht den Islam zum konkurrenzlosen Beschützer des Menschen. Er verlangt für seine Vorschriften völligen Gehorsam mit der Begründung, daß sie Gott-gegeben sind und darum kein menschliches Wesen ein Recht hat, seinen eigenen Wünschen zu gestatten, irgendein Vor‌haben unter Bruch dieser Vorschriften und Lebensregeln zu diktieren.

Wie kann Gott der völligen Hingabe würdig verkündet werden von Leuten, die ihre Lebensführung nach Vorschriften aus anderen Quellen als Gott Selbst herleiten? Kein Mensch darf es wagen, göttliche Autorität für einen Partner anstelle Gottes zu beanspruchen oder Ihn durch einen anderen Gesetzgeber zu ersetzen. Das Ziel des Islam ist, Vorkämpfer für Wahrheit und Recht überall in unserer menschlichen Gesellschaft zu sein, weil die Wahrheit sich nicht einseitig mit sozialen, politischen und finan‌ziellen Fragen beschäftigt, sondern die Statur des Menschen selbst mit ihren schönsten Gewändern versieht.

Die Gestalt des Menschen ist furchtbar und herrlich geschaffen. Genauso die Regeln und die Rechte, die das menschliche Leben bestimmen. Niemand kann sich rühmen, ein vollständiges Wissen aller Geheimnisse vom Bau des Menschen oder von seiner verwickelten Sozialstruktur zu besitzen. Denn diese Struktur umfaßt die spezialisierten körperlichen und geistigen Be‌reiche aller Individuen, wie all ihrer Beziehungen zueinander. Niemand kann sich rühmen, ohne Sünde, Mangel, Fehler oder Irrtum zu sein. Niemand kennt alle Faktoren, die zusammen menschliches Glück und Wohlfahrt ausmachen.

 

Trotz aller hingebungsvollen Bemühungen der Wissenschaftler, die Ge‌heimnisse des menschlichen Daseins aufzuhellen, ist der Bereich, wo es ihnen geglückt ist, immer noch äußerst begrenzt. Um nochmals Dr. Alexis Carrel zu zitieren (»Der Mensch, das unbekannte Wesen«, S. 4): »Die Menschheit hat ungeheuere Anstrengungen unternommen, sich selbst ken‌nenzulernen. Obgleich wir einen wahren Schatz von Beobachtungen besit‌zen, den die Wissenschaftler, die Philosophen, die Dichter und die großen Mystiker aller Zeiten angehäuft haben, haben wir doch nur gewisse Aspekte von uns ausgeleuchtet. Wir begreifen den Menschen nicht als Ganzes. Wir wissen nur, daß er aus unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt ist. Und selbst diese Teile sind durch unsere Methoden »erschaffen«. Jeder von uns besteht aus einer Folge von Phantomen, in deren Mitte ein unbekanntes Wirkliches daherschreitet.«

Ohne Verständnis der menschlichen Beschaffenheit können wir keine Gesetze ausarbeiten, die zum Menschsein hundertprozentig passen, noch können wir die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten beheben: siehe die Verwirrung der Gesetzgeber, ihr dauerndes Ändern ihrer eigenen Bestim‌mungen angesichts neuer Tagesprobleme und unerwarteter Sackgassen. Persönliche Vorteile, Eigennutz, Gewinn, Ehrgeiz, Macht, ja sogar umwelt‌bestimmte Voreingenommenheiten drängen sich vor und verzerren den Aus‌blick der Gesetzgeber, bewußt oder unbewußt. Montesquieu sagte von der Gesetzgebung, daß »keine jemals völlig objektiv und unparteiisch ist, denn die persönlichen Vorstellungen und Gefühle des Gesetzgebers beeinflussen sein Konzept«. So nützte Aristoteles, der auf Plato eifersüchtig war, seinen Einfluß bei Alexander, um seinen großen Vorgänger herabzusetzen.

Die modernen Schlagworte von »Freiheit und Gleichheit« und »Allgemei‌ner Wille« sind von Politikern gebrauchte Worthülsen, um Unterstützung für ihre Gesetzesvorschläge zu gewinnen; Gesetze, die in Wahrheit nicht die Belange der Massen, sondern die der Grundbesitzer und Kapitalisten ver‌treten.

Henry Ford schrieb über England, das sich »die Mutter der Parlamente« zu sein rühmt: »Wir können nicht den Generalstreik von 1926 vergessen oder die Art, wie die Regierung mit jedem Mittel, das in ihrer Macht stand, ihn zu brechen versuchte. Das Parlament als Werkzeug der Kapitalisten erklärte den Streik für verfassungs- und gesetzwidrig und setzte Polizei und Heer mit Kugeln und Panzern gegen die Streikenden ein. Mittlerweile erklärten die Medien von Radio und Presse, die Regierung sei die Dienerin des Volkes; eine glatte Ausflucht, die durch die Geldbußen, die den Gewerk‌schaften auferlegt wurden, Lügen gestraft wurde, ebenso durch die Einker‌kerung ihrer Anführer, sobald sich eine Gelegenheit bot.«

Chruschtschow erklärte auf dem 22. Obersten Parteitag der Sowjets: »Im Zeitalter des Personenkults (d. h. unter Stalin) infiltrierte die Korruption die Führung unserer Partei, die Regierung und die Finanzen; sie brachte De‌krete zuwege, die die Rechte der Massen mit Füßen traten, verringerte die

 

Industrieproduktion, verängstigte die Menschen bei ihrer Arbeit und ermu‌tigte Schmeichler, Denunzianten und Rufmörder. So erscheinen sowohl die westlichen wie die östlichen Regierungssysteme falschlich im Gewand des Allgemeinen Willens, Parlamentsherrschaft und Volksvertretung, während Kapitalismus und Kommunismus gleichermaßen parteiische Gesetze schaffen, weil sie die Dekrete des Himmels ignorieren, welche das Beste für den Menschen festlegen.

 

Kapitel 3

Islam und Gesetzgebung

Rousseau schrieb in seinem »Gesellschaftsvertrag«, 2. Buch, Kap. 6 (»Der Gesetzgeber«): »Um die Regeln für eine Gesellschaft zu finden, die für die Völker am besten geeignet sind, müßte es einen überlegenen Verstand geben, der die Leidenschaften der Menschen verstünde, ohne selbst welche zu verspüren, der unserer Natur nicht verwandt wäre, aber sie bis zu ihren Wurzeln kennte, dessen Glück unabhängig von unserem wäre, der aber trotzdem unser Glück zu seinem Anliegen machen würde . . . Man brauchte in der Tat einen göttlichen Gesetzgeber.«

Nach diesen Anforderungen ist der Schöpfer des Menschen selbst der fähigste Gesetzgeber. Er kennt alle Geheimnisse des Menschseins, zieht keinen Vorteil aus irgendeiner menschlichen Gruppierung und braucht keinen Menschen. Daher müssen die Grundsätze, welche gerechte Gesell‌schaftsordnungen schaffen können, bei einem Manne studiert werden, der direkte Führung vom Schöpfer erhält, dessen Lehren die inspirierten Offen‌barungen jener einzigartigen Quelle sind und der sich völlig auf jene un‌endliche Weisheit verläßt.

Menschliche Gesetze haben nur das Ordnen der menschlichen Gesell‌schaft zum Ziel. Sie verlieren sich weder außerhalb dieser Grenzen, noch berühren sie nicht-gesellschaftliche Angelegenheiten wie persönliche Um‌stände, Geisteshaltungen, hervorragende geistige Leistungen. Sie versuchen nicht, Faules in einem Menschen zu heilen. Erst wenn Persönlichkeits‌probleme in soziale Unordnung münden, gelangen sie in den Bereich ge‌setzgeberischer Maßnahmen. Ein Mensch kann schmutzig in seinem Den‌ken und Geist sein und in den Augen westlichen Rechts immer noch gut, denn das Recht hat nur ein nach außen gerichtetes Handeln im Auge, nicht das Herz. Der Islam mit seinem weiten Blickfeld zielt nicht nur auf Wieder‌gutmachung von Unrechtshandlungen, sondern in erster Linie darauf, den Einzelnen und die Gesellschaft von innen her wieder zu festigen, indem er die sittliche Persönlichkeit als Grundeinheit betrachtet und ihr Vollkom‌menerwerden Vorrang bekommt. Der Islam zielt auf eine geordnete Gesell‌schaft mit gesunder Moral, sauberem Denken, vernünftigem Handeln, aus‌geglichenem Geist. Er gibt daher gesetzgeberische Richtlinien für das innere Leben eines Individuums mit ebenso viel Detail wie für das der Gesellschaft nach außen. Er bringt Ordnung und Übereinstimmung zwischen groß und klein in der Schöpfung, zwischen Naturgesetzen und geistigen Gesetzen, Materiellem umd Metaphysischem, Individuellem und Sozialem, zwischen Religion und Philosophie. Er hilft dem Menschen, nicht in Kollision mit den Naturgesetzen zu geraten, welche der Ordnung des Universums zugrundeliegen, da ja deren Nichtbefolgung alles menschliche Wollen und Tun durcheinander bringt und zunichte macht.

 

Menschengemachte Institutionen zielen auf die Erfüllung der Gesetze; aber beim Islam ist der Sachwalter für die Erfüllung der Gesetze ein tief‌verwurzelter Glaube, und ein Muslim erfüllt seine Verpflichtungen dank seiner Moral und seinem Glauben auch in Dingen, wo ihn niemand sieht, außer Gott allein. Waffengewalt wird nur benötigt, um die winzige Minder‌heit kriminell gesinnter Heuchler in Schach zu halten. Der Islam zollt daher der inneren Reinheit des Herzens wie der nach außen gekehrten Reinheit des Handelns, die gebührende Achtung. Er nennt solche Taten gut, lobens‌wert und verdienstvoll, welche aus Aufrichtigkeit und Glauben stammen.

Der Generalstaatsanwalt der USA schrieb in seiner Einleitung zu seinem Buch über islamisches Recht: »Das amerikanische Recht hat nur lose Ver‌bindungen zum Sittengesetz. Man kann einen Amerikaner als gesetzes‌treuen Bürger ansehen, auch wenn sein Innenleben faul und korrupt ist; aber der Islam erblickt die Quelle des Gesetzes im Willen Gottes, wie er Seinem Apostel Muhammad offenbart und durch Ihn verkündet worden ist. Dieses Gesetz, der göttliche Wille, behandelt die Gesamtheit der Gläubigen als eine einzige Gemeinschaft, die all die vielfältigen Rassen und Völker‌schaften mit einschließt, welche sie zusammen in einer weitverstreuten Ge‌sellschaft ausmachen. Das gibt der Religion ihre wahre, gesunde Kraft und macht sie zum Bindeelement der Gesellschaft. Es gibt keine trennenden Grenzen völkischer oder geographischer Art, denn die Regierung selbst ist der einen höchsten Gewalt des Qur'an Untertan. Für einen anderen Gesetz‌geber ist da kein Platz mehr; demnach kann keine Konkurrenz, Neben‌buhlerschaft, Rivalität oder Spaltung aufkommen. Der Gläubige betrachtet diese Welt als ein Tal der Seelengestaltung, den Vorraum zur nächsten, und der Qur'an macht es vollkommen klar, welches die Voraussetzungen und Gesetze sind, die das Verhalten der Gläubigen untereinander und zur Gesellschaft bestimmen; er macht so den Übergang von dieser Welt zur nächsten zu einem sicheren, gesunden und gefahrlosen Ereignis.«

Trotz der geringen Vertrautheit der Abendländer mit dem Islam und trotz ihren optimistischen Vorstellungen, die sie sich von der Wirklichkeit machen, hat doch eine verhältnismäßig große Anzahl Denker etwas von der Tiefe und dem Weitblick der islamischen Lehre begriffen und verhehlt nicht ihre Bewunderung für ihre klare Exegese und der Achtung werte Lehre.

Eines Muslim-Gelehrten Respekt vor den Gesetzen und Anordnungen des Islam überrascht nicht. Aber wenn ein nicht-mohammedanischer Gelehrter, trotz seiner Bindung an seine eigene religiöse Engstirnigkeit, gleichwohl die Erhabenheit und Größe des Islam und sein hohes Vorbild erkennt, dann ist das wahre Hochachtung, besonders wenn sie auf einer Erkenntnis der Fort‌schrittlichkeit der Rechtssysteme des Islam und ihres Vermächtnisses an die Menschheit beruht. Darum bringt dieses Buch Urteile von Ausländern über den Islam. Wir tun das nicht, weil wir ihre Unterstützung brauchten, sondern weil sie helfen können, den Weg für Suchende und Fragende zu öffnen, so daß der Leser ihn weiter verfolgen kann.

 

Dr. Laura Vacciea Vaglieri, Professorin an der Universität Neapel, schrieb: »Im Koran stoßen wir auf Schätze des Wissens und tiefer Einsich‌ten, welche den Werken unserer hervorragendsten Geister, großen Philo‌sophen und gewaltigen Politiker überlegen sind. Wie kann solch ein Buch dem Gehirn eines einzigen Mannes entstammen — dazu noch eines Mannes, dessen Leben sich in Geschäftskreisen abspielte, die nicht beson‌ders religiös waren, weit entfernt von allen Schulen der Gelehrsamkeit? Er selbst bestand immer darauf, er sei ein gewöhnlicher, einfacher Mann wie andere auch und könne ohne die Hilfe des Allmächtigen ein solches Wun‌derwerk gar nicht schaffen. Kein anderer als Er, dessen Kenntnis alles, was im Himmel und auf Erden ist, übertrifft, konnte das tun.«

Bernard Shaw sagte in seinem »Muhammad, Allah's Apostel«: »Ich habe immer Muhammads Religion besonders hoch geschätzt wegen des Wunders ihrer lebendigen Kraft. Für mich ist sie die einzige Religion, welche die mannigfaltigen Wechselfälle des Lebens und der Unterschiede der Kulturen erfolgreich meistern kann. Ich sehe voraus (es ist heute schon ganz klar), daß die Europäer Mann für Mann den Glauben des Islam annehmen wer‌den. Die mittelalterlichen Theologen behaupteten aus Unwissenheit oder Engstirnigkeit, die Religion des Muhammad sei voller Dunkelheiten und waren der Ansicht, er habe Christus in einem Geiste des Hasses und des Fanatismus herausgefordert. Nachdem ich den Mann lange studiert habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß Muhammad nicht nur nicht gegen Christus war, sondern daß er in Ihm den Retter einer verzweifelten Mensch‌heit erblickte. Ich bin überzeugt, daß, wenn ein Mann wie er die Führung in der neuen Welt übernähme, es ihm gelingen würde, alle ihre Probleme zu lösen und den Frieden und Wohlstand zu sichern, den alle Menschen wünschen.«

Voltaire, der anfangs einer der hartnäckigsten Gegner des Islam war und den Propheten mit Verachtung überschüttete, sagte nach 40 Jahren des Studiums von Religion, Philosophie und Geschichte offen: »Muhammads Religion war fraglos der von Jesus überlegen. Er stieg nie auf das Verleum‌dungsniveau der Christen hinab und sagte auch nicht, daß Gott eine Dreiheit oder daß drei Götter einer seien. Der einzige Pfeiler seines Glaubens ist der Eine Gott. Der Islam verdankt seine Existenz den Anordnungen und der Männlichkeit seines Begründers, während die Christen ihre Religion ande‌ren mit dem Schwert aufzwangen. Oh Gott! Wenn nur alle Völker Europas die Muslims zu ihren Vorbildern machten!«

Einer von Voltaires Helden war Luther. Und doch schrieb er: »Luther war es nicht wert, Muhammad die Schuhriemen zu lösen. Muhammad war ein großer Führer und dank seiner Rechtschaffenheit und Vollendung der Er‌zieher weiterer großer Männer. Ein weiser Gesetzgeber, ein gerechter Re‌gent, ein asketischer Prophet: so entfachte er die größte Revolution, die die Erde erlebt hat.«

Tolstoi schrieb: »Muhammad benötigt keinen anderen Anspruch auf Ruhm, als daß er ein barbarisches, blutdürstiges Volk aus seinen teuflischen Gewohnheiten zu einer unermeßlichen Höherentwicklung emporhob. Sein kanonisches Recht in seiner Klugheit und Weisheit wird noch einmal die Weltautorität sein.«

 

Kapitel 4

Der Islam und die Ideologie

Unsere Welt ist in zwei Blöcke gespalten. Sie vertreten gegensätzliche Ideo‌logien, hochgehalten von ihren jeweils eigenen Wissenschaftlern und Ge‌lehrten, welche in einer Flut von Broschüren und Büchern beweisen, daß die eigene richtig und die ihrer Gegner falsch ist. Jede beansprucht, der einzige Weg zum sicheren Glück zu sein und sagt von ihrem Gegner, er sei die einzige Ursache für Verwirrung und Untergang.

Beide können nicht recht haben. Beide haben vielleicht unrecht! Jede kann einen entscheidenden Punkt verfehlen. Und doch haben beide durch die Brillanz einiger ihrer Wissenschaftler und Technologen große Beiträge für den Fortschritt der Menschheit geleistet. Fortschritt auf einem Gebiet ist kein Beweis für gleichen Fortschritt auf jedem Gebiet des menschlichen Lebens, so wenig wie der Besitz einer Reihe von Talenten bei einem Indi‌viduum seine Zuständigkeit in allen Bereichen anzeigt. Ein hervorragender Physiker ist nicht ipso facto ein brillanter Musiker! Und so schließt techno‌logischer Fortschritt keineswegs ipso facto einen gleichen Fortschritt im Denken, in der Urteilskraft, Religion, Kunst des Regierens und der Moral mit ein.

Dr. Alexis Carrel schreibt in »Der Mensch, das unbekannte Wesen«, S. 27 u. 28: »Die Nutzanwendungen wissenschaftlicher Entdeckungen haben die materielle und geistige Welt umgestaltet. Diese Verwandlungen üben einen tiefen Einfluß auf uns aus. Ihre unglückliche Wirkung kommt von der Tatsache, daß sie unsere Natur als Menschen nicht berücksichtigten. Unser Nichtwissen über uns selber hat der Mechanik, der Physik und der Chemie die Macht gegeben, die überkommenen Lebensformen nach Belieben abzu‌ändern. Der Mensch sollte eigentlich Maßstab für alles sein. Ganz im Gegenteil ist er heute ein Fremder in der Welt, die er geschaffen hat. Er war außerstande, diese Welt für sich, den Menschen, aufzubauen, denn er besaß keine praktische Kenntnis seiner eigenen Natur. So ist der enorme Fort‌schritt, den die Wissenschaften von der unbelebten Materie über die leben‌dige gewonnen haben, zu einer der größten Katastrophen geworden, die je über die Menschheit hereingebrochen sind. Die Umwelt, die unser Ver‌stand, unsere Erfindungen geschaffen haben, ist weder unserem Format noch unserem Wuchs angepaßt. Wir sind unglücklich. Moralisch und gei‌stig entarten wir. Die Gruppen und Völker, in denen die Industrielle Zivi‌lisation am höchsten entwickelt ist, sind genau die, welche abbauen, die am schnellsten wieder der Barbarei verfallen.«

Perfektion und Sublimierung des Menschen auf einer ganzen Reihe der verschiedenartigsten Gebiete erfordern einen Grundstock gesunder universaler

 

Lehren, die auf den Wirklichkeiten des menschlichen Lebens basieren und frei von allen Fehlern und Irrtümern sind. Derartiges ist nur in den Lehren der Propheten Gottes zu finden,, denen die Ursprünge des Wesens unserer Welt offenbart wurden.

Die Sittlichkeit muß, will sie sich auf Sanktionen stützen, die höher als das Naturhafte sind, und von etwas inspiriert werden, was über das Mate‌rielle hinausreicht, allein auf grundlegende prinzipielle Weisungen gegrün‌det sein.

Von dem Augenblick an, da der Mensch auf den Erdball gestellt wurde und die Voraussetzungen für die Kultur schuf, stieg aus seinem Innersten ein Schrei zum Himmel empor. Diesen Schrei nennen wir Religion. Ihre Wahrheit ist unlöslich mit einer moralischen Ordnung verknüpft.

Unmenschlichkeit, Cliquenwirtschaft, Ungerechtigkeit, Tyrannei, Krieg, sie alle bezeugen die Wahrheit; daß Regierungen und ihre Gesetze niemals genügt haben, damit die Menschen ihre Gefühle und Überzeugungen in der Hand behielten und eine Ordnung begründeten, wo Gerechtigkeit, Glück, Friede und Ausgeglichenheit in der Gemeinschaft herrschten. Wissenschaft und Bildung können nie die Probleme eines Menschenlebens lösen, noch sein Entgleisen verhindern, außer im Bund mit der Religion.

Will Durant, amerikanischer Soziologe und Philosoph, schreibt in seinen »Annehmlichkeiten der Philosophie« (»Pleasures of Philosophy«) auf S. 326/27: »Hat eine Regierung in wirtschaftlicher und ethischer Hinsicht so viel Macht, daß sie das gesamte Erbe an Wissen, Sittlichkeit und Kunst bewahren kann, das über Generationen hinweg gespeichert und in Kette und Schuß der Kultur eines Volkes eingewoben ist? Kann sie dieses Erbe vermehren und der Nachwelt weiterreichen? Kann eine Regierung, der die gesamte moderne Maschinerie zur Verfügung steht, die Schätze des Wissens jenen Massen der Parias vermitteln, die immer noch eine wissenschaftliche Sprechweise für lästerlich, für Zauberei halten? Wie kommt es, daß Männer von solchem Kleinformat Amerikas größte Städte regieren? Warum wird unsere Verwaltung in einer Weise gehandhabt, die einen über den Mangel an Anstand in der Politik und an echter Vaterlandsliebe weinen läßt? Warum sind Korruption und Irreführung ein Bestandteil unserer Wahlen geworden und richten das öffentliche Eigentum zugrunde? Warum ist die Grundaufgabe der Regierung heutzutage bloß noch auf die Verbrechens‌verhütung zusammengeschrumpft (wenigstens einen Versuch dazu)? War‌um bemühen sich die Regierungen nicht, die Ursachen für den Krieg und die Voraussetzungen für den Frieden zu begreifen? Kirchen und Familien müßten solchen Regierungen zivilisiertes Benehmen beibringen.«

Die abendländische Gesellschaft kann sich mit der Duldung des Durch‌einanders in der Moral und den Methoden, die zu ihrer Zerstörung führen, nur zufrieden geben, weil ihr Vermögen, eine Reform in die Hand zu nehmen, begrenzt ist. Aber die Fortdauer dieses Zustandes gleicht schon einem Warnsignal. Gefahr ist im Verzug, denn die Zivilisation bleibt nur so lange stabil, wie ein Gleichgewicht zwischen den Zielen und den Mitteln, zwischen bloßen Wünschen und fester Führung besteht. Wenn dieses Gleichgewicht niederbricht, entsteht Gewalt in einem Ausmaß, daß kein guter Wille sie mehr aufhalten kann. Sie stürzt unweigerlich in totale Zer‌rüttung. Man findet in der ganzen Geschichte kein Volk, das den Verfall, der auf schwächliche Nachgiebigkeit und Alles-Erlauben folgt, überlebt hätte.

 

Rom ging unter. Die Herrlichkeit Griechenlands zerbrach. Frankreich, dessen Bürger weichlich geworden waren, wurde bequem und brach unter dem ersten Ansturm der Nazis zusammen. Einer seiner berühmtesten Generale schrieb, der Grund für diese Schwäche sei die Aushöhlung des Charakters gewesen.

Spengler sah den Untergang des Abendlandes voraus und sagte, daß in der Zukunft andere Länder den Aufgang großer Kulturen erleben würden. Vielleicht wird der Osten als einer der ersten zu seinem alten Erbe zurück‌kehren. Dies wird aber nicht eintreten, wenn er an den falschen Schreinen irregeführter Kulturen opfert. Aber der Niedergang einer Zivilisation kann Menschen für den Plan Gottes wach werden lassen, sie inspirieren, ihm zu folgen und so, mittels dieser erhabenen Wahrheit, auf gesunden Grundla‌gen ein völlig neues Gemeinschaftsleben zu gründen.

 

Kapitel 5

Islam und Volkstum

Heute überschatten die Symptome eines Minderwertigkeitskomplexes we‌gen der abendländischen industriellen Überlegenheit und ihrer tödlichen Folgen das ganze Leben der östlichen Völker. Mancher Muslim ist so von westlichen Ideen erfüllt,daß er alles durch eine westliche Brille anschauen möchte, weil er meint, der Fortschritt verlange in Sitte und Moral, Gesetzen und Gesetzgebung eine Kopie westlicher Machart. Diese vollständige Kapi‌tulation schweißt den Ring der Sklaverei in unseren Ohren. Wir breiten den roten Teppich unserer Selbstachtung, unseres materiellen und moralischen Reichtums, unseres religiösen und nationalen Erbes an Gesittung ihnen vor die Füße. Das ist's, was die Kraft der muslimischen Völker anzapft, körper‌lich wie geistig. Muslims sind sie vielleicht, aber sie haben die islamische Denkweise eingebüßt, ihre muslimische Sehweise gegenüber den Weltereig‌nissen abgelegt, sich dem Glauben und der Kultur des Islam entfremdet und wollen jegliche muslimische Verhaltensweise verwestlichen. Die größten Probleme der Menschheit kann man aber nicht im Laboratorium lösen.

Soll ausländischer Druck uns daran hindern, daß wir unseren Platz in der Karawane der Zivilisation einnehmen? Stellen wir uns vor, wir folgten weder der kapitalistischen noch der kommunistischen Spur. Nehmen wir an, es herrsche vollkommene soziale Gerechtigkeit bei uns und gewinne uns die Achtung der Welt, stelle unser althergebrachtes Prestige unter den Regie‌rungen der Völker wieder her. Könnte dies uns und die Menschheit nicht vor weiteren Kriegsschrecken bewahren?

Warum lassen wir nicht zu, daß die Gesetze und Vorschriften unserer Religion unsere internen Probleme lösen? Wenn uns aber das davor bewah‌ren kann, den Sitz eines Bettlers an der Tafel der Menschheit einzunehmen und wir stattdessen die Meisterwürde in jenem Hause zum Wohle aller über‌tragen bekämen, wäre das etwas Geringes? Kann ein reicher und großmüti‌ger Geber zum Bettler werden? Kann ein Mann, der zum Befehlen geboren wurde, unterwürfig werden, katzbuckeln, kriechen wie ein Untergebener und sein Recht aufgeben, diejenige Straße zu wählen, die er als die richtige kennt?

Unsere überkommenen Schätze haben der Menschheit in der Vergangen‌heit Segen gebracht. Weder der Westen noch der Osten wagen es, diesen Tatbestand zu ignorieren und uns als rückständig und hilflos zu verachten, so sehr sie auch bestrebt sind, unser Selbstvertrauen zu verwirren und un‌sere Hoffnung zu entmutigen, so daß wir ihnen leicht zum Opfer fallen. Unsere lange Erfahrung über dreitausend Jahre Geschichte hat uns müde gemacht. Hier und dort haben wir uns jahrhundertelang Verhaltens- und Denkweisen, Gesetze, Gepflogenheiten herausgepflückt und in wahllosen Zusammenstellungen übergestreift, so daß wir uns

 

eher zu lächerlichen Kar‌nevalsfiguren gemacht haben als zu den angesehenen Persönlichkeiten, die wir sein sollten, die ihre eigene nationale Tracht mit Auszeichnung tragen und ihre Nationalgerichte mit bewußter Würde verzehren.

Nehmen Sie unsere gegenwärtige Verfassung. Zuerst schrieben wir fran‌zösische Vorbilder ab; dann kamen welche aus anderen europäischen Natio‌nen hinzu; bei jeder Gelegenheit suchten wir, wenn der Ruf nach neuen Ge‌setzen ertönte, unser Vorbild an anderer Stelle, so daß es einen endlosen Konflikt gab zwischen dem Geist der Gesetze, den wir von auswärts vorgten, und dem nationalen Geist, für den Gesetze schließlich gemacht werden. Im Ergebnis gewinnt ein Gesetzesübertreter in jeder Weise nationales Renom-m6e; man huldigt und hilft ihm in jeder Weise. Warum? Weil es etwa die Gemeinschaft nicht besser kennt? Nein! Denn die Gebildeten befolgen die Gesetze nicht. Nein, es ist der Widerspruch zwischen dem Volksgeist und den erborgten Gesetzen, die in keiner Beziehung stehen zu den sozialen Erfordernissen, historischen Voraussetzungen, dem Volksbewußtsein, den persönlichen Überzeugungen, welche in einer Umgebung entstanden, die dem Geist unseres "Volkes völlig fremd ist. Jedes ausgeliehene Gesetz ent‌stammte einer Lebensgemeinschaft mit eigener Geschichte, Religion, Be‌dürfnissen und Besonderheiten. Und dabei kann keines von ihnen dem eige‌nen Volk eine völlig positive Antwort erteilen, wie fortwährende Rebellionen erweisen.

Prof. Hocking von Harvard schreibt in »Spirit of World Politics«: »Die islamischen Länder werden nicht vorankommen, wenn sie einfach westliche Anordnungen und Wertbegriffe übernehmen. Kann der Islam neue Denk‌weisen, eigene Gesetze und sachdienliche Bestimmungen hervorbringen, die zu den neuen Erfordernissen einer modernen Gesellschaft passen? Ja — und mehr als das! Der Islam bietet der Menschheit größere Möglichkeiten für ein Vorankommen als andere. Was ihm fehlt, ist nicht das Können, sondern der Wille, Gebrauch davon zu machen. In Wirklichkeit enthält der Shar'iya (siehe Glossar) alle dazu notwendigen Bestandteile.«

Die iranische überregionale Tageszeitung »Keyhan« berichtete am 14. Dey 1345: »Gestern, am Jahrestag des Märtyrers Imam Ali, praktizierte ganz Teheran die Gebote des Islam lOOprozentig. Resultat: keine Verbre‌chen; Gerichte ohne Arbeit; keine Mordfälle; keine Profanierungen; kein Kräuseln der friedlichen Oberfläche. Bezirksvorsteher und Polizei von keinerlei Anrufen behelligt; selbst Familiengezänk zu Hause aus Verehrung für den »Führer der Gläubigen«, den Märtyrer, rasch zum Schweigen ge‌bracht.«

Der persische Reader's Digest, Jahrgang 25, Nr. 35, erhärtete das: »Die Anzahl der Toten in den Leichenhallen von Teheran betrug letztes Jahr im Tagesdurchschnitt sechs — weniger natürlich an religiösen Feiertagen, mehr an einigen anderen Tagen. Am Jahrestag (13. Dey) von Alis Martyrium in der vorigen Woche herrschte völliger Friede, ein Beweis für die anhal‌tende Kraft religiöser Überzeugung und für die Ruhe und Vernunft, die eine

 

wo der Verkauf von Alkohol verboten ist und die Vergnügungshäuser geschlossen bleiben.«

Das kommt dabei heraus, wenn Muslims die Gebote ihrer Religion 24 Stunden lang einhalten. Könnte eine einzige Stadt im Westen während 24 Stunden, ja nur 60 Minuten, keinen einzigen Zwischenfall, keinen Diebstahl oder Mord melden? Gesellschaft an den Tagen erreicht, Wann wird die Menschheit das reife Erwachsensein erreichen, die einfache Lehre begreifen, die so leicht zu äußerem und inne‌rem Frieden und der Eintracht führt, die wir uns alle wünschen? Es käme einer unerwarteten glücklichen Entdeckung gleich, in den Worten des Dich‌ters: »Rund um den Erdball schweifte ich, den Himmel suchend, Kam heim und fand: mein Himmel war zu Hause.«

 

Kapitel 6

Der Islam und die Wirtschaft (1)

Der Mensch hat immer zu ringen gehabt mit der Aufgabe, die Hilfsgüter der Natur auszubeuten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. In den primi‌tiven Jahrhunderten, so sagte Aristoteles, organisierte sich das Leben in Ge‌meinschaftsform, »um es überhaupt zu ermöglichen und«, so fuhr er fort, »um gut leben zu können.« In den vergangenen vier Jahrhunderten ist eine »Wirtschaftswissenschaft« aus den Vorschriften abgeleitet worden, welche die menschlichen Beziehungen und den Güteraustausch regeln sollten, die sich aus dieser sozialen Organisation entwickelten. Angesichts der riesigen Ausdehnung von Technologie und Wohlstand hat sich diese Wissenschaft in zwei entgegengesetzte Lager gespalten.

Auf der einen Seite glaubt der »Kapitalismus« oder »das freie Unterneh‌mertum«, daß die Natur in der Wirtschaft ihren Lauf nehmen sollte, wobei ein aufgeklärtes Eigeninteresse das Genie einiger Leute dazu bringe, die Unterschiede zum Wohle aller auszugleichen. Für diese Doktrin setzt sich der westliche Block ein.

Auf der anderen Seite vertritt der Kommunismus die Ansicht, daß die Produktionsmittel der Kontrolle eines proletarischen Staates unterliegen müssen: der Gesellschaft wird ein gerechtes und gleichmäßiges Teilen aller Erträge menschlicher Bemühungen auferlegt.

Die Rivalität dieser beiden Ideologien, die beide nach absoluter Macht streben, hängt drohend wie ein Damoklesschwert über der Welt von heute. Wir müssen die Marxisten fragen, ob man ihre »klassenlose Gesellschaft« durch die eine Maßnahme garantieren kann, daß man nämlich die Produk‌tionsmittel zum Gemeineigentum erklärt und die besitzende Klasse ab‌schafft, während es doch tatsächlich eine Vielfalt von Klassen aus ganz anderen als ökonomischen Ursachen gibt? Während es in den sozialistischen Sowjetrepubliken keine bürgerliche besitzende Klasse gibt, existieren dort gleichwohl andere Klassen, die sich durch ihre Beschäftigung und Umwelt unterscheiden: z. B. Fabrikarbeiter, Landwirte, Staatsbeamte, Büroange‌stellte, Parteifunktionäre und zahllose andere. Werden ein Chirurg und eine Krankenschwester gleich bezahlt? Oder ein Straßenarbeiter und ein Inge‌nieur?

Unter den Menschen gibt es in Wirklichkeit noch weitere Unterschiede — Lenins »Wirklichkeit, nach der wir uns zu richten haben«. Die Menschen sind verschieden nach Alter, Geschlecht, Neigungen, Geschmack, Körper‌kraft, Erscheinungsbild, Denkvermögen, Vorstellungen und Horizonten.

Ein sowjetischer Wissenschaftler schrieb kürzlich (»Economics«, Bd. 2, S. 216): »Es ist unpraktikabel, absolute Gleichheit am grünen Tisch zu deklarieren.

 

Zahlten wir den Professoren, Denkern, Politikern und Erfindern genau das, was die Handarbeiter erhalten, so wäre das Endergebnis einzig die Erstickung aller Antriebe für geistige Arbeit jeglicher Art.«

Der Kapitalismus nimmt für sich in Anspruch, daß allein durch privaten Unternehmungsgeist und persönliches Eigentum eine Wirtschaftsordnung erzielt werden kann, worin dei? 'Lebensstandard fortwährend steigt und der Unterschied zwischen Reich und Arm fortwährend sinkt. Gegen diesen Anspruch muß man den Untersuchungsbericht stellen, den Walter Reuther, Vorsitzender der Automobilarbeiter-Gewerkschaft in den USA, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der »Amerikanischen Gesellschaft für die Be‌kämpfung des Hungers« veranstalten ließ. Dieses Komitee bestätigte nach‌drücklich, daß 10 Millionen Amerikaner an Unterernährung leiden, und er‌sucht den Präsidenten der Republik in 256 Städten, die in den 20 Bundes‌staaten liegen, wo die Gefahr am größten ist, den Notstand auszurufen. Als Gründe für diese Unterernährung gab das Komitee die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges an, zusammen mit einer Anzahl Störungen in der Bin‌nenwirtschaft Amerikas. Der Minister für Landwirtschaft traf strenge Maß‌nahmen, um alle Nahrungsmittel, deren er habhaft werden konnte, sowohl im Ausland zu kaufen, wie im Inland mit Beschlag zu belegen (UP).

Wir müssen also fragen, inwieweit irgendein System, gleich, was es bean‌sprucht, der Klassenausgleich, die Ausschaltung der Unterschiede und der Aufbau einer gesunden und gerechten Gesellschaft gelungen ist?

Sozialistische wie kapitalistische Regime bauen ihre Systeme auf Theo‌rien, vor welchen man sich ohne Rücksicht auf moralische und geistige Werte verbeugt. Beider Ziel ist, den Wohlstand zu vermehren, weiter nichts.

Die Weltanschauung des Islam gibt dem ganzen Menschen im Rahmen seiner Welt die Ehre. Sie ordnet das materielle Verhalten und die materiel‌len Unterstützungen der Gesellschaft und schafft zugleich Gesetze für moralische Werte, geistliche Perfektion und einen höheren Lebensstandard. Darunter versteht er nicht nur die materiellen, sondern die geistigen, die geistlichen, die moralischen, die altruistischen, die philanthropischen Maß‌stäbe, welche allen Menschen ermöglichen, daß jeder für alle und alle für jeden leben.

Das Gesetz der Abendländer unterstützt die Besitzrechte und gibt denen der Kapitalisten Vorrang über die der Arbeiter. Das sowjetische Gesetz existiert seinen eigenen Worten nach nur, um dem einzelnen alle Besitz‌rechte zu nehmen und das Kapital als persönlichen Besitz auszurotten; den Arbeitern also durchweg Vorrang zu geben. Beide Systeme denken und urteilen menschlich.

Aber das Gesetz des Islam ist auf göttliche Offenbarung gegründet. Seine Gesetzgebung ist kein menschlicher Notbehelf. Es stellt nicht Klasse gegen Klasse, sondern hilft jeder Gruppe, den besonderen Wert der anderen Gruppe zu respektieren. Da es vom Herrn aller Geschöpfe für das allge‌meine Wohl und für das Wohl aller diktiert worden ist, gestattet es keiner Klasse, über andere den Herrn zu spielen, keinem Unrecht, sich einzunisten. Ein Herrscher ist im Islam nur ein normaler Mensch mit einem besonderen Pflichtenbereich, der selbst unter dem Gesetz steht und seine Macht nur ausübt, damit die göttlichen Gebote in der

 

Gesellschaft befolgt werden. Weil die Zuversicht herrscht, daß Gottes Gesetz zuoberst steht, dauern Friede und Zufriedenheit an.

Auf der einen Seite bekämpft der Islam die Doktrin des Kapitalismus, daß die Eigentumsrechte keiner Staatskontrolle unterworfen sind und daß es dem einzelnen »freisteht«, wenn er der Stärkere ist, in Überhöhung der Rechte des Individuums und zum Schaden der Rechte der Gemeinschaft als Ganzer Aggressionen und Tyranneien gegen den Schwächeren zu begehen; auf der anderen Seite betrachtet er die Unantastbarkeit des Eigentums als fundamental.

Wohlstand ist der Grundstein, auf dem die Unabhängigkeit und Freiheit innerhalb einer sozialen Ordnung errichtet sind. Das allgemeine Wohl muß das regulierende Prinzip sein, welches das persönliche Verfügungsrecht über das Eigentum bestimmt. Daher bekämpft der Islam gleichermaßen die völlige Verwerfung privater Initiative und privaten Eigentums durch den Kommunismus, welcher dem Staat den Prämienschlüssel anvertraut und den einzelnen auf eine so untergeordnete Stellung hinabstuft, daß er keinen Wert als Person an sich mehr besitzt, bloß noch ein Werkzeug des Staates ist — ein Magen, den der Staat füllt und danach ausbeutet, wie es ein Landwirt mit seinen Pferden und seinem Vieh tut.

Die Kommunisten vertreten den Standpunkt, daß es von Natur kein Pri‌vateigentum gibt. Sie behaupten, ohne den Beweis für ihre These anzutre‌ten, daß die ersten Gemeinschaften der Menschen alles gemeinsam besaßen in Zusammenarbeit, Liebe und Brüderlichkeit und daß kein Mensch je sagte: was er gerade habe, gehöre ihm auch. Die menschliche »Gemein‌schaft« habe kommunistisch in allem und jedem begonnen und jedem zuge‌teilt, was er eben brauchte. Der Anspruch auf persönliches Eigentumsrecht, verfechten sie, habe sich nur stufenweise und langsam entwickelt, bis es zu jenen schrecklichen Maßlosigkeiten kam, die heute in der Welt offen zutageliegen.

Ach, ihr utopisches »Goldenes Zeitalter« ist ein Wunschtraum; denn die Tatsachen zeigen, daß persönliche Eigentumsrechte nicht ein Ergebnis der Entwicklung habsüchtiger Tendenzen in einem besonderen Milieu waren. Eigentum ist gleichaltrig mit dem Erscheinen des Menschen auf der Erde; es gehört zur menschlichen Natur wie alle anderen angeborenen Triebe und kann ebensowenig bestritten werden wie jene. Moderne Volkswirtschaftler sagen: der allgemeine Sinn für Eigentum, der sich in jedem Stamm auf Erden und in jedem Zeitraum findet, ist nur durch einen ursprünglichen Instinkt zu erklären. Der Mensch möchte der alleinige Herr der Güter sein, die seinen Bedürfnissen dienen, damit er sich wirklich frei und unabhängig fühlen kann. Weiter spürt einer, daß Güter, welche ihr Dasein der harten Arbeit seiner Hände verdanken, gewissermaßen eine Ausdehnung seiner selbst sind und daß sie daher dieselbe Achtung verdienen, die er für die Unverletztheit seiner Person verlangt. Schließlich fühlt er den inneren Drang vorzusorgen, um seine Zukunft und die seiner Familie zu sichern, wobei er eine Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit entwickelt, die er schon als Vorsorge gegen einen regnerischen Tag anwendet. Diesen Vorrat hütet er eifersüchtig als »sein Eigen«.

 

Der Reichtum der Gemeinschaft nimmt mit dem Wachsen des Privatbesitzes und der Produktivität zu, denn eine gesell‌schaftliche Einheit besteht nur durch den Fleiß ihrer Mitglieder. Der Anreiz zu harter Arbeit liegt in der Belohnung durch persönliches Eigentumsrecht und in vermehrtem Behagen. Weshalb eben die Gesellschaft dem einzelnen das Recht zugestehen muß, das, was seine Mühe geschaffen hat, auch zu besitzen, weil das Wohlergehen der Gesellschaft selber ein Produkt jener Mühe ist.

Der Islam, mit seinem praktischen und realistischen Angehen des Men‌schen wie er ist, anerkennt die Bedeutung des Dranges nach Eigentum als eines schöpferischen Faktors für jeden sozialen Fortschritt; daher seine Gesetzgebung, die ihm den Besitz an allem sichert, was ihm seine Hand auf anständige und gesetzliche Weise gewonnen hat, wobei seine Produk‌tivität als Garantie seines Rechtes auf Eigentum betrachtet wird.

Der Islam weist die Behauptung zurück, Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt seien unvermeidliche Folgeerscheinungen des Privatbesitzes; denn sie treten ja nur in Erscheinung, wo die gesetzgebende Gewalt in den Händen der Reichsten ist und von ihnen, wie in westlichen Ländern, nur für den Schutz ihrer eigenen Interessen eingesetzt wird. Da das Gesetz des Islam sich aber von der höchsten übergreifenden Autorität Gottes herleitet, ist es gänzlich unparteiisch: es kann also kein Gesetz von ihm erdacht werden, welches zum Ziele hätte, die Reichen zu beschützen oder die Armen zu benachteiligen. Von Anfang an hat der Islam das Privateigentum aner‌kannt, aber immer mit der Auflage, daß Gewalt und Unterdrückung ausge‌schlossen bleiben.

Der Islam vertritt die Meinung, daß es unrecht ist, die Fabriken den Händen derjenigen zu entwinden, die sie gründeten und sie durch geduldi‌ges Ausharren mit Mühe und Plackerei so weit aufbauten, daß sie Arbeit für viele, Güter für die Gesamtheit und natürlich auch Gewinn für sie selber einbringen. Denn der Islam ist der Ansicht, daß ein solcher Griff zur Ge‌walt, der den initiativbegabten Menschen die Produktionsmittel wegnimmt, der sozialen Sicherheit und der Achtung für die Rechte des Individuums ab‌träglich ist. Er entmutigt den Erfindungsgeist, die Initiative und den Wage‌mut. Trotzdem aber kann und sollte eine Regierung die Leitung großer Industrien und die Gründung von Fabriken so kontrollieren, daß für soziale Gerechtigkeit, gerechten Lohn, soziale Leistungen und die Einkünfte der Regierung selber gebührend Sorge getragen wird.

In sie eine freie Wirtschaft garantiert und dabei gleichzeitig die Freiheit jedes einzelnen Mitglieds und den Nutzen der Ge‌meinschaft durch bestimmte vernünftige und notwendige Regelungen der privaten Eigentumsrechte sichert. Der Drang nach Eigentum wird als ange‌boren aind darum zur menschlichen Natur gehörig anerkannt, so daß die einzigen Schranken, die ihm auferlegt werden können, von den übergrei‌fenden Interessen der Gemeinschaft als Ganzem diktiert werden, welche natürlich auch die besten Interessen jedes einzelnen beinhalten.

 

Der Islam betrachtet den Besitztrieb als einen von Gott eingepflanzten Antrieb, der dem Menschen eingibt, für die Verbesserung seines Unterhalts und für eine Steigerung der Produktion hart zu arbeiten; aber er reguliert das Aus‌leben dieses Antriebs durch Vorschriften, welche sich möglicher Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung, Nötigung und anderen .Formen mißbräuch‌lich verwendeter Freiheit in den Weg stellen. Diese Einschränkungen sichern die Interessen der Gemeinschaft, und obwohl sie dem Schalten des einzelnen Schranken setzen, sind sie der Freiheit in keiner Weise abträglich, weil sowohl das Gemeinschaftsleben wie die individuellen Freiheitsrechte dem Verhalten Grenzen auferlegen müssen, die das Überleben beider, des einzelnen wie der Gemeinschaft, gewährleisten. Sie müssen daher Ächtun‌gen aussprechen gegen Gewinnsucht, Veruntreuung, Horten, Knickerigkeit, Habsucht, Wucher, gewaltsame Wegnahme des Eigentums anderer und derartige kriminelle, gegen die Gemeinschaft gerichteten Methoden, Kapi‌tal anzuhäufen.

 

Kapitel 7

Der Islam und die Wirtschaft (2)

Die Wirtschaftshistoriker sagen uns, daß das kapitalistische System zu Anfang einfach und wohltätig war; aber der Brauch, Geld gegen Zinsen aus-zuleihen, steigerte sich Schritt für Schritt zu den gegenwärtigen schädlichen Auswüchsen. Damit einher entwickelte sich der Bankrott kleiner Unter‌nehmen und ihre Verschmelzung zu riesigen komplexen Gesellschaften und Finanzgebilden. Der Islam etikettiert solchen Wucher als »Sünde« und er tut dasselbe bei ungesunder Hochkonjunktur und plötzlichen Preis‌stürzen, die untrennbar vom System sind.

Die Gesetzgebung des Islam hat die Zahlung eines »Zakat« (Armenunter‌stützung) von 20% der Kapitalgewinne der Reichen für die Unterstützung der Bedürftigen eingeführt. Dies hilft Unterschiede auszugleichen, extreme Unterschiede geringer werden zu lassen und eine übermäßige Anhäufung von Reichtum kurz zu halten. Eine weitere Regelung des Islam, mit gleichem Ziel und Ergebnis, ist das Recht der Regierung, den Reichtum besonders zu besteuern, da er die Auffassung vertritt, daß Gott dieser Welt seine guten Gaben zum Wohle aller gegeben hat, wie man an den Wäldern, Riedbänken, dem Weideland, den Wüsten, Gebirgsketten, Bodenschätzen und Bergwerken sehen kann.**)

Auch Grundbesitz kann öffentliches Eigentum werden, wenn der verstor‌bene Eigentümer kein Testament hinterlassen hat oder weil er als Entschä‌digungszahlung dienen muß, so daß er ebenso für alle da ist, wie Gott es für alle Dinge gemeint hat. Die Testamentgesetze des Islam beschneiden auch ein ungebührliches Anhäufen von Besitz in den Händen einer Familie im Laufe von Generationen.

Die Voraussetzungen, unter denen also der Islam seine Achtung der Rechte des Privatbesitzes einschränkt, sind von der Notwendigkeit diktiert: sicherzustellen, daß die Privilegien eines einzelnen niemals die Wohlfahrt der islamischen Gemeinschaft in Frage stellen. Deswegen kann eine ge‌rechte islamische Regierung bei einem Notstand oder Aufruhr die Macht‌befugnisse, die ihr zur Verfügung stehen, sowohl zur Abwendung künftiger Gefahren einsetzen wie auch die Gesellschaft so lenken, daß die muslimi‌schen Massen keine Not leiden, wenn sie es für angemessen hält.

**) Die aride,oft Wüstenzone, die sich vom Atlantik fast 6000 Meilen weit bis in die moham‌medanischen Sowjetrepubliken der westlichen Gobi erstreckt, kann nur eine dürftige Zahl Menschen ernähren, zumeist Nomaden mit wenig gutem Weideland. »Gottes Gaben« sind hier andere als bei uns, und die Sonne wird nicht erwähnt, weil zuviel, der Regen nicht, weil zu wenig davon da ist. (Anm. d. Übersetzers)

 

Der Boden einer Nation darf nicht Beute einer Handvoll von Eigentü‌mern werden. Armut und Unterernährung der Massen dürfen nicht unbe‌achtet bleiben. Dies sind unverrückbare Prinzipien, die vom Islam offen und fest, gewissenhaft und energisch verfochten werden. Der Glaube verurteilt das schädliche Eindringen moderner kapitalistischer Praktiken in die Welt der Muslims und ächtet die Gier und den Geiz, die zu Versklavung, Krieg und Imperialismus führen.

Im Qur'an (Sure 59 — »AI Heshr« — »Die Truppenansammlung«, Vers 7 zum Teil): »Die Anordnungen, die wir für die Verteilung des Eigentums offenbart haben, sind zu dem Zweck erlassen, daß das Kapital nicht nur bei den Kapitalisten unter euch zirkulieren darf.«

Zusätzlich zu den gesetzlichen Bestimmungen, welche die korrekte Ver‌wendung von Geldern und Ressourcen sicherstellen, indem sie Verstöße bestrafen, bringt der Islam also völlig neue Motive zum Tragen, wie unser Koranzitat zu verstehen gibt: er richtet das Streben des Menschen auf Gott. Er gibt seinem Verhalten auf der zu Ihm führenden Straße Stromlinienform. Diese Straße hat auf jeder Seite moralische Schutzwehren, die der Aspirant nicht überschreiten möchte. Die Straße ist mit Menschenliebe, Zuneigung, Wohltätigkeit und Selbstaufopferung gepflastert, was bedeutet, daß kein Muslim sich freiwillig zu Handlungen hergeben wird, welche anderen Un‌recht zufügen. So weigert sich nun das Gewissen des einzelnen, übermäßig viel Kapital anzuhäufen, und der Arbeitgeber weigert sich, Härte oder Unterdrückung anzuwenden, um seine Arbeiter zur Arbeit zu zwingen.

Diese erhabene Herausforderung für den Geist, die darauf zielt, dem einzelnen zu helfen, wie er Gott begreifen lernt und daher auch seinen Nach‌barn liebt, ist tief in sein Gewissen eingepflanzt, so daß ein Mensch seine Freuden und seinen Schatz darin findet, wie er seinem Schöpfer wohlgefällt; dies übertrifft alle übrigen Werte für ihn. In Wahrheit haben freilich der heutige Verfall der Religion und das Nachlassen des Glaubens an das Jüngste Gericht zu Habsucht, Gier, Bosheit und den vielen Arten von Unge‌rechtigkeit und Unterdrückung geführt, die wir um uns erblicken. Wenn die Beziehungen der Menschen zu Gott nicht in Ordnung sind, dann werden auch ihre Beziehungen untereinander nicht in Ordnung sein. Eine Revolu‌tion der Gewissen führt zu einer Revolution in der Seele, in der Gesellschaft und in der Welt. Dies hat uns die Geschichte in der Praxis gelehrt, genau wie die Vorschriften der Religion.

Die gleichen Überlegungen lassen sich auf die Ideologie des Kommunis‌mus anwenden, und wir werden bald sehen, daß das Wissen des Islam den materialistischen Ausartungen in Ost und West überlegen ist.

Moderne Philosophen wie William James, Harold Laski, John Strachey, Walter Lippmann kritisieren beim Kommunismus, daß er die Person und die Gemeinschaft zugunsten der Allmacht des Staates abgeschafft hat und führen aus, daß Persönlichkeit und Unternehmensgeist des einzelnen in einer solchen Umgebung ersticken. Andererseits wird bei der kapitalisti‌schen Demokratie die individuelle Freiheit zum Nachteil des sozialen Fort‌schritts überbetont; dann kommt es zu einer Oligarchie der Reichen, welche sich zu Herren der Produktionsmittel aufschwingen und alle anderen in Wirtschaftssklaven verwandeln.

 

Von entgegengesetzten Richtungen her ge‌langen sie zu derselben Schlußfolgerung, nämlich daß die Menschen sich eine innere Disziplin auferlegen müssen, wenn sie sich wahrer Freiheit erfreuen wollen, so widersprüchlich das auch klingen mag, und daß das Gedeihen der Gesellschaft davon abhängt, daß ihre Mitglieder diese Frei‌heit selbstverantwortlich ausüben. Was ist ihre Schlußfolgerung anderes als die Bestätigung der Lehre, die der Islam seit 14 Jahrhunderten predigt? Es ist an der Zeit, daß die Lehren der Geschichte, die Schlüsse der Philo‌sophen und die Grundsätze der Religion zu Richtlinien für das Verhalten von Menschen und Gemeinschaften allerwärts würden.

Im Jahre 1951 widmete die juristische Fakultät der Universität Paris eine Woche dem Studium des islamischen Feqh (Kanonisches Recht). Sie luden Fachleute aus mohammedanischen Ländern rund um die Welt für die Aufhellung besonderer Punkte ein, z. B.

1.       kanonisches Eigentumsrecht beim Islam,

2.       Voraussetzungen für urkundliche Eigentumsübertragungen, worin das
Wohl der Gesellschaft und der Öffentlichkeit gewahrt werdensollen,

3.       Verantwortung des Übeltäters,

4.       gegenseitige Beeinflussung von Glauben und kanonischem Recht beim Islam.

Der Vorsitzende der juristischen Gesellschaft in Paris leitete die Konfe‌renz und faßte am Ende das Ergebnis folgendermaßen zusammen: »Was auch immer unsere früheren Vorstellungen vom Recht des Islam, seiner Starrheit und Unzulänglichkeit beim Beurkunden von Transaktionen gewe‌sen sein mögen — wir sahen uns gezwungen, sie in dieser Konferenz zu revi‌dieren. Lassen Sie mich die neuen Einsichten zusammenfassen — neu, wie ich denke, für die meisten von uns, welche uns diese Konferenz, die sich in dieser Woche besonders mit dem Feqh, dem kanonischen Recht des Islam, befaßte, vermittelt hat. Wir sahen darin eine Tiefe felsenfester Prinzipien und bis in Einzelheiten gehender Sorgfalt, welche die Menschheit in ihrer Gesamtheit umfassen und daher in der Lage sind, auf alle kritischen Situa‌tionen und Ereignisse unserer Zeit eine Antwort zu geben. In unserem Schlußkommunique sagen wir: »Das kanonische Recht des Islam sollte zu einem gestaltenden Element aller neuen internationalen Gesetzgebung für die Bewältigung der heute anstehenden Fragen gemacht werden, weil es einen rechtlichen Schatz von stabiler Allgemeingültigkeit besitzt, welcher seinen Feqh bei dem heutigen Durcheinander religiöser Ansichten und Ver‌lautbarungen befähigt, es mit den dringenden Erfordernissen aufzunehmen, welche uns die neuen Lebensformen, die in der modernen Umwelt ent‌stehen, auferlegt haben.«

 

Kapitel 8

Der Islam und der Fortschritt des Geistes

Die meisten Abendländer wissen nichts davon, wieviel ihre Kultur dem Islam schuldet, sogar hinsichtlich der industriellen Umgestaltung, des wis‌senschaftlichen Fortschritts und des philosophischen Neulands unserer Zeit.

Der Islam kam inmitten eines der rückständigsten Völker zur Welt. In sehr kurzer Zeit hatte er diesen Völkern einen Vorsprung auf jedem Gebiet verschafft.

Das größte Wunder war, daß er als ein Erwachsener des Geistes in einer so verdorbenen und armseligen Umwelt auftrat.

Sein zweites Wunder war, daß er diese Umwelt durch die schiere Kraft der Eingebung ohne jede Unterstützung von außen zu einer Bestimmung ohnegleichen erhob.

Sein drittes war, einen kulturellen Brennpunkt zu errichten, von dem starke Wellen ausstrahlten, die eine Renaissance in anderen Völkern ver‌schiedenster Herkunft anregten.

Die Wandlungen, die er bewirkte, umfassen die bis dahin größte Revo‌lution in der Geschichte: eine Revolution der Vernunft und Aufnahmefähig‌keit, in Denken und Verstand, in den Beziehungen zwischen Individuen und Gemeinschaften, überhaupt in jedem Bereich menschlichen Lebens.

Am Ende seines ersten Jahrtausends erstreckte sich der Islam von der Atlantikküste Afrikas im Westen bis zur Großen Chinesischen Mauer im Osten, vom Mittelmeer bis zur Sahara in Afrika. In Spanien eroberten seine Truppen zuerst Andalusien, dann ganz Spanien bis zu den Pyrenäen und drangen sogar durch Südfrankreich weit nördlich bis Tours vor. Der ganze »Jezirat-ul'Arab« wurde natürlich muslimisch. Vom muslimischen Iran und Afghanistan aus eroberten andere Truppen den Sind, Pandschab und die Gobi — und dies in ein paar kurzen Jahrhunderten. In allen seinen Bereichen wurden die in der arabischen Heimat erarbeiteten Prinzipien auf die neuen Gemeinschaften unter seiner Herrschaft angewandt. Im beson‌deren seine Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die humanen Früchte seiner peinlich genauen Sorge für das Individuum und dessen Stellung in der Gesellschaft, welches die eigentlichen Kennzeichen des Islam sind, und die den Gemeinschaften auf dieser ungeheuren weiten Fläche ihren Stempel aufgedrückt haben.

Die erste Aufgabe war der Sturz von Tyranneien; die zweite die Begrün‌dung einer gesunden islamischen Herrschaft mit Respekt vor den Men‌schenrechten; die dritte die Aufklärung von Verstand, Forschung und Denken; die vierte die Propagierung des Glaubens dank seiner ruhigen An‌ziehungskraft für Vernunft und Logik und durch die Tiefe und Weite seiner Schau; die fünfte, vielleicht ruhmvollste von allen, weil ohne jede Namens‌nennung;

 

daß Völker aller Glaubensrichtungen von seiner eigenen überle‌genen Auffassung von Moral, Geist und Seele angesteckt wurden.

Diese letzte Errungenschaft hob nicht nur das allgemeine Niveau der Völker jeglicher Religion überall in der Welt, sondern zog auch viele Proselyten aus den Götzenanbetern Arabiens, den Animisten Afrikas, den Magiern und Anhängern des Zoroaster in Iran und den Christen Ägyptens und Syriens an sich.

Das vor-muslimische Arabien besaß keine Spur von Kultur, Wissen‌schaft, Gelehrsamkeit oder Volkswirtschaft; aus geographischen Gründen lebten die Araber in Dürftigkeit und Elend, ein Opfer abergläubischer Vor‌stellungen, isoliert von dem, was in der Welt vor sich ging. Der Islam änderte dies alles und ging weiter: er öffnete Herz und Verstand der Men‌schen überall für neue Möglichkeiten.

Im weit entfernten Andalusien erwuchs, vom Islam inspiriert, eine Schule von Gelehrten, Schriftstellern, Mathematikern, Forschern und Philosophen, die das von den Griechen 1500 Jahre zuvor erreichte gedankliche Niveau wiederbelebte und von da zu Höhen fortschritt, die der Mensch nie zuvor er‌reicht hatte.

Moderne Wissenschaftler jedes Landes, selbst solche, deren Vorurteile sie lieber an einer kritischen, ja feindseligen Haltung gegenüber dem Islam fest‌halten ließen, wurden immer aufmerksamer, wie schnell sich der Muslini‌glaube ausbreitete, welche wohltätigen Resultate er für ein kühnes Denken und Forschen der Menschheit und die fortschrittlichen Ideen bewirkte, die er anderen stehengebliebenen Kulturen brachte.

Es sollte von unseren »Progressiven« allerwärts festgehalten werden, daß dieser glanzvolle Fortschritt für die gesamte Menschheit der Begleitumstand moralischer Selbstdisziplin, einer Vermeidung von Ausschweifungen, die auf eine Lockerung der Zügel gegenüber heftigen Begierden folgen und einer bewußten Steuerung der schöpferischen Instinkte war — was diese in künstlerische, geistige und gesellschaftliche Kreativität einmünden ließ, die reifer Menschen würdig ist. Diese innere Disziplin, welche der Mensch braucht, fördert die innere Freiheit, nach der er sich sehnt, und das ist einer der Gründe, warum der Islam den Menschengeist im frühen Mittelalter weithin beherrschte. Denn er bot ihnen nicht nur gesündere äußere Lebens‌formen, sondern auch Bestätigung für den Kern der Seele. Er schaffte die wilden Verfolgungen ab, die durch kurzsichtige Bigotterie und kleinkarier‌ten Fanatismus entstanden waren.

Aus diesem Grund sprach Sultan Kemal-ul-Mulk, der Neffe Saladins, als Mann zu Mann und als Abkömmling desselben Geistes zu Franz von Assisi, als der Heilige aus dem Lager der Kreuzfahrer unter König Ludwig die Linien überschritt, den die Muslims vor Damietta zum Stehen gebracht hatten. Es war dieselbe universale Menschlichkeit, welche den weiten Kon‌trast zwischen Omars barmherziger Behandlung der Christen bei der Erobe‌rung Jerusalems und dem barbarischen Hinschlachten der muslimischen Bewohner Jerusalems durch die europäischen Kreuzfahrer bewirkte, die es für kurze Zeit 300 Jahre später zurückeroberten. An die Stelle solcher Grausamkeit setzte der Islam eine verfassungsmäßige Regierung, eine mensch‌lich geordnete Gesellschaft,

 

,eine übergreifende Denkweise, die die gesamte Menschheit umfaßte.

Im finsteren Mittelalter Europas, als die Kirche ihre Macht über die ver‌schiedenen Völker begründete und sie in die einschnürenden Bande des Status quo einschloß, baute der Islam eine vielseitige Kultur auf, welche die Basis abgab für jene Blüte der Wissenschaft, des Wissens, der künstleri‌schen und handwerklichen Schöpferkraft, welche wir die »Renaissance« nennen. Dies geschah, während die Kirche Galilei verdammte, weil er des Kopernikus' Lehre vom Kreisen der Erde um die Sonne bestätigte und ihn zu seinem berüchtigten Widerruf zwang: »Ich, Galileo Galilei, im 70. Jahr meines Lebens (1633 n. Chr), liege vor Euren Hochwürden (dem Papst und den Bischöfen) auf den Knien, die Heiligen Schriften vor meinen Augen, und küsse sie, wobei ich die törichte Behauptung, die Erde bewege sich, bereue und widerrufe. Ich betrachte diese Behauptung als eine hassenswerte Ketzerei.« Und doch murmelte er halblaut und rebellisch: »Eppure si muove.«

Dabei hatte bereits 500 Jahre vorher unser eigener großer Astronom und Mathematiker Omar Khayyam aus Nishapur (er wirkte in der 2. Hälfte des 11. Jh. n. Chr., als Wilhelm der Bastard England eroberte), dem Iran den Jalali-Kalender geschenkt, welcher es bis zum heutigen Tag ermöglicht, unser neues Jahr nicht nur mit dem Tag, sondern mit der genauen Stunde, Minute und Sekunde zu beginnen, wann die Erde einen Umlauf beendet und einen neuen um die Sonne zur Frühling- Tag- und -Nachtgleiche beginnt! Wie wenige Abendländer wissen das! Sie halten ihn für einen Dichter, obwohl er darin bedeutungslos war, sehen aber nicht, daß, hätten sie seine Weisheit begriffen, sie sich all ihre gregorianischen Änderungen des Julianischen Kalenders hätten ersparen können, mitsamt dem Verlust ihrer »ll Tage«!

Roger Bacon (1214—1292 n. Chr.), der franziskanische »Doctor Mira-bilis«, mußte während der Regierung Eduards I. von England seine experi‌mentellen Untersuchungen einstellen, wozu ihn seine Vorlesungen in Paris über Aristoteles, insbesondere dessen »Liber de causis« geführt hatten, und wurde von Oxford zurück nach Paris gejagt, um unter den Augen der Kirche zu bleiben, — Augen, die zu eng und zu scheinheilig waren, als daß sie den Reichtum an wissenschaftlichen Schätzen begriffen hätten, die er ihnen aufschloß. Er wurde als Pfuscher in teuflischer, satanischer Alchemie angeklagt, und der Mob wurde angestachelt zu schreien, »die Hand dieses Zauberers abzuhacken und diesen .Muslim' des Landes zu verweisen«. Heutigentags würdigen europäische und amerikanische Historiker und Gelehrte die grundlegenden Beiträge, die der Islam jeglichem modernem Fortschritt in der Naturwissenschaft, der Mathematik, Technologie, Philo‌sophie in vieler Beziehung gebracht hat, was dieses kurze Kapitel in vieler Hinsicht nur am Rand hat zeigen können.

 

Kapitel 9

Revolution in der Kultur

Man kann keinen besseren Beweis für die Leidenschaft des Islam zur Aus‌breitung der Belesenheit von seinen allerersten Anfängen an liefern, als die Worte des Propheten selber, der nach der Schlacht von Badr und dem Sieg der Muslims zu der riesigen Menge, die sie gefangengenommen hatten, sagte, wenn einer von ihnen sich loskaufen wolle, aber das Lösegeld dafür nicht habe, könnte er seine Kenntnis des Lesens und Schreibens dafür verwenden, und jeder Trinitarier, der 10 Muslims das Lesen und Schreiben beibringe, würde damit seine Freiheit gewinnen. Seine Ankündigung wurde in die Praxis umgesetzt und so geschah es, daß eine große Zahl seiner ur‌sprünglichen Anhänger sich auf den Weg zur Bildung machte.

Sein Neffe und Nachfolger, der Imam Ali, der gesegnet sei, erklärte, die Verbreitung von Wissenschaft, Wissen, Kultur und geistiger Fähigkeiten sei eines der Verdienste, das jede muslimische Regierung begehren und er‌reichen sollte. Die Aufzeichnung seiner Worte, so wie sie überliefert sind, lautet: »Leute! Ich habe Rechte über Euch und Ihr habt Rechte über mich. Euer Recht über mich ist, daß Ihr darauf besteht, daß ich Euch immer Führung und Rat zuteil werden lasse und Euer Bestes suche, die öffentli‌chen Mittel und Euren ganzen Lebensunterhalt verbessere und Euch dabei helfe, aus Unwissenheit und Analphabetentum die Höhen des Wissens, der Bildung, der Kultur, des sozialen Umgangs und guter Führung zu erklim‌men.«

215 Jahre nach der Hedschra gründete der Abbasiden-Kalif Ma'amoun ein »Haus der Weisheit« in Bagdad als Mittelpunkt der Wissenschaft und stattete es mit einem astronomischen Observatorium und einer öffentlichen Bücherei aus, für die er 200 000 Dinar (das Äquivalent von rund 7 Millionen Dollar) bereitstellte. Er versammelte eine große Zahl von Gelehrten, die mit Fremdsprachen und verschiedenen Disziplinen vertraut waren, wie Honain und Bakht-eeshoo' und Ibn Tariq und Ibn Muqafa' und Hajaj bin Matar und Sirgis Ra'asi (sie alle zu erwähnen ginge zu weit), bestimmte einen gro‌ßen Betrag für sie und sandte viele von ihnen in sämtliche Länder der Welt, um Bücher über Medizin, Philosophie, Mathematik, Schöne Literatur auf Hindi, Pahlevi, Chaldäisch, Syrisch, Griechisch, Lateinisch und Farsi zu sammeln. Es heißt, daß die umfangreichen Sammlungen, die sie nach Bagdad sandten, über hundert Kamelladungen umfaßten!

Europa hatte in jenen Jahrhunderten keine einzige Universität oder Kul‌turzentrum aufzuweisen, als islamische Länder deren schon viele besaßen, die mit Fachleuten und Spezialisten aus allen Zweigen der Wissenschaft ausgestattet waren. Diese Zentren des Islam fingen nun an, Wellen glanzvollen neuen Denkens in die Welt

 

auszustrahlen, genau in dem Augenblick, als die Kreuzzüge in Gang gesetzt wurden. Ja, man könnte vielleicht sogar sa‌gen, daß die neue, vom Islam geförderte Bildung selber den Europäern einen Teil ihres neuen Denkens zur Verfügung stellte, die jede Art von Tapferkeit, welche sie in jenen verheerenden Kriegen bewiesen, ermöglichte und den Neid und die Gier zur Leidenschaft anfachte, weil sie sich ja nun dieser Schätze selbst bemächtigen wollten, die sie den Islam den Völkern unter seiner Herrschaft bringen sahen.

Dr. Gustave le Bon schreibt auf S. 329, Bd. III seiner »Geschichte der islamischen und arabischen Kultur«: »In jenen Tagen, da Bücher und Bibliotheken für die Europäer nichts bedeuteten, besaßen viele islamische Länder Bücher und Bibliotheken die Menge. Tatsächlich befanden sich in Bagdads ,Haus der Weisheit' 4 Millionen Bände, in der Bücherei des Sultans in Kairo l Million, in der Bibliothek von Tripolis (Syrien) 3 Millio‌nen; und dabei wurden in Spanien allein, soweit es unter Muslim-Herrschaft stand, jährlich zwischen 70 000 und 80 000 Bände publiziert.«

G. l'Estrange in seiner »Erbschaft des Islam« schreibt auf S. 230: »Die Universität Mustansariyya wurde mit einer Ausrüstung ausgestattet und auf einem gewaltigen Gelände mit College-Gebäuden mit derartiger Pracht er‌baut, daß ihresgleichen weder in der Welt der Muslims noch anderswo zu finden ist. Seine vier Rechts-Kollegien, jedes mit 75 Studenten und einem Professor, der die Studenten gratis unterrichtete, zahlten dem Professor ein Monatsgehalt, während jeder der 300 Studenten monatlich einen Golddinar bekam; eine College-Küche bereitete die täglichen Mahlzeiten. Ibn-el-Farat berichtet, daß die Bibliothek in vielen Bereichen der Wissenschaft unschätz‌bare, einzigartige Bände enthielt, die sich jeder Student ausleihen konnte. Schreibgeräte und Papier standen für Notizen bereit, wenn es jemand wün‌schen sollte. Die Universität besaß Hammams (Bäder) und Krankenquar‌tiere. Ihre Ärzte führten täglich eine Inspektion der Colleges durch und schrieben Rezepte für jeden aus, der krank war. Die Collegemagazine konn‌ten die verordneten Arzneien sogleich liefern. All dies zu Beginn des 13. Jh. n. Chr.!«

Dr. Max Meyerhof schreibt: »In Istanbul besitzen die Moscheen zusam‌men mehr als 80 Bibliotheken mit Zehntausenden von Büchern und alten Manuskripten. In Kairo, Damaskus, Mosul, Bagdad sowie in iranischen und indischen Städten stehen andere große Bibliotheken voller Kostbarkei‌ten. Ein richtiggehender Katalog all dieser wertvollen Bände liegt zur Stunde noch nicht komplett im Druck vor. Außerdem enthält die Bibliothek des Escorial auf der iberischen Halbinsel eine riesige Abteilung mit Büchern und Manuskripten, die von islamischen Gelehrten des Westens verfaßt wurden und die auch noch nicht vollständig katalogisiert ist.«

Dr. Gustave le Bon schreibt in seiner »Islamische und arabische Kultur«, Seite 557/8: »Die Muslims betrieben die Wissenschaften mit tiefem Eifer. In jeder eroberten Stadt war ihre erste Handlung, eine Moschee und danach ein Kolleg zu bauen. Dies führte in einer großen Zahl von Städten zur Er‌richtung majestätischer wissenschaftlicher Institute. Benjamin Toole (gest. 1173 n. Chr.) sagte, er habe in Alexandrien mehr als 20 Kollegien bei der Arbeit gefunden.

 

Bagdad, Kairo, Cordoba und andere Städte besaßen alle große Universitäten mit Laboratorien, Observatorien, riesigen Büchereien und allen sonstigen Erfordernissen für die Bewältigung geistiger Probleme. In Andalusien allein gab es 70 öffentliche Bibliotheken. Die Bibliothek Al-Hakems II. in Cordoba enthielt 600 000 Bände, und 44 Bände waren vonnöten, um sie zu katalogisieren. Als Karl der Gerechte vier Jahrhunderte später die Bibliotheque Nationale von Paris gründete, konnte er gerade 900 Bände zusammenbekommen, und das erst nach vieler Mühsal; ein Drittel davon über Religion.«

Derselbe Autor fügt auf Seite 562 hinzu: »Die Muslims betrieben die Wis‌senschaft mit besonderem Eifer, wo es auf Genauigkeit, Experimente und weitblickende Entdeckungen vermittels Hypothesen ankam, und zugleich schufen sie Bücher, Abhandlungen und höhere Schulen, die ihre geistige Überlegenheit in alle Winkel der Welt ausstrahlten. Damit wiesen sie Europa die Straße für seine Renaissance. Mit Recht also wird der Titel .Europas Professor' der neu erwachten Macht des Islam verliehen, denn durch die Muslims wurden die Schätze alter griechischer und römischer Weisheit wiederentdeckt, vermehrt und Europa zurückerstattet, als es sich aus dem dunklen Mittelalter zu erheben begann.«

Josef Marc Kapp schreibt in seinem Buch »Muslimischer Glanz in Spa‌nien«, S. 170, wo er sich mit den ersten Jahrhunderten des kulturellen Fort‌schritts beim Islam beschäftigt: »Selbst die untersten Gesellschaftsschichten dürsteten danach, lesen zu lernen; und schlichte Arbeiter gaben den letzten Sou, den sie an Nahrung und Kleidung erübrigten, für Bücher aus. Ein Arbeiter brachte eine solche Bücherei zusammen, daß Gelehrte zu ihm strömten. Freigelassene Sklaven und deren Kinder betraten die Reihen der Gebildeten und Männer wie Vafyat-ul-A'iyan Ibn Khalkan legten den Grund für große Fortschritte.«

Nehru schrieb in seinem Buch »Ein Blick auf die Weltgeschichte«, S. 413, mit Bezug auf den Nutzen, den der soziale Fortschritt und die Kultur‌revolution der Muslims in Andalusien brachte: »Cordoba hatte über eine Million Einwohner, einen herrlichen öffentlichen Park von etwa 20 km Länge und Vorstädte, die sich über 40 km weit erstreckten. Da standen 6000 Paläste, Herrenhäuser, große Häuser, 200 000 kleine, schöne Häuser, 70 000 Läden und kleine Geschäfte, 300 Moscheen, 700 öffentliche Ham-mams mit kalten und warmen Bädern. Es gab ungezählte Büchereien, deren umfassendste und bedeutendste die königliche Bibliothek war, welche 400 000 Bände enthielt. Die Universität war in ganz Europa und in West‌asien berühmt. Auch für die Armen wurden Bildungsmöglichkeiten bereit‌gestellt. Tatsächlich schreibt ein zeitgenössischer Historiker, daß damals fast jedermann in Spanien lesen und schreiben konnte, während im übrigen Europa, dem christlichen, abgesehen von den Mönchen und Klerikern, die in Ordenshäusern erzogen wurden, niemand, auch nicht der höchste Adel, es für wert erachtete, auch nur den Versuch zu machen, die Grundlagen des Lesens zu erlernen.«

Um diese Behauptungen zu illustrieren, füge ich acht extrem kurze Kapitel hinzu, jedes über eines anderen Wissenschafts- und Kulturbereich; besonders verpflichtet

 

bin ich der »Legacy of Islam« von Arnold und Guil-laume (erschienen O.U.P. 1931), auf die ich jeden Leser verweise, der seine Kenntnisse erweitern möchte.

 

Kapitel 10

Medizinische Wissenschaft

Dr. Meyerhof schreibt in der »Erbschaft des Islam«, S. 132: »Die Ärzte der Muslims lachten über die ärztlichen Helfer (die Bader) der Kreuzfahrer wegen ihrer plumpen und primitiven Bemühungen. Die Europäer hatten nicht den Vorzug, Bücher von Avicenna, Jaber, Hassan bin Hayhtam, Rhazes zu besitzen. Aber schließlich ließen sie sie ins Lateinische über‌setzen. Diese Übersetzungen sind noch vorhanden, aber ohne die Namen der Übersetzer. Im 16. Jh. wurden die Bücher von Averroes (Ibn Rushd) und Avicenna (Ibn Sina) auf Lateinisch in Italien herausgebracht und als Unter‌richtsgrundlage an den italienischen und französischen Universitäten ver‌wendet.«

Auf Seite 116 desselben Werkes schreibt er, daß nach Rhazes' Tod die Arbeiten von Avicenna (980—1037 n. Chr.) aufgegriffen wurden. Sein Einfluß auf das Denken, die Philosophie und die allgemeine Wissenschaft reichte tief, und seine medizinischen Werke (gegründet auf die Werke Galens, die er in der Bibliothek von Samarkand in arabischer Übersetzung aufgetrieben hatte) hatten eine sensationell weitreichende Wirkung. Andere Wissenschaften folgten: Abu'1-Qais von Andalusien; Ibn-Zahr von Andalu‌sien; Abbas der Perser; Ali ibn-Rezvan von Ägypten; Ibn Butlan von Bagdad; Abu Mansur Muwaffaq von Herat; Ibn Wafeed aus Spanien; Masooya aus Bagdad; Ali ibn-Esau von Bagdad; Ammar von Mossul; Ibn-Rushd (Averroes) von Andalusien — deren Werke, ins Lateinische über‌setzt, auf europäischen Universitäten benutzt wurden. Die Europäer wußten nichts vom Cholera-Bazillus, als der Islam nach Spanien kam. Man be‌trachtete die Seuche als eine Strafe des Himmels um der Sünden willen; aber muslimische Ärzte hatten bereits bewiesen, daß selbst die Beulenpest eine ansteckende Krankheit und sonst nichts war.

Dr. Meyerhof schreibt von Avicennas Buch »Der Kanon«, daß es ein Mei‌sterwerk medizinischer Wissenschaft ist, welches seinen Wert durch 16 auf‌einanderfolgende Ausgaben gegen Ende des 15. Jh. AD bewies, 15 latei‌nische, eine arabische. Im 16. Jh. erschienen wegen seines wissenschaftli‌chen Wertes mehr als 20 weitere Ausgaben. Er wurde noch im 17. und 18. Jh verwendet und unter allen medizinischen Abhandlungen am weitesten bekannt. Noch heute konsultiert man es auf medizinischen Schulen.

Will Durant schreibt, daß Mohammad ibn Zachariah Razi (Rhazes) einer der fortschrittlichsten mohammedanischen Ärzte war, Verfasser von 200 Abhandlungen und Büchern, die auch heute noch das Studium wert sind, besonders seine

 

1.    »Pocken und Masern« (auf lateinisch und in anderen europäischen Sprachen in 40 Auflagen zwischen 1497 und 1866 veröffentlicht) und

2.    »Die Große Enzyklopädie«, 20 heute meist nicht mehr erhältliche Bände: fünf waren der Optik gewidmet (1279 ins Lateinische übersetzt),
 
allein1542 in fünf Ausgaben gedruckt, jahrhundertelang als das Spitzen‌ werk überdas Auge, seine Krankheiten und ihre Behandlung bekannt und eines derneun
 
 grundlegendenWerke, auf welche die Pariser Universität1394 n. Chr. ihrenMedizinkurs aufbaute.

Die Chirurgie machte ähnliche Fortschritte in den Händen islamischer Ärzte, die sogar Anästhetika benutzten, wo man doch annimmt, diese seien modernen Ursprungs. Sie verwendeten Bilsenkraut als Basis.

Unter den Neuerungen des Rhazes befand sich die Anwendung von kaltem Wasser, um Dauerfieber zu behandeln, Schröpfen bei Schlaganfäl‌len, Quecksilbersalben und Tierdarm für Wundnähte und vieles andere.

Weitere Informationen über islamische Medizin können den vielen Büchern über das Thema entnommen werden. Die Diagnose der Tuber‌kulose aus den Fingernägeln, die Heilung der Gelbsucht, der Gebrauch kalten Wassers, um Hämorrhoiden zu verhüten, Steinzertrümmerung in Blase und Nieren, um deren Abgänge zu erleichtern, Bruchoperationen — das sind einige der Fortschritte, die zu zahlreich sind, um sie im Detail auf‌zuführen. Der größte islamische Chirurg war Abu'l-Quasem von Andalu‌sien, den man liebevoll Abu'1-Qays und manchmal Abu'l-Qasees nannte, aus dem 11. Jh., der Erfinder sehr vieler chirurgischer Instrumente und Ver‌fasser von Büchern, worin man ihre Beschreibung und ihren Gebrauch findet — Bücher, die übersetzt in zahllosen Ausgaben auf Lateinisch gedruckt und in ganz Europa verwendet wurden; die letzte Ausgabe er‌schien 1816.

 

Kapitel  11

Pharmakologie

Gustave le Bon schreibt: »Neben dem Gebrauch kalten Wassers, um typhus‌artige Fälle zu behandeln — eine später aufgegebene Behandlung, obwohl man in Europa diese Muslim-Erfindung in moderner Zeit, nachdem Jahr‌hunderte verstrichen sind, wieder aufnimmt — erfanden die Muslims die Kunst, chemische Medikamente in Pillen und Lösungen zu mischen, von denen viele heute noch in Gebrauch sind, obgleich manche davon als völlig neue Erfindungen unseres Jahrhunderts von den Chemikern herausgestellt werden, die ihre berühmte Geschichte nicht kannten. Der Islam besaß Apo‌theken, welche für die Patienten Gratisrezepte ausschrieben; und in Lan‌desteilen, wo keine Krankenhäuser erreichbar waren, machten die Ärzte regelmäßige Besuche mit allen Instrumenten ihres Berufs, um für die öffent‌liche Gesundheit zu sorgen.

Georgi Zeidan schreibt: »Moderne europäische Pharmakologen, welche die Geschichte ihres Berufes studiert haben, finden, daß die Muslimärzte viele der modernen, wohltätigen Spezifika vor Jahrhunderten lanciert, aus der Pharmakologie und gemischten Therapien eine Wissenschaft gemacht und die ersten Apotheken nach modernen Vorstellungen gegründet haben. So gab es in Bagdad allein 60 Apotheken, die laufend Rezepte auf Anwei‌sungen des Kalifen herstellten. Beweise dafür liefern die Namen, die in Europa eine ganze Anzahl von Medizinen und Heilkräutern erhalten haben und ihren arabischen, indischen oder persischen Ursprung verraten, etwa »Alkohol, Alkali, Alkaner, Aprikose, Arsen«, um nur ein paar »a's« zu zitie‌ren.

 

Kapitel 12

Krankenhäuser

Georgi Zeidan fährt fort: »Innerhalb zweier Jahrhunderte nach dem Tode des Propheten besaßen Mekka, Medina und alle anderen großen Muslim-Städte Krankenhäuser, und sämtliche Statthalter der Abbasiden und ihre Gehilfen wetteiferten für ihre eigenen Bereiche, die beste derartige Institu‌tion für die Behandlung der Kranken zu besitzen. Bagdad allein hatte vier bedeutende Hospitäler. Drei Jahrhunderte nach der Hedschra hatte der Statthalter Adhud-ud-Dowleh Deylamy das Adhudi-Hospital mit 24 Spe‌zialisten gegründet, jeder ein Meister in seinem Fach — ein Krankenhaus, das sich bald den Ruf erwarb, alle übrigen im ganzen Islam zu überragen, wenn es auch im Laufe der Zeit seinerseits übertroffen wurde.

Die Ordnung und Anordnung bei den islamischen Krankenhäusern war so gestaltet, daß keine Unterschiede der Rasse, Religion oder des Berufs berücksichtigt wurden, vielmehr jedem Patienten die gewissenhafteste Be‌handlung zuteil wurde. Für Patienten mit spezifischen Krankheiten wurden besondere Stationen eingerichtet. Das waren Lehrabteilungen, wo die Stu‌denten sich die Theorie aneigneten und die Praxis beobachteten. Außerdem gab es bewegliche Hospitäler, welche die Ärzte und ihre Instrumente auf Kamelen, oder Maultieren in jeden Landstrich brachten. Sultan Mahmud der Seldschuke reiste mit einem Spital, welches 40 Kamele für den Trans‌port benötigte.«

Dr. Gustave le Bon schreibt: »Die Muslim-Hospitäler machten die vor‌beugende Medizin und das Gesundbleiben mindestens so sehr zu ihrem Anliegen wie die Heilung der bereits Erkrankten. Sie waren gut belüftet und hatten reichlich fließend Wasser. Muhammad bin Zachariah Razi (Rhazes) erhielt vom Sultan den Befehl, die gesündeste Stelle in der Nachbarschaft Bagdads für den Bau eines neuen Krankenhauses ausfindig zu machen. Er beging jeden Stadtteil und seine Umgebung und hing jedesmal ein Stück Fleisch auf, welches er dort ließ, während er sich um die ansteckenden Krankheiten in der Nachbarschaft kümmerte und dabei die klimatischen Verhältnise studierte, besonders die Beschaffenheit des Wassers. Er wog all diese verschiedenen experimentellen Tests gegeneinander ab und fand, sie wiesen alle auf eine Stelle hin, wo das Fleischstück sich am wenigstens zer‌setzt und ansteckende Bakterien entwickelt hatte. Dort sei die richtige Stelle für das Spital. Diese Krankenhäuser hatten große Gemeinschaftsabteilun‌gen, aber auch Privatstationen für Einzelpersonen. Die Studenten wurden im Diagnostizieren ausgebildet und brachten Beobachtungen und Erfah‌rungen zur Vollendung ihrer Studien mit. Es gab auch besondere Spitäler für Geisteskranke, und Apotheken, welche Rezepte gratis ausfertigten.«

 

Marc Kapp schreibt: »Kairo hatte ein riesiges Krankenhaus mit Spring‌brunnen und blumengeschmückten Gärten sowie 40 großen Höfen. Jeder unglückliche Patient wurde freundlich aufgenommen und nach seiner Hei‌lung mit 5 Goldstücken nach Hause entlassen. Cördoba hatte neben seinen 600 Moscheen und 900 öffentlichen Bädern noch 50 Hospitäler.«

 

Kapitel 13

Chemie

Jaber ibn Haiyan, Schüler des 6. Imam Ja'afar-i-Sadeq, wurde weltbekannt als »Vater der Chemie« und der arabischen Alchemie. Er gewann einen tiefen und anhaltenden Einfluß auf die Chemie und Alchemie des Westens. Einige hundert seiner Werke sind noch vorhanden. Von ihm schreibt der verstorbene Sayyid Hebbat-ud-Din Shahristani aus Kadhemain, einst Erzie‌hungsminister im Irak: »Ich habe an die 50 alte Manuskripte von Werken Jabers gesehen, die alle seinem Meister, dem Imam Ja'-afar, gewidmet waren. Mehr als 500 seiner Arbeiten sind gedruckt worden und finden sich größtenteils unter den Schätzen der Nationalbibliotheken von Paris und Berlin, wobei die führenden Gelehrten Europas ihm liebevoll den Über‌namen .Professor der Weisheit' geben und ihm die Entdeckung von 19 Elementen mit ihren spezifischen Gewichten etc. zuschreiben. Jaber sagt, sie können alle auf ein einfaches Grundteilchen zurückgeführt werden, das aus einer Blitzladung (Elektrizität) und Feuer, dem Atom oder einer kleinsten unteilbaren Einheit der Materie zusammengesetzt ist, was der modernen Atomwissenschaft sehr nahekommt.«

Das Mischen von farbeverleihender Materie, Färben, Auszüge von Mine‌ralien und Kristallen, die Herstellung von Stahl und Gerben gehörten zu den industriellen Techniken, welche die Muslims früh beherrschten. Sie produzierten Salpetersäure, Schwefelsäure, Nitroglyzerin, Salzsäure, Pott‌asche, Ammoniakwasser, Salmiak, Silbernitrat, Schwefelchlorid, Kalium‌nitrat, Alkohol, Alkali, die beide noch unter ihrem arabischen Namen be‌kannt sind, Orpiment (gelbes Trisulfid des Arsen; Arsen ist abgeleitet von dem persischen zar = Gold, Adjektiv zarnee — golden, arabisiert mit dem Artikel ,al' zu ,al-zernee', ausgesprochen ,azzernee' und so ins Griechische übernommen, wo es zu dem erkennbaren ,arsenikon' wurde, was .männlich' heißt, weil die Goldfarbe es angenommenermaßen mit der Sonne verband, einer männlichen Gottheit!) Und schließlich — obwohl das die Liste nicht abschließt, die wir aufzählen könnten — Borax, das arabische booraq. Außerdem waren die Kunst des Destillierens, Verdampfens, Veredeins und die Anwendung von Natrium, Kohlenstoff, Kaliumkarbonat, Chlorid und Ammonium unter dem Kalifat der Abbasiden allgemein verbreitet.

 

Kapitel 14

Gewerbe

Der Abbasidenkalif Harun-al-Raschid schickte Karl dem Großen in Aachen von Bagdad aus eine Uhr als Geschenk, die von seinen Horologen gefertigt war und jede Stunde eine Glocke ertönen ließ, zur großen Verwunderung und Entzücken des gesamten Hofes des erst vor kurzem gekrönten Kaisers über das Heilige Römische Reich.

Das Massaker und die Vertreibung der andalusischen Muslims durch die Christen zog die Schließung vieler großer Manufakturen nach sich, die unter islamischer Herrschaft bestanden hatten, und den Stillstand des Fort‌schritts, der in Wissenschaft, Handwerk, Kunst, Landwirtschaft und ande‌ren Kulturzweigen vor sich gegangen war. Wegen des Mangels an ausgebil‌deten Maurern begannen die Städte zu zerfallen. Madrid fiel von 400 000 auf 200 000 Einwohner; Sevilla, wo es unter den Muslims 1600 Manufaktu‌ren gegeben hatte, verlor alle bis auf 300, und die vorher dort beschäftigten 130 000 Arbeiter hatten nichts mehr zu tun; die Volkszählung unter Philipp IV. wies einen 75%igen Bevölkerungsrückgang auf.

Die Muslims waren es auch, welche den Ersatz des alten Pergaments durch baumwollgewobenes Papier zustandebrachten; diese Erfindung bil‌dete später die Grundlage für die europäische Erfindung des Buchdrucks, wobei man eine alte chinesische Technik verwandte, und damit für das ge‌waltige Anwachsen der Wissenschaft, welches mit der Renaissance ein‌setzte. Mehr noch: da die Mönche nach Pergament hungerten, worauf sie ihre religiösen Werke schreiben konnten, tendierten sie immer mehr dahin, unschätzbare antike wissenschaftliche Texte von alten Pergamenten abzu‌kratzen und diese dann wieder als Palimpseste zu verwenden. Die Einfüh‌rung des Papiers setzte diesem verheerenden Verfahren ein Ende, gerade noch rechtzeitig, um eine stattliche Reihe von Texten zu retten, welche sonst für immer verlorengegangen wären, wie so viele andere tatsächlich.

Ein papiernes Manuskript aus dem Jahre 1009 n. Chr. wurde in der Bibliothek des Escorial gefunden und erhebt den Anspruch, das älteste noch vorhandene handgeschriebene Buch auf Papier zu sein. Seidengewebtes Papier war natürlich eine chinesische Erfindung, weil Seide in China heimisch ist, aber nur selten in Europa vorkommt; und der Genius der Musulmanen lag darin, daß er die Möglichkeit begriff, Baumwolle statt Seide zu verwenden und auf diese Weise Europa mit einem brauchbaren Material für die Reproduktion von Büchern durch die mönchischen Schrei‌ber zu versehen.

Philipp Hitti schreibt in seiner »Geschichte der Araber«, die Kunst des Straßenbaus war in islamischen Ländern so hoch entwickelt, daß Cordoba

 

Meilen gepflasterter Straßen besaß, die nachts vor den Häusern auf beiden Seiten beleuchtet wurden, so daß man sicher gehen konnte, während in London oder Paris jemand, der sich in einer regnerischen Nacht hinaus‌wagte, bis zu den Knöcheln im Schmutz versank — noch sieben Jahr‌hunderte, nachdem C6rdoba gepflastert worden war! Die Oxforder hielten damals das Baden für ein abgöttisches Verfahren, während die Studenten in Ccrdoba in luxuriösen öffentlichen Hammams schwelgten!

 

Kapitel 15

Mathematik

Baron Carra de Vaux, Verfasser des Kapitels »Astronomie und Mathema‌tik« in »Die Erbschaft des Islam« (Oxf. Univ. Press 1931, Seite 376—398) macht darauf aufmerksam, daß das Wort »Algebra« eine Latinisierung des arabischen Ausdrucks Al-jabr (= »die Reduktion«, d. h. von komplizierten Zahlen zu einer einfacheren Symbolsprache) ist, womit er enthüllt, was die Welt den Arabern für diese Erfindung schuldet. Ferner sind die sog. »arabi‌schen Ziffern« es nicht nur dem Wort nach, sondern tatsächlich. Vor allem: daß die Araber den Wert des Hindusymbols für Null (»zero«) erkannten, hat den Grund für unsere ganze computerisierte Technologie gelegt. Das Wort »Zero« wie sein Vetter »Cipher« (Ziffer, arab. = Null) sind beides Ver‌suche, das arabische »sefr« in ein anderes Alphabet umzuschreiben, um die Realität und Bedeutung jenes arabischen Wortes den Europäern zu vermit‌teln.

De Vaux schreibt: »Durch den Gebrauch von Nullen wurden die Araber die Begründer der alltäglichen Arithmetik; sie erhoben die Algebra zu einer exakten Wissenschaft und entwickelten sie beträchtlich; sie begründeten die analytische Geometrie und waren auch unstreitig die Begründer der ebenen und der sphärischen Trigonometrie. Das Astrolabium (safeeha) wurde von dem Araber Al-Zarqali (Arzachel) erfunden, der von 1029—1087 in Spanien lebte. Das Wort »Algorismus« (arab. Dezimalbezeichnung, d. dt. Übers.) ist eine Latinisierung des Namens seines Erfinders, eines Mannes aus Khiva, den man nach seiner Heimatprovinz Al-Khwarizmi nannte. Die Araber hielten das höhere intellektuelle Leben und das Studium der Wissenschaf‌ten in einer Zeit am Leben, als der christliche Westen verzweifelt mit der Barbarei rang.«

Dies ist nicht der Ort, tiefer in die Leistungen der Muslims in Mathematik und Astronomie einzudringen. Es soll genügen, noch einmal auf den Jalali-Kalender von Omar Khayyam mit seinen Formeln für die exakte Berech‌nung der Zeit der Umläufe der Erde um die Sonne hinzuweisen, was weiter oben geschah.

 

Kapitel 16

Geographie

Die Erzählungen aus 1001 Nacht von Sindbad dem Seefahrer und seinen Reisen nach China, Japan und den Gewürzinseln Indonesiens erbringen genug Beweismaterial für die hervorragende Handelsschiffahrt der Araber und die Kenntnis der Meteorologie und Geographie, welche ihnen zur Verfügung stand. Kein Wunder, daß der Islam sich dadurch von Marokko bis Mindanao ausbreitete.

Aber außer in die Meere Südostasiens drangen arabische Seeleute die afrikanische Ostküste entlang weit nach Süden vor; ferner die Flüsse hinauf, die die Zufahrten aus dem Schwarzen Meer in das weite Innere von Rußland bilden. Die Safarnam6 (Logbuch) Suleimans, eines Kapitäns von Seraf, dem Hafen am Persischen Golf, den Dr. David Stronach vom British Institute of Persian Studies vor nicht langer Zeit ausgrub, wurde am Ende des 9. Jh. n. Chr. mit den Berichten über seine Reisen nach Indien und China veröffent‌licht. Es wurde ins Lateinische übersetzt, da es einige der frühesten Kennt‌nisse über China aus erster Hand vermittelt, die je nach Europa kamen.

Der Geograph Ibn Hauqal (um 975 n. Chr.) schrieb in seinem Vorwort: »Ich habe nach Länge und Breite die Orte dieser Erde, die dazugehörigen Länder und Grenzen sowie den Herrschaftsbereich des Islam beschrieben und eine sorgfältige Karte jedes Teils beigefügt, worauf ich die Städte, die Kasbahs (Festungen, d. dt. Übers.), Flüsse, Seen, Ernteerträge, landwirt‌schaftliche Erträge, Straßen, Entfernungen von Ort zu Ort, Handelsgüter und alles sonstige aus der Wissenschaft der Geographie vermerkt habe, was für Herrscher, ihre Minister und allgemein für jedermann nützlich sein kann.«

Abu-Reihan al-Biruni, Ibn Batuta und Abu'l-Haussan gehören neben anderen Namen in der Geschichte der geographischen Wissenschaft zu denen, deren weltweite Reisen von peinlich genauen Beobachtungen und gewissenhaften Aufzeichnungen begleitet waren und damit zu den stolzesten Errungenschaften der Wissenschaft bis heute zählen.

 

Kapitel 17

Kunst

Die Moschee von Cordoba ist eines der schönsten Denkmäler islamischer Kunst in Europa. Architekt und Steinmetzen waren örtliche Talente, die eine Reihe von Neuheiten einführten. Die Muslims zeichneten sich in Mosaik, Einlegearbeiten, Gitterwerk und Applikationen aller Arten aus. Wunderbare Türen, Kanzeln und Decken sind in vielen der alten Moscheen in der ganzen Welt des Islam mit einem spitzenartigen Muster aus Mosaik, geschnitztem Elfenbein, Holz und Gips überzogen und fügten Teile aus geschnitztem Holz mit höchster Kunstfertigkeit ineinander. Eingelegtes und geschnitztes Holz befindet sich überall. Der Altar der Kirche von St. Isidorus Hispalensis (Erzbischof von Sevilla zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr.), wie das elfenbeingeschnitzte Juwelenkästchen, welches im 11. Jahr‌hundert für die Königin Isabella gefertigt wurde, der geschnitzte und mit Silber in gepunztem Gold ausgelegte Elfenbeinkasten aus dem 12. Jahr‌hundert, welcher sich jetzt in der Kirche von Bayeux befindet (offensichtlich eine Kreuzfahrerbeute aus dem Osten) sind Beispiele jener Kunst, die der Ruhm des Ostens war. All diese zarte, exakte Handarbeit wurde mit den pri‌mitivsten, gröbsten Instrumenten ausgeführt, was ein weiterer Beweis für das Geschick und die Kunstfertigkeit der Hersteller ist.

Juwelenbesetzte Kästen, Behälter und Schmuckkästchen sind vielerorts zu sehen, die besten aber doch in den Museen von Damaskus und Kairo. Sehr richtig sagte Sa'adi: »Ein östlicher Künstler braucht vielleicht 40 Jahre, um eine Porzellanvase anzufertigen; im Westen schaffen sie hundert am Tag, alle gleich. Den verhältnismäßigen Wert beider Erzeugnisse kann man leicht einschätzen!«

Die Muslims waren auch unübertroffene Meister in der Kunst geschnitz‌ter und bemalter Gipsarbeiten in einem Stil, der noch immer ausgeführt wird, wenn auch moderne Technologien diese Fertigkeiten leider immer seltener werden lassen. Beispiele aus dem 10. Jh., einige emailliert, gibt es in Andalusien. Die Alhambra besitzt Meisterstücke dieser Kunst aus dem 13. Jahrhundert. Sie leuchten wie die spätere italienische Majolika. Die berühmte Blumenvase von der Alhambra, l 1/2 m hoch, ist einzig in ihrer Art.

 

Kapitel 18

Ergebnis aus Teil II

In diesem Teil unseres Buches haben wir den denkbar kürzesten Abriß von einigen geistigen Schätzen gegeben, welche die Menschheit dem Aufstieg des Islam verdankt.

Sie werden nicht prahlerisch aufgeführt, vielmehr als eine Tatsachen‌bewertung der menschlichen Geschichte. Allzu lange sind sie vernachlässigt und vergessen worden, nicht nur von solchen, denen sie zugutekamen, sondern sogar auch von den eigentlichen Nachkommen derer, die sie ge‌schaffen haben.

Wenn aber die Menschheit sich dazu aufschwingen soll, wie eine geeinte Familie zu leben, was unsere Berufung und Bestimmung ist, wird das nur auf einer Basis gegenseitiger Anerkennung geschehen können.

Diese reife Bewertung ist im Wachsen. Moderne Gelehrte zeigen sich heute dankbar, daß der arabische General Tareq-bin-Ziyyad im Jahre 711 bei dem Berge landete, der seither nach ihm Dschebel-al-Tareq (Gibraltar) heißt. Seine Mauren waren damals unwillkommene Eindringlinge. Es war ein Augenblick, da Europa den Segen der Einigung und des kulturellen Fortschritts durch die Römer größtenteils eingebüßt hatte und in ein dunkles Zeitalter unter barbarischen Horden zurückgesunken war, die es von Norden her überrannten. Mit den Mauren kam ein frischer Stimulus lebenssprühender Geister, welche in arabischer Sprache die besten Gedan‌ken der alten Griechen und Römer mitbrachten, nämlich den Antrieb zum Forschen und zur Bildung, den Drang nach wissenschaftlicher und philo‌sophier Spekulation, die aesthetische Freude an künstlerischem Schaffen.

Islamische Universitäten, die so weit wie Bagdad und Andalusien aus-einanderlagtxi, hießen christliche und jüdische Studenten willkommen, und viele von diesen ernteten hohen Gewinn durch Unterweisungen, wie sie sonst nirgendwo erhältlich waren. Ihre muslimischen Gastgeber empfingen sie mit Beistand und großzügigen Subventionen und behandelten sie als ge‌ehrte Gäste. Dynamik, Statistik, Chemie, Physik befanden sich unter ihren Fächern.

In seiner »Entwicklung der Menschheit« (»Making of Humanity«) schreibt Brilioth: »Die moderne europäische Bildung stammt in allen ihren Zweigen aus dem Wissensdurst und der Beharrlichkeit der Muslims, die Geheim‌nisse der Natur zu ergründen.«

Wenn unser kurzer Abriß die Straße zur Erforschung östlicher Ent‌deckungen für die Abendländer öffnet, sind wir zufrieden und können damit zu Teil III fortschreiten, d. h. untersuchen, wie der Islam einige soziale Probleme angeht, welche jeder menschlichen Gemeinschaft zusetzen.


source : الشیعه
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