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Tuesday 26th of May 2020
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Auszüge ausGeschichten der Rechtschaffenen

Vorwort

Abstrakte, ethische Grundsätze scheitern nicht selten daran, dass diejenigen, die sie aufstellen, nicht danach leben: Sei es, dass sie die nöötige Glaubensstärke nicht besitzen, sei es, dass sie die Menschen zu Handlungen auffordern, deren Erfüllung ihrer existentiellen Bestimmung und ihrer natürlichen Konstitution zuwiderläuft. Moralisches Verhalten kann von der jüngeren Generation und von den kommenden Generationen verlangt werden, wenn ihnen dies mit Worten und Taten vorgelebt wurde und vorgelebt wird. Nicht selten ist die befürchtete geistige Krise der jüngeren Generation im Verhalten der Älteren vorprogrammiert.

Wenn der Glaube der jüngeren an die Grundsätze der Älteren gestärkt werden soll, muß mit anschaulichen Beispielen gezeigt werden, wer, wann, wo und mit welchem Erfolg gehandelt hat. Das ist die Intention dieser kleinen Sammlung der Geschichten der Rechtschaffenen. Sie soll zeigen, wie die Rechtschaffenen unserer Glaubensgemeinschaft in ihrem Verhältnis zu ihren Mitmenschen gedacht und gehandelt haben. Mit diesem Büchlein, das in einer leicht erfaßbaren Sprache und Schrift geschrieben worden ist, mööchten wir vor allem die jüngeren Leser erreichen.

Der Prophet und die zwei Gruppen

 Der Prophet (s.a.s.) betrat einmal die Moschee und wurde auf zwei Gruppen aufmerksam. Beide Gruppen waren beschäftigt: die eine mit Beten und die andere mit dem Lehren und Lernen. Mit Freude beobachtete er beide Gruppen und wandte sich an seine Begleiter: "Beide Gruppen tun Gutes und sind auf dem Weg zur Glückseligkeit. Doch ich bin gekommen, um zu lehren und aufzuklären", sagte er, schloß sich der Gruppe der Lehrenden und Lernenden an und setzte sich zu ihnen. 1

Die Fürbitte

 Ein Mann kam aufgeregt zu Imam Sadiq (a.s.) und sagte: "Beten Sie für mich, damit Gott es mir erleichtert, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn ich bin arm und notleidend." Imam Sadiq (a.s.) antwortete, "das werde ich niemals tun."

"Warum wollen Sie nicht für mich beten?", fragte der Mann. Imam Sadiq (a.s.) antwortete: "Weil Gott uns zu diesem Zweck einen anderen Weg gewiesen hat. Er hat befohlen, das tägliche Brot zu suchen und danach zu streben. Du willst aber zu Hause bleiben und das tägliche Brot mit einem Gebet zu dir kommen lassen."2

Der Reisegefährte auf der Pilgerfahrt

Ein Mann, der von einer Pilgerfahrt zurückgekehrt war, berichtete Imam Sadiq (a.s.) über diese Reise. Er war besonders voll des Lobes über einen seiner Reisebegleiter: Was für ein vorzüglicher Mensch er doch gewesen sei. Sie seien alle stolz darauf gewesen, solch einen noblen Herrn begleiten zu dürfen. Seine ganze Zeit habe er dem Beten gewidmet. Sobald sie Rast machten, habe er sich zurückgezogen, seinen Gebetsteppich ausgebreitet und weitergebetet. Imam Sadiq (a.s.) fragte: "Und wer hat seine Arbeiten erledigt und sein Tier versorgt?"

Der Mann antwortete: "Wir hatten natürlich die Ehre, diese Arbeiten für ihn zu erledigen. Er war so mit seinen heiligen Pflichten beschäftigt, dass er sich nicht um diese Dinge kümmern konnte."

"Dann ist jeder von euch besser als er", sagte der Imam.

Das gemeinsame Essen

Der Prophet (s.a.s.), seine Gefährten und Helfer stiegen von ihren Reittieren ab, stellten die Lasten auf den Boden und beschlossen, einen Hammel zu schlachten und zuzubereiten. "Ich schlachte den Hammel", sagte einer der Gefährten. "Ich ziehe das Fell ab", sagte ein anderer. "Ich übernehme das Kochen", sagte der dritte. "Dann übernehme ich das Holzsammeln in der Wüste", sagte der Prophet. "Bemüht Euch nicht, Gesandter Gottes, macht es Euch gemütlich. Es ist uns eine Ehre, diese Arbeiten zu erledigen", sagten die Begleiter. "Ich weiss, dassihr das für mich tun wollt, doch Gott sieht es nicht gerne, wenn eines seiner Geschööpfe eine Sonderstellung unter seinen Freunden beansprucht", sagte der Prophet, ging in die Wüste und sammelte Disteln und Grashalme.3

Eine Karawane auf der Pilgerfahrt

Eine aus Muslimen bestehende Karawane befand sich auf einer Pilgerfahrt nach Mekka. Als sie in Medina ankam, legte sie einige Tage Rast ein und setzte dann die Reise in Richtung Mekka fort. An einem Rastplatz zwischen Mekka und Medina begegneten die Reisenden einem Mann, den sie kannten. Während sich dieser Mann mit ihnen unterhielt, wurde er auf einen tugendhaft aussehenden Mann aufmerksam, der mit Freude und Eifer den Reisenden diente und die Arbeiten für sie erledigte. Er erkannte diesen auf den ersten Blick und fragte verwundert die Reisenden: "Kennt ihr diesen Mann, der euch dient?"

Sie antworteten: "Nein, wir kennen ihn nicht. Er schloß sich unserer Karawane in Medina an. Er ist ein rechtschaffener, gottesfürchtiger und tugendhafter Mann. Wir haben ihn nicht gebeten, etwas für uns zu tun. Aber er mööchte sich sehr gerne nützlich machen und uns anderen bei der Arbeit behilflich sein."

- "Ich sehe, ihr kennt ihn nicht, sonst wäret ihr nicht so dreist, ihn wie einen Diener eure Arbeiten tun zu lassen."

- "Wer ist denn diese Person?"

- "Er ist Ali, Sohn des Husayn."4

Die Versammelten sprangen erregt auf und wollten als Zeichen der Entschuldigung dem Imam die Hand küssen. Sie beschwerten sich: "Was tun Sie uns da an? Was wäre, wenn wir uns Ihnen gegenüber ungebührlich benommen htten? Dann hätten wir eine grosse Schuld auf uns geladen." Der Imam sagte: "Ich habe euch absichtlich als meine Reisegefährten ausgesucht, weil ihr mich nicht kennt. Leute, die mich kennen, lassen aus Liebe zum Gesandten Gottes nicht zu, dass ich auf Reisen eine Arbeit übernehme und ihnen diene. Daher suche ich mir Mitreisende aus, die mich nicht kennen und denen ich mich nicht vorstelle, so dass mir das Glück zuteil wird, meinen Gefährten zu dienen."5

Der Muslim und der Anhänger der Schriftreligion

Kufa war einst das Zentrum des Islamischen Staates. Das ganze Islamische Reich außer Syrien blickte auf diese Stadt und war auf die Anweisungen und Entscheidungen gespannt, die von dort kamen.

Auf einem Weg außerhalb dieser Stadt begegneten sich zwei Männer, ein Muslim und ein Anhänger der Buchreligion (also z.B. Jude, Christ oder Zoroastrier). Sie fragten einander nach ihrem Reiseziel. Der Muslim war auf dem Weg nach Kufa, der Anhänger der Buchreligion wollte zu einem anderen nahegelegenen Ort gehen. Sie beschlossen, den gemeinsamen Teil des Weges einander zu begleiten und die Zeit in Gesellschaft zu verbringen. Die gemeinsame Strecke legten sie im herzlichen Gespräch zurück. An der Kreuzung, wo sich ihre Wege trennten, bemerkte der Anhänger der Buchreligion verwundert, dass sein muslimischer Weggefährte nicht den Weg nach Kufa einschlug, sondern mit ihm in die andere Richtung weiterging. "Wolltest du denn nicht nach Kufa?", fragte er, "warum gehst du dann in diese Richtung? Sie führt nicht nach Kufa." Der Muslim antwortete: "Ich weiß, Ich mööchte dich noch ein Stück begleiten. Unser Prophet hat gesagt: Wenn sich zwei Menschen auf dem Weg Gesellschaft leisten, sind sie einander zu Dank verpflichtet’. Nun bin ich dir Dank schuldig und mööchte dich daher einige Schritte begleiten. Dann werde ich natürlich meinen Weg weitergehen".

"Zweifellos hat euer Prophet seine Macht und seinen Einfluß unter den Menschen und die rasche Verbreitung seiner Religion in der Welt dieser moralischen Haltung zu verdanken", sagte der Anhänger der Schriftreligion.

Als der Mann erfuhr, dass sein muslimischer Weggefährte der damalige Khalif Ali Ibn Abutalib (a.s.) war, empfand er große Bewunderung für ihn. Es dauerte nicht lange, bis dieser Mann Muslim wurde und zu den überzeugten und opferbereiten Gefährten Imam Alis (a.s.) gehörte.6

Im Gefolge des Khalifen

Auf dem Wege nach Kufa kam Imam Ali (a.s.) in der Stadt Anwar an, deren Bevöölkerung Perser waren. Die persischen Honoratioren und die Bauern waren erfreut, das ihr geliebter Khalif durch die Stadt zog. Sie bereiteten ihm einen herzlichen Empfang. Als sich Imam Alis (a.s.) Pferd in Bewegung setzte, liefen die Leute vor dem Pferd her. Imam Ali (a.s.) rief sie zu sich und fragte: "Warum lauft ihr so? Was bedeutet das?" Die Leute antworteten: "Das ist eine Art Hochachtung, die wir unseren Herrschern und verehrten Persöönlichkeiten entgegenbringen, eine Art Sitte und Hööflichkeitsbezeigung, die bei uns so üblich ist." Imam Ali (a.s.) sagte daraufhin: "Das macht euch in dieser Welt zu schaffen und beschert euch Unglück in der anderen Welt. Unterlaßt alles, was euch erniedrigt. Im übrigen, was haben diese Leute davon, wenn ihr so etwas tut?"7

Bitte um einen guten Rat

Ein Mann aus der Wüste kam nach Medina, ging zu dem Propheten (s.a.s.) und bat ihn um einen guten Rat. "Zügle deinen Zorn", sagte der Prophet und schwieg. Der Mann kehrte zu seinem Stamm zurück. Dort erfuhr er, dass sich in seiner Abwesenheit ein wichtiger Vorfall ereignet hatte: Junge Männer seines Stammes hatten das Eigentum eines anderen Stammes geraubt, und die Angehöörigen des betreffenden Stammes hatten sich dafür gerächt. Allmählich war eine ernste Lage entstanden. Beide Stämme hatten sich auf einen Krieg vorbereitet und waren in Stellung gegangen. Die empöörende Nachricht brachte ihn auf. Er nahm seine Waffe, schloß sich dem Kämpfenden seines Stammes an und bekundete seine Bereitschaft mitzumachen.

Doch währenddessen fiel ihm ein, was er in Medina erlebt hatte. Er erinnerte sich an die Worte des Propheten, der ihm geraten hatte, seinen Zorn zu zügeln. "Was hat mich so in Erregung versetzt? Warum habe ich sofort nach der Waffe gegriffen? Weshalb bin ich bereit, zu tööten und getöötet zu werden? Ist es nicht an der Zeit, jene Worte in die Tat umzusetzen?", überlegte er.

Er trat vor, rief die Anführer der Gegenseite zu sich und fragte: "Warum streiten wir uns? Wenn es darum geht, den Überfall unserer dummen, jungen Männer wiedergutzumachen, bin ich bereit, die Wiedergutmachung aus meinem eigenen Vermöögen zu leisten. Das ist kein Grund, aneinanderzugeraten und Blut zu vergießen." Die vernünftigen und nachsichtigen Worte dieses Mannes erweckten in seinen Gegnern das Ehrgefühl. "Da wollen wir dir nicht nachstehen. Wenn es so ist, verzichten wir auf unsere Ansprüche", sagten sie. So kehrten die Kriegsgegner zu ihren Stämmen zurück.8

Der Christ und Imam Alis (a.s.) Rüstung

Imam Ali (a.s.) hatte seinen Harnisch, also ein Brustrüstung verloren als er Khalif war. Nach einiger Zeit wurde die Rüstung bei einem Christen gefunden. Imam Ali (a.s.) brachte den Mann vor den Richter und sagte: "Dieser Harnisch gehöört mir. Ich habe ihn weder verkauft noch jemandem geschenkt. Nun finde ich ihn bei diesem Mann." Der Richter fragte den Christen: "Das behauptet der Khalif. Was sagst du dazu?" Der antwortete: "Dieser Harnisch gehöört mir. Ich mööchte dem Khalifen keine Lügen unterstellen, aber vielleicht irrt er sich." Der Richter wandte sich an Imam Ali (a.s.): "Du stellst eine Behauptung gegen diesen Mann auf, die er bestreitet. Nun ist es deine Pflicht, deine Behauptung zu beweisen." Imam Ali (a.s.) lächelte und sagte: "Der Richter hat recht. Ich muß meine Behauptung beweisen. Ich habe aber keine Beweise." Da der Kläger keine Beweise vorbringen konnte, entschied der Richter zugunsten des Christen, welcher die Rüstung nahm und sich auf den Weg machte. Doch er wußte selbst am besten, wem die Rüstung gehöörte. Sein Gewissen regte sich, nachdem er einige Schritte weitergegangen war. Er kehrte zurück und sagte: "Das ist nicht das Verhalten eines gewööhnlichen Menschen. Er regiert wie ein Heiliger." Er gab zu, dass die Rüstung Imam Ali (a.s.) gehöört. Es dauerte nicht lange, bis er zum Islam übertrat. Er wurde gesehen, wie er in der Schlacht von Nahravan mit Begeisterung und Überzeugung unter der Flagge Imam Alis (a.s.) kämpfte.9

Imam Ali (a.s.) und Asim

Nach der Kamelschlacht traf Ali in Basra ein. Während er in Basra weilte, ging er eines Tages einen seiner Freunde namens Ala Ibn Ziad Harithi besuchen. Dieser hatte ein großes, luxuriööses Haus. Als Imam Ali das Haus sah, sagte er: "Was brauchst du solch ein großes Haus in dieser Welt? In der anderen bedarfst du dessen um so mehr. Doch du kannst dieses Haus dazu benutzen, um dein Haus im Jenseits zu bestellen. Hier kannst du Gäste empfangen, deine Verwandten unterstützen und die Rechte der Muslime zur Geltung bringen. Du kannst es zu einem offenen Haus der Gerechtigkeit machen und so dessen Nutzung nicht auf deinen persöönlichen Gebrauch beschränken."

"Oh Fürst der Gläubigen, ich mööchte mich über meinen Bruder Asim beschweren", sagte Ala.

Imam Ali (a.s.) fragte: "Welche Beschwerde hast du vorzubringen?"

- "Er hat allen Freuden der Welt entsagt, trägt alte Kleidung, lebt einsam und isoliert und hat sich von allem und jedem abgewandt." Daraufhin sagte Imam Ali (a.s.): "Ruf ihn zu mir." Asim wurde herbeigerufen. Er erschien. Imam Ali (a.s.) wandte sich an ihn und sagte: "Du bist dein eigener Feind. Der Satan hat dir den Verstand geraubt. Warum fühlst du kein Erbarmen mit deiner Frau und deinen Kindern? Glaubst du, Gott wäre zufrieden mit dir, wenn du seine guten Gaben, die dir gegeben und vergöönnt sind, nicht genießt? Dafür bist du im Angesicht Gottes viel zu unbedeutend." Asim sagte: "Fürst der Gläubigen! Du bist doch selbst auch wie ich. Du bist auch hart gegen dich selbst. Du machst dir das Leben schwer, ziehst keine weiche Kleidung an und ißt keine wohlschmeckenden Speisen. So tue ich dasselbe wie du und gehe den gleichen Weg."

"Du irrst dich", entgegnete Imam Ali (a.s.), "ich bin nicht wie du. Ich habe eine Stellung, die du nicht hast. Ich bekleide die Stellung eines regierenden Führers, der andere Pflichten hat. Gott hat einem gerechten Führer auferlegt, das Leben der schwächsten Schicht seines Volkes zum Maßstab seines eigenen Lebens zu machen und so zu leben wie die Ärmsten seines Volkes, so dass die Armut die Leute dieser Schicht nicht zu sehr bedrückt. Ich habe meine Pflichten und du deine."10

Arm und Reich

Bei einer Zusammenkunft hatten sich die Gefährten um den Propheten versammelt. Da kam ein armer, in Lumpen gekleideter Mann herein. Nach islamischer Sitte setzt sich der Neuankömmling ohne Ansehen der Person dorthin, wo ein Platz frei ist. Er sucht sich keinen besonderen, seiner gesellschaftlichen Stellung entsprechenden Platz aus. Der Mann schaute sich um, fand einen freien Platz und setzte sich dort hin. Zufällig setzte er sich neben einen angesehenen und reichen Mann. Der Reiche rückte zur Seite und hielt Abstand. Der Prophet, der ihn beobachtete, wandte sich an ihn und fragte: "Hast du befürchtet, er köönnte dich mit seiner Armut anstecken?" Der Reiche antwortete: "Nein, Gesandter Gottes." - "Warum dann bist du zur Seite gerückt und hast Abstand gehalten?", fragte der Prophet (s.a.s.) nach. "Ich gebe zu, ich habe mich geirrt und einen Fehler gemacht. Um diesen Fehler wiedergutzumachen und diese Schuld zu sühnen, bin ich bereit, die Hälfte meines Vermöögens diesem muslimischen Bruder, dem ich Unrecht getan habe, zu schenken", sagte der Reiche. Der lumpenverhüllte Mann antwortete: "Ich nehme es aber nicht an." Die Versammlung war erstaunt und fragte: "Warum nicht?"

"Weil ich fürchte, ich köönnte eines Tages so von Hochmut befallen sein, dass ich einen muslimischen Bruder genauso behandeln köönnte, wie dieser Mann mich behandelt hat", war die Antwort.11

Ghazali und die Räuber

Der bekannte islamische Gelehrte Ghazali stammte aus Tus, einem Dorf in der Nähe von Maschhad. Zu seinen Lebzeiten im elften Jahrhundert war Nischabur die Hauptstadt jener Gegend und das Zentrum der Wissenschaften. Die Studienanwärter aus allen umliegenden Ortschaften gingen zu Studienzwecken nach Nischabur. Ghazali ging auch dort hin und nach Gorgan und studierte jahrelang mit grosser Hingabe bei Gelehrten. Um seine erworbenen Kenntnisse nicht zu vergessen und die Früchte seiner Mühen später zu ernten, schrieb er alles auf und heftete seine Schriften zusammen. Diese Hefte, die das Ergebnis seines jahrelangen Fleißes waren, liebte er wie das Leben. Als er nach vielen Jahren in seinen Heimatort zurückkehren konnte, ordnete er seine Hefte, steckte sie in einen Sack und machte sich mit einer Karawane auf den Weg.

Die Karawane kam, wie es der Zufall wollte, an einigen Räubern und Wegelagerern vorbei. Diese versperrten der Karawane den Weg und sammelten alles Stück für Stück ein, was sie an Hab und Gut finden konnten. Als Ghazali mit seinen Habseligkeiten an der Reihe war und sich die Räuber an dem Sack zu schaffen machten, flehte er sie an: "Nehmt alles, was ich habe, aber laßt mir diesen Sack." Die Räuber dachten, dass sich in dem Sack etwas Kostbares befinden müsse. Sie machten ihn auf, fanden darin aber nur beschriebenes Papier. "Was ist das? Wozu ist das gut?", fragten sie. "Was sie auch sind, euch nützen sie nichts. Aber ich kann sie gut gebrauchen," sagte Ghazali. "Wozu brauchst du sie?", fragen die Räuber. "Das sind die Früchte meines jahrelangen Studiums. Wenn ihr sie mir weg nehmt, verliere ich alles, was ich an Kenntnissen erworben habe. Dann sind alle meine Mühen umsonst gewesen.", sagte Ghazali. "Sind das die Kenntnisse, die du erworben hast?", fragten die Räuber erstaunt. "Ja", war die Antwort. "Eine Wissenschaft, die in den Sack gesteckt wird und zudem noch gestohlen werden kann, ist keine Wissenschaft. Gehe, und mach dir Gedanken über deinen Zustand", sagten die Räuber.

Diese einfachen und volkstümlichen Worte rüttelten das empfängliche Gewissen Ghazalis wach. Bis dahin hatte er sich damit begnügt, seinem Meister wie ein Papagei zuzuhöören und das Gehöörte in ein Buch einzutragen. Nach diesem Ereignis nahm er sich vor, seinen Geist durch Denken zu trainieren, mehr zu überlegen und zu forschen und sich die nützlichen Dinge einzuprägen.

Ghazali hat einmal gesagt: "Den besten Ratschlag, der mein Geistesleben wesentlich beeinflußte, bekam ich von einem Räuber."12

Avicenna und Ibn Miskuyah

Mit kaum 20 Jahren beherrschte Avicenna schon die Wissenschaften seiner Zeit. Er war ein Experte auf den Gebieten der Theologie, Naturwissenschaft, Mathematik und Philosophie. Eines Tages besuchte er die Vorlesung des bekannten Gelehrten Abu Ali Ibn Miskuyah. Hochmütig warf er eine Walnuß vor Ibn Miskuyah und sagte: "Berechne die Fläche dieser Nuß." Ibn Miskuyah legte einige Hefte des vom ihm über Ethik und Erziehung verfaßten Buches Avicenna vor und sagte: "Du verbesserst lieber dein Benehmen, bevor ich die Fläche der Walnuß berechne. Denn du hast gutes Benehmen nöötiger als ich die Berechnung einer Fläche." Avicenna fühlte sich so beschämt durch diese Worte, dass sie sein Leben lang zum Leitsatz seines ethischen Verhaltens wurden. 13

Vor dem Richter

Ein Kläger reichte seine Klage bei dem mächtigen Khalifen der Zeit Umar ein. Die Parteien mussten vor dem Richter erscheinen, damit die Streitfrage behandelt werden konnte. Der Beklagte war Imam Ali (a.s.), der Vetter und Schwiegersohn des Propheten. Umar rief die Parteien zu sich und nahm selbst den Platz des Richters ein. Nach islamischer Vorschrift müssen die Parteien nebeneinander sitzen, damit der Grundsatz der Gleichheit vor dem Gericht gewahrt bleibt. Der Khalif rief den Kläger namentlich auf und gab ihm die Anweisung, dem Richter gegenüber zu stehen. Dann wandte er sich an Imam Ali (a.s.) und sagte: "Abu-l-Hassan, stelle dich neben den Kläger." Imam Alis (a.s.) Miene verfinsterte sich und zeigte Anzeichen von Unmut. Daraufhin fragte der Khalif: "Ali, mööchtest du nicht neben deiner Streitpartei stehen?" Imam Ali (a.s.) sagte: "Ich bin nicht betrübt, weil ich neben meiner Streitpartei stehen muß, sondern weil du die Gerechtigkeit nicht ganz berücksichtigt hast. Mich hast du respektvoll mit meinem Beinamen Abu-l-Hassan angeredet, aber meine Gegenpartei mit ihrem gewööhnlichen Namen. " Das ist der Grund meines Unmuts." 14

Ein Brief an Abu-Zhar

Ein Brief aus der Ferne erreichte Abu-Zhar. Der Briefschreiber hatte ihn um einen verbindlichen Rat gebeten. Er kannte Abu-Zhar und wußte, wie sehr ihm der Prophet gewogen war und wie gut dieser Abu-Zhar mit seinen weisen Worten herangebildet hatte. Die Antwort Abu-Zhars war sehr kurz. Sie bestand aus einem einzigen Satz: "Behandle den Menschen, den du am meisten liebst, nicht schlecht und feindselig." Der Empfänger las den Brief Abu-Zhars, konnte jedoch dessen Sinn nicht erfassen. "Was heißt das, ich soll den Menschen, den ich am meisten liebe, nicht schlecht und feindselig behandeln? Das ist doch selbstverständlich. Wer behandelt schon seinen Liebling schlecht? Im Gegenteil, man ist bereit, alles für ihn zu opfern." Er dachte andererseits an die Persöönlichkeit des Mannes, von dem diese Worte stammten; er war immerhin ein Aufrichtiger und Wahrhaftiger seiner Gesellschaft und besaß einen scharfen Verstand. "Ich muß Abu-Zhar um Erklärung bitten," überlegte er.

Er schrieb also erneut an Abu-Zhar und bat ihn um Erklärung. Abu-Zhar antwortete: "Ich habe dich damit gemeint, als ich von dem Menschen sprach, der dir am liebsten ist; denn du liebst dich selbst am meisten. Und als ich sagte, du sollst den Menschen, den du am meisten liebst, nicht feindselig behandeln, meinte ich, du sollst nicht gegen dich selbst handeln. Denn du wirst die Folgen einer jeden Sünde, die du begehst, selbst tragen; bist also unmittelbar davon betroffen." 15

Das Hemd des Khalifen

Der Khalif Umar Ibn Abd-ul-Aziz hielt von der Kanzel der Moschee eine Predigt. Während er sprach, griff er von Zeit zu Zeit nach seinem Hemd und bewegte es hin und her. Die Gläubigen wunderten sich über das sonderbare Verhalten des Khalifen und fragten sich, was das alles zu bedeuten habe. Nach Beendigung der Predigt stellte sich heraus, dass sich der Khalif aus Achtung vor dem öÖffentlichen Eigentum der Muslime und zur Wiedergutmachung der Ausschweifungen seiner Vorgänger bei der Vergeudung der ööffentlichen Gelder nur ein einziges Hemd angeschafft hatte und dass dieses eine Hemd erst kurz vor der Predigt gewaschen worden war. Um das nasse Hemd zu trocknen, hatte er es hin und her bewegt. 16

Brennholz sammeln in der Wüste

Auf einer Reise machten der Prophet und seine Gefährten an einem Ort mit wenig Vegetation halt. Sie brauchten Brennholz, um Feuer anzumachen. Als der Prophet anordnete, Holz zu sammeln, wurde ihm entgegnet: "Gesandter Gottes, wie Du siehst, ist hier weit und breit kein Holz zu sehen." Der Prophet antwortete: "Trotzdem soll jeder so viel sammeln, wie er kann." Die Gefährten machten sich auf den Weg, suchten das Gelände ab und hoben jeden kleinen Zweig auf. Jeder sammelte so viel, wie er konnte und brachte es mit. Übereinandergestapelt wuchsen die kleinen Zweige zu einem großen Haufen. Daraufhin sagte der Prophet: "So verhält es sich auch mit den kleinen Sünden. Am Anfang übersieht man sie gerne, doch alles wird gesucht und gefunden. Ihr habt gesucht und so viel Brennholz gesammelt. Auch eure Sünden werden gezählt und addiert. Die kleinen Sünden, die man am Anfang übersieht, wachsen allmählich zu einem großen Haufen."17

Hilfeleistung

Safvan war zu Besuch bei Imam Sadiq (a.s.). Plöötzlich kam ein Mann aus Mekka herein und berichtete über seine Schwierigkeiten. Es handelte sich um einen Pachtstreit, der ihm Schwierigkeiten verursachte. Imam Sadiq (a.s.) wies Safvan an: "Gehe sofort, und hilf deinem Glaubensbruder." Safvan machte sich auf den Weg und kam wieder zurück, nachdem er die Angelegenheit erledigt und die Schwierigkeit behoben hatte. Imam Sadiq (a.s.) fragte: "Was ist aus der Sache geworden?"

"Gott hat sie bereinigt", war die Antwort.

"Die äußerst geringe Mühe, mit der du die Not eines anderen behoben hast, hat dich nicht viel Zeit gekostet. Trotzdem ist sie hööher zu bewerten als eine siebenmalige Umwanderung der Kaaba." Imam Sadiq (a.s.) fuhr fort: "Ein Mann hatte ein Problem, kam zu Imam Hassan (a.s.) und bat diesen um Hilfe. Imam Hassan (a.s.) stand sofort auf und machte sich mit ihm auf den Weg. Unterwegs begegneten sie Imam Hussain (a.s.), der betete. Imam Hassan fragte den Mann: ‘Wieso hast du es versäumt, Hussain um Hilfe zu fragen?’ - ‘Ich wollte eigentlich zu ihm gehen und ihn um Hilfe bitten. Doch als ich höörte, dass er sich zum Gebet zurückgezogen hat und somit entschuldigt ist, bin ich nicht zu ihm gegangen’, antwortete der Mann. Imam Hassan sagte: ‘Wenn ihm die Gunst zuteil geworden wäre, deine Not zu beheben, wäre es für ihn besser gewesen, als den ganzen Monat zu beten."18

Wer ist frommer

Ein Gefährte Imam Sadiqs (a.s.) der gewööhnlich an den Vorlesungen des Imam teilnahm, zu den Versammlungen seiner Freunde erschien und mit ihnen gesellschaftlich verkehrte, war seit einiger Zeit nicht mehr zu sehen. Eines Tages fragte Imam Sadiq (a.s.) seine Gefährten und Freunde: "Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn seit langem nicht gesehen."

"In letzter Zeit ist er in Armut geraten und leidet Not", kam als Antwort. Imam Sadiq (a.s.) fragte daraufhin: "Was macht er denn?" - "Nichts", war die Antwort, "er sitzt zu Hause und betet ständig." Nun frage der Imam: "Und wie bestreitet er seinen Lebensunterhalt?", und erhielt als Antwort: "Einer seiner Freunde sorgt für seinen Lebensunterhalt." Dann sagte Imam Sadiq (a.s.): "Bei Gott, dieser Freund ist um einiges frommer als er." 19

Der Gast des Richters

Ein Mann ließ sich bei Imam Ali (a.s.) häuslich nieder. Tagelang war er Gast des Imams. Doch er war kein gewööhnlicher Gast. Er hatte etwas auf dem Herzen, das er zuerst nicht preisgeben wollte. Es handelte sich um einen Streitfall zwischen ihm und einem anderen, denn er erwartete, dass der Fall in Imam Alis (a.s.) Gegenwart behandelt werde. Eines Tages vertraute er sich schließlich seinem Gastgeber an und erzählte von dem Streit und dem zu erwartenden Prozeß. Imam Ali (a.s.) fragte: "Du bist also eine der Streitparteien?"

"Ja, Fürst der Gläubigen", antwortete er.

Daraufhin sagte Imam Ali (a.s.) zu ihm: "Es tut mir leid, dir sagen zu müssen, dass ich dich ab heute nicht mehr als meinen Gast bewirten darf; denn der Prophet hat gesagt: ‘Wenn ein Streit vor den Richter gebracht wird, darf der Richter nicht nur eine Person als Gast empfangen; es sei denn, beide sind seine Gäste’." 20

Die Altersrente

Der alte Christ hatte nichts sparen köönnen, obwohl er sein Leben lang gearbeitet und sich abgemüht hatte. Schließlich verlor er noch sein Augenlicht. Armut und Erblindung im hohen Alter ließen ihm keinen anderen Ausweg, als betteln zu gehen. Er stand am Rande der Straße und bettelte. Die Leute hatten Erbarmen mit ihm und gaben ihm kleinere Almosen. So fristete er kümmerlich sein Leben.

Eines Tages wurde Imam Ali (a.s.), der dort vorbeikam, auf ihn aufmerksam. Imam Ali (a.s.) erkundigte sich nach ihm, um zu erfahren, wie er in diese Lage geraten konnte. Hatte er keine Kinder, die für seinen Lebensunterhalt hätten aufkommen köönnen? Gab es keinen anderen Ausweg, dem alten Mann einen würdigen Lebensabend zu ermööglichen, damit er nicht betteln brauchte? Leute, die den Alten kannten, bezeugten, dass er gearbeitet habe, solange er sehen konnte und seine Kräfte reichten. Nun ist er alt und blind, nicht imstande zu arbeiten und hat keine Ersparnisse, von denen er leben kann. Es ist natürlich, dass er betteln geht. "Was ist daran so natürlich?", fragte Imam Ali (a.s.), "solange er arbeiten konnte, habt ihr ihn ausgebeutet. Dieser Mann hat gearbeitet und gedient, solange seine Kräfte reichten. Nun sind die Regierung und die Gesellschaft verpflichtet, für ihn zu sorgen, solange er lebt. " Zahlt ihm Unterhalt aus der Staatskasse." 21

Beschwerde über den Ehemann

Die ihm vorgetragenen Beschwerden überprüfte Imam Ali (a.s.) persöönlich und überließ es keinem anderen. An heißen Tagen, während sich die Leute gewööhnlich zur Mittagsruhe begaben, saß er im Schatten der Mauer außerhalb des Amtsgebäudes, so dass die Leute, die sich beschweren wollten, ihm ihre Beschwerde unmittelbar und ohne Hindernisse vortragen konnten. Bisweilen ging er auch durch die Gassen und Straßen, stellte Ermittlungen an und beobachtete die allgemeine Lage an Ort und Stelle. Eines heißen Tages kehrte er müde und verschwitzt zu seinem Amtssitz zurück und sah eine Frau vor der Tür stehen. Als die Frau ihn sah, trat sie vor und sagte: "Ich habe eine Beschwerde vorzubringen. Mein Mann hat mich ungerecht behandelt, mich aus dem Haus gejagt und gedroht, mich zu verprügeln, wenn ich nach Hause zurückkomme. Nun fordere ich mein Recht durch Dich."

Imam Ali (a.s.) antwortete: "Es ist jetzt zu heiß. Gedulde dich, bis es sich am Nachmittag abkühlt. Dann werde ich, wenn Gott will, mit dir gehen und deine Angelegenheit regeln." Besorgt sagte die Frau: "Ich fürchte, wenn ich mich noch länger außerhalb des Hauses aufhalte, wird er sich auch darüber ärgern und mich um so mehr quälen." Einen Augenblick senkte Imam Ali (a.s.) den Kopf, und als er aufschaute, sagte er flüsternd vor sich hin: "Bei Gott, man soll die Überprüfung einer Beschwerde nicht aufschieben. Das Recht des Unterdrückten soll man unverzüglich beim Unterdrücker einklagen. Dem Unterdrückten soll man die Furcht davor nehmen, seinem Unterdrücker mutig und ohne Angst gegenüberzutreten und sein Recht zu fordern."

Dann wandte er sich an die Frau: "Wo wohnst du?" Sie beschrieb ihm den Weg. "Laß uns gehen", sagte Imam Ali (a.s.) und machte sich in Begleitung der Frau auf den Weg zu ihrem Haus. Vor dem Haus angekommen, rief er: "Seid gegrüßt, Bewohner des Hauses." Ein junger Mann kam heraus. Er kannte Imam Ali (a.s.) nicht, sah einen älteren Mann von ungefähr 60 Jahren in Begleitung seiner Frau und wußte, dass sie ihn um Beistand gebeten hatte. Doch sagte er nichts dazu. Imam Ali (a.s.) wandte sich an ihn: "Diese Dame ist deine Frau und beschwert sich über dich. Sie sagt, dass du sie ungerecht behandelt und aus dem Haus gejagt hättest. Du hättest gedroht, sie zu verprügeln. Ich ermahne dich, gottesfürchtig zu sein und deine Frau gut und freundlich zu behandeln."

Der Mann entgegnete: "Was geht es Dich an, wie ich meine Frau behandle? Ja, ich habe gedroht, sie zu verprügeln. Gerade weil sie Dich geholt hat, um an ihrer Stelle zu reden, werde ich sie bei lebendigem Leibe verbrennen." Imam Ali (a.s.) war über diese Dreistigkeit des jungen Mannes aufgebracht. Er griff nach seinem Schwert und sagte: "Du gibst mir solch eine Antwort auf meinen guten Rat und meinen Versuch, dich von einer verwerflichen Tat abzuhalten? Du sagst unumwunden, dass du diese Frau verbrennen wirst. Glaubst du, in dieser Welt wird keine Rechenschaft verlangt?"

Als Imam Ali (a.s.) seine Stimme erhob, sammelten sich die Passanten um sie. Jeder, der zu ihnen kam, machte eine Verbeugung vor Imam Ali (a.s.) und sagte: "Sei gegrüßt, Fürst der Gläubigen." Der stolze, junge Mann erkannte erst jetzt, mit wem er es zu hatte, bekam es mit der Angst zu tun und sagte flehentlich: "Vergib mir, Fürst der Gläubigen. Ich sehe meinen Fehler ein. Ich verspreche Dir, von nun an gütig zu meiner Frau zu sein und alle deine Anweisungen zu befolgen." Imam Ali (a.s.) wandte sich nun an die Frau: "Geh nach Hause, und sieh zu, dass du ihn zu solchen Taten nicht herausforderst." 22

Der Unbekannte

Sie keuchte unter der Last des Wasserschlauchs, den sie auf ihrer Schulter trug. Sie war auf dem Wege nach Hause. Ein Unbekannter kam auf sie zu, nahm den Wasserschlauch und hob ihn auf seine Schulter. Die kleinen Kinder der Frau starrten erwartungsvoll auf die Haustür und warteten auf ihre Mutter. Die Tür ööffnete sich, und die Kinder sahen ihre Mutter in Begleitung eines Unbekannten, der anstelle ihrer Mutter den Wasserschlauch auf die Erde stellte und fragte: "Wie ich sehe, trägst du das Wasser selbst, weil du keinen Mann hast. Wie kommt es, dass du allein stehst?"

Sie antwortete: "Mein Mann war Soldat. Ali Ibn Abutalib hat ihn zu einer der Grenzen geschickt. Er wurde dort getöötet. Nun stehe ich allein mit meinen kleinen Kindern." Der Unbekannte schwieg dazu, senkte den Kopf, verabschiedete sich und ging; doch an diesem Tag mußte er unentwegt an die Frau und ihre Kinder denken. In der Nacht konnte er nicht ruhig schlafen. Am anderen Morgen nahm er einen Korb, füllte ihn mit Fleisch, Mehl und Datteln, ging wieder zu dem Haus und klopfte an.

"Wer ist da?", kam die Frage vom Haus. Er antwortete: "Ich bin der Mann, der gestern den Wasserschlauch trug. Nun habe ich etwas Essen für die Kinder mitgebracht." Die Frau des Hauses sagte: "Gott mööge mit dir zufrieden sein und zwischen Ali und uns selbst urteilen." Die Türööffnete sich, und der Unbekannte trat ein.

"Ich mööchte etwas Gutes tun. Wenn du mir erlaubst, übernehme ich das Brotbacken oder die Beaufsichtigung der Kinder", sagte er. "Sehr gut", freute sie sich, "ich kann aber besser Brot backen als Du. Pass auf die Kinder auf, bis ich mit dem Backen fertig bin." Die Frau machte sich an die Arbeit. Der Unbekannte nahm derweil etwas von dem mitgebrachten Fleisch, briet es, tat Datteln dazu und fütterte die Kinder. Mit jedem Bissen, den er den Kindern in den Mund legte, sagte er: "Mein Kind, vergib Ali Ibn Abutalib, wenn er euch vernachlässigt hat." Als der Teig zubereitet war, rief die Frau dem Unbekannten zu: "Mach das Feuer in der Backgrube an." Der Unbekannte machte das Feuer an. Als die Flammen hochschlugen, näherte er sein Gesicht den Flammen und sagte flüsternd: "Spüre nun das Feuer. Wer die Sache der Waisen und Witwen vernachlässigt, hat diese Strafe verdient." Währenddessen kam eine Nachbarin herein und erkannte den Mann. "Wehe dir. Kennst du den Mann nicht, den du zu Hilfe geholt hast? Er ist der Fürst der Gläubigen, Ali Ibn Abutalib, sagte die Nachbarin. Die Frau kam auf Imam Ali (a.s.) zu und sagte: "Welch eine Schande für mich. Ich bitte Dich um Entschuldigung."

"Nein, ich muß dich um Vergebung bitten, weil ich deine Sache vernachlässigt habe", sagte Imam Ali (a.s.).23

Der Schweiß der Arbeit

Imam Kazim (a.s.) arbeitete auf seinem Grundstück und bestellte den Boden. Wegen der großen Anstrengung ströömte ihm der Schweiß über den ganzen Köörper. Da kam Ali Ibn Hamza vorbei und fragte: "Warum überläßt du diese Arbeit nicht einem anderen?"

"Warum soll ich sie einem anderen überlassen? Viel bessere Menschen als ich haben solche Arbeiten verrichtet", entgegnete der Imam. "Wer zum Beispiel?", wurde er gefragt. Er antwortete: "Der Gesandte Gottes, der Fürst der Gläubigen, und alle meine Ahnen. Arbeit auf dem Felde ist die Tradition der Propheten, ihrer Nachfolger und ihrer würdigen Knechte."24

Imam Baqir (a.s.) und der Christ

Der Beiname des Imam Mohammad Ibn Ali Ibn-al-Hussain ist ‘Baqir’. Baqir bedeutet Spalter. Er wurde Baqir al-Ulum, d.h. der Spalter des Wissens, genannt, weil er das Gute vom Bösen abspaltete. Ein Christ änderte verspottend seinen Beinamen in ‘Baqar’, was Kuh heißt. "Du bist Baqar", sagte er dem Imam, das heißt, "Du bist eine Kuh." Ohne ein Anzeichen des Unmuts und des Zorns antwortete der Imam in aller Bescheidenheit: "Ich bin nicht Baqar sondern Baqir."

"Deine Mutter war eine Kööchin", sagte der Christ.

Der Imam antwortete: "Das war ihr Beruf und ist keine Schande." Der Christ höörte nicht auf: "Deine Mutter war schwarz, unverschämt und ein Lästermaul."

Nun sagte Imam Baqir (a.s.): "Wenn meine Mutter die Eigenschaften, die du ihr zuschreibst, besaß, mööge Gott ihr vergeben. Wenn du aber gelogen hast, mööge er dir die Strafe für diese Sünde erlassen, obwohl du gelogen und meine Mutter verleumdet hast." Die Sanftmut eines Mannes, der jede Macht besaß, um sich zu revanchieren, wühlte den Christen innerlich dermaßen auf, dass er sich zum Islam hingezogen fühlte. Er wurde später Muslim.25

Quellennachweis

1) Maniat ul-Murid, Bombay, S. 10.
2) Wasail, Band 2. S. 529.
3) Kahl al-Basar
4) Der vierte Imam der Schiiten
5) Bihar, Band 11, S. 21.
6) Usul al-Kafi, Band 2, S. 670.
7) Nahj ul-Balagha, Aphorismen Nr. 37
8) Usul al-Kafi, Band 2, S. 404
9) Al-Imam Ali Sowt ul-Adala al-Insanin, S. 63, auch in Bihar, Band 9, S. 598
10) Nahj ul-Balagha, Predigt Nr. 270
11) Usul al-Kafi, Band 2, S. 260
12) Ghazali-Nomeh, Seite 116
13) Geschichte der Geisteswissenschaften im Islam, S. 211
14) Al-Inram Ali, Sowt ul-Adala al-Insania
15) Erschad-e Deylami
16) Einleitung zu der Übersetzung des Buches ‘Gebet’ von Alexis Carrel
17) Wasail, Band 2, S. 462
18) Kafi, Band 2, S. 198
19) Wasail, Band 2, S. 529
20) Wasail, Band 3, S. 395
21) Wasail, Band 2, S. 425
22) Bihar al-Anwar, Band 9, S.598
23) Bihar al-Anwar, Band 7, S.597
24) Bihar al-Anwar, Bd. 11, S.531
25) Bihar al-Anwar, Band 11, S. 83

source : الشیعه
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