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Friday 5th of June 2020
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Missbilligung des Diesseits

111. Predigt – Missbilligung des Diesseits

 

(Diese Predigt wurde gehalten) über die Missbilligung des Diesseits.

 

Was Folgendes (betrifft)[1]: Ich warne euch vor dem Diesseits, denn es ist süß und grün, umgeben von Begierden, es wird für das Eilige (der Wunschbefriedigung) geliebt. Es erregt Gefallen mit Wenigem, es stattet sich mit (trügerischen) Hoffnungen aus und schmückt sich mit Täuschungen. Seine Freuden dauern nicht an, und vor seinen Katastrophen ist man nicht sicher. Es ist betrügerisch und schädlich, wechselhaft, dem Untergang geweiht, vergänglich, zur Vernichtung verurteilt, verzehrend und zerstörerisch. Wenn es den höchsten Punkt der Wünsche derer erreicht, die es begehren, dann ist es so, wie Allah, Der Erhabene und Hohe, gesagt hat: „Gib ihnen das Gleichnis vom irdischen Leben: Es ist wie das Wasser, das Wir vom Himmel niedersenden, mit dem die Pflanzen der Erde sich vermengen, und dann werden sie zu dürrer Spreu, die der Wind verweht. Allah hat Macht über alle Dinge.“[2]

 

Niemand erfreut sich daran, ohne dass ihm danach Tränen folgen, und niemand erhält von dem (Diesseits) Glück von vorn, ohne dass ihn von hinten dessen Unglück trifft. Niemand empfängt den leichten Regen des Wohlstands, ohne dass die schwere Regenwolke der Heimsuchung auf ihn niederprasselt! Es passt (zum Diesseits), dass es diesem (Menschen) am Morgen hilft und ihn am Abend nicht mehr kennt. Wenn eine Seite davon höchst wohlschmeckend und süß ist, so ist die andere äußerst bitter und verpestet. Nie erlangt ein Mensch Wohlstand und Fülle in seinen Wünschen, ohne dass ihn in der Folge dessen[3] Unglücke ereilen. Niemand verbringt davon den Abend unter dem Flügel der Sicherheit, ohne dass er morgens unter der Schwinge der Furcht erwacht. Was sich darin befindet, ist Täuschung, Trug und vergänglich. Vergehen wird, wer darin ist, es liegt nichts Gutes an Wegzehrung darin außer der Gottesehrfurcht. Wer wenig von diesem (Diesseits) nimmt, wird viel von dem bekommen, was ihm Sicherheit gibt! Und wer viel von diesem (Diesseits) nimmt, nimmt viel von dem, was ihm Untergang bringt, und schon bald wird er sich davon entfernen. Wie viele von denen, die sich darauf verlassen haben, hat es in die Katastrophe gestürzt, und wie viele von denen, die sich darin beruhigt fühlten, hat es zu Boden geworfen, (wie viele) die großes (Ansehen) hatten, hat es zu Verächtlichen gemacht, und (wie viele) Stolze hat es gedemütigt!

 

Die Macht (im Diesseits) ist veränderlich, das Leben darin trübe, sein Wohlgeschmack wie Bittersalz, seine Süße wie der Saft von Aloe[4], seine Ernährung Gift und die Mittel darin sind morsch[5]. Das Lebendige darin ist dem Tode ausgesetzt, und das Gesunde darin der Krankheit. Sein Reich ist dazu bestimmt, entrissen zu werden, der Starke darin wird besiegt, wer reichlich vom Diesseits besitzt wird vom Schicksal geschlagen und wer ihm nahe steht wird geplündert.

 

Wohnt ihr denn nicht in den Wohnungen derer, die vor euch waren, und die länger als ihr gelebt und bleibendere Spuren hinterlassen haben sowie weitreichendere Hoffnungen hatten und zahlreicher waren und größere Heere besaßen (als ihr)! Wie waren sie doch dem Diesseits untertan, und wie sehr gaben sie ihm den Vorzug! Dann zogen sie von ihm fort ohne Wegzehrung, die sie weiterbrachte, und ohne den Rücken (eines Reittieres), mit dem sie den Weg hätten zurücklegen können. Habt ihr (jemals) die Nachricht erhalten, dass das Diesseits so großzügig zu ihnen war, (um auch nur) eine Seele auszulösen, ihnen eine Hilfe oder ein guter Begleiter für sie zu sein? Dieses (Diesseits) ereilte diese (Menschen) mit Unannehmlichkeiten, fing sie mit dem Lasso der Widerwärtigkeiten, demütigte sie mit Schicksalsschlägen, warf sie zu Boden, trat auf sie mit den Hufen und half dem unberechenbaren Wechsel des Schicksals gegen sie. Ihr habt dessen Verkleidung jenen gegenüber beobachtet, die dem (Diesseits) nahe kamen, es bevorzugten und darin verweilen wollten, bis dass sie davon fortzogen für die ewige Trennung. Gab es ihnen denn irgendeine Wegzehrung mit als den Hunger, oder gab es ihnen einen anderen Platz als die Enge? Gab es ihnen (jemals) ein anderes Licht als die Finsternis, oder gab es ihnen letztendlich irgend etwas anderes als Reue?! Ist es all das, was ihr vorzieht, oder damit zufrieden seid, oder das, wonach ihr giert? Wie schlimm ist doch die Heimstätte für jemanden, der sie nicht skeptisch betrachtet und der nicht vor ihr auf der Hut ist? So wisset – und ihr wisst es – dass ihr dieses (Diesseits) verlassen und davon fortziehen werdet. So lasst euch mahnen von denen „die sprachen: ´Wer ist stärker als wir an Macht?´“[6], und sie wurden zu ihren Gräbern getragen, doch nicht als Reiter, und sie wurden in die Gräber hinab gelassen, doch nicht als Gäste. Für sie wurden Gräber aus der (Erd-)Oberfläche bereitet, die Leichentücher aus Erde und alte Knochen als Nachbarn. Das sind Nachbarn, die keinem Rufer antworten, noch Unrecht abwehren, noch einer Totenklage Aufmerksamkeit schenken.

 

Wenn sie Regen bekommen, empfinden sie keine Erleichterung, und wenn sie Hungersnot ausgesetzt sind, verzweifeln sie nicht. Sie sind zusammen, aber dennoch jeder für sich allein, und sie sind in Nachbarschaft zueinander, aber weit (voneinander) entfernt. Sie sind nahe zueinander, aber besuchen sich nicht. Sie sind sich nahe, aber kommen einander nicht nahe. Sie sind geduldig, ihr Groll ist vergangen, sie sind unwissend und ihr Hass ist gestorben. Unheil wird von ihnen nicht befürchtet, noch wird von ihnen erhofft, dass sie (selbiges) abwehren. Sie haben den Rücken der Erde[7] mit ihrem Inneren eingetauscht, Enge für Weite, Familie mit Fremde und Dunkelheit mit Licht. Sie kamen zu dieser (Welt), so wie sie diese (Welt) verlassen haben, barfuß und nackt. Sie sind von ihr mit ihren Taten auf das ewige Leben hin fortgegangen zur bleibenden Heimstätte, wie Er, Der Erhabene und Hohe sagte: „Wie Wir die erste Schöpfung begannen, (so) werden Wir sie erneuern – bindend für uns ist die Verheißung, und wahrlich, Wir werden sie erfüllen“[8]

Erläuterung

 

Diese Predigt gilt als eine der umfassendsten Beschreibungen des Diesseits und dessen Vergänglichkeit und verdeutlich eindringlich, dass Diesseitiges nicht mitgenommen werden kann in das Jenseits, außer die in Gottesehrfurcht begangenen guten Taten. Die nächste Predigt schließt inhaltlich fast nahtlos an.

 

[1] Die Redeformel „was Folgendes (betrifft)“ [amma bad] ist eine typische arabisch-islamische Redewendung um nach einer Lobpreisung Allahs zum eigentlichen Thema einer Predigt zu wechseln.

 

[2] Heiliger Qur´an 18:45

 

[3] Gemeint: des Diesseits

 

[4] D.h. sehr bitter; Aloe ist eine Pflanzengattung und hat teilweise im Inneren ihrer Blätter einen gallertartigen Saft, dem heilende Effekte nachgesagt werden, der aber sehr bitter ist.

 

[5] D.h. schwach und leicht vergänglich

 

[6] Heiliger Qur´an 41:15

 

[7] Gemeint ist die Erdoberfläche.

 

[8] Heiliger Qur´an 21:104

 

 

112. Predigt – Über das Dahinscheiden

 

(Diese Predigt wurde gehalten) über den Todesengel und das Hinwegnehmen der Seele und die Unfähigkeit der Geschöpfe, Allah zu beschreiben.

 

Fühlt ihr ihn, wenn der (Todesengel) ein Haus betritt? Oder seht ihr ihn, wenn er jemanden hinwegnimmt? Wie er einen Embryo im Bauch seiner Mutter fortnimmt? Geht er zu ihm[1] durch ihre[2] Glieder, oder antwortete ihm der Geist mit der Erlaubnis ihres Herrn (auf seinen Ruf)? Oder bleibt dieser (Todesengel) ruhig mit diesem (Embryo) in ihrem Inneren? Wie kann jemand seinen Gott beschreiben, der unfähig ist, ein Geschöpf wie diesen (Todesengel) zu beschreiben?

Erläuterung

 

Imam Ali (a.) weist hier auf die Unwissenheit der Menschen hin, denen er bereit war, vieles zu erklären, die ihn aber kaum gefragt haben. Am Beispiel des Todesengels, dessen Wirken niemand außer den Reinen beschreiben kann, verdeutlicht er, dass jene, die nicht einmal den Todesengel beschreiben können, noch weniger in der Lage sein werden, den Schöpfer des Todesengels zu beschreiben. In diesem Zusammenhang wird auch die Aussage des Propheten deutlicher: „Wer sich selbst (bzw. sein Selbst) (er-)kennt, der (er-)kennt auch seinen Herrn“.

 

[1] Zu dem Embryo

 

[2] Gemeint sind die Glieder der Mutter.

 

 

 

113. Predigt – Warnung vor dem Diesseits

 

(Diese Predigt wurde gehalten als) Warnung vor dem Diesseits.

 

Ich warne euch vor dieser Welt, denn sie ist kein beständiger Ort der Niederlassung und keine Heimstätte, in der man die Erfüllung seiner Hoffnungen erlangt. Sie hat sich mit ihrem Trug geschmückt und (andere) mit ihrem Schmuck betrogen. Ihre Heimstätte ist niedrig vor ihrem Herrn. Ihr Erlaubtes ist mit Verbotenem vermischt, ihr Gutes mit Schlechtem, ihr Leben mit ihrem Tod, ihr Süßes mit ihrem Bitteren. Allah, Der Erhabene, hat sie nicht geklärt für Seine Freunde, und Er hat damit nicht gegeizt für Seine Feinde. Ihr Gutes ist unbedeutend, und ihr Schlechtes gegenwärtig. Ihre Ansammlung wird erschöpft, und ihr Reich wird weggenommen werden. Was sie bevölkert, wird zerstört werden. Worin liegt denn das Gute eines Hauses, das (ohnehin) ruiniert wird, wie die Zerstörung eines Gebäudes, und in einer Lebenszeit, die aufgezehrt wird, wie der Proviant aufgezehrt wird, oder (das Gute) einer Zeitspanne, die vorbeigeht wie eine Reise? Schließt in euer Begehren das ein, was euch Allah als Pflicht auferlegt hat. Bittet Ihn um die (Unterstützung bei der) Erfüllung Seiner Rechte, um die Er euch gebeten hat.

 

Lasst eure Ohren den Ruf des Todes hören, bevor (durch den Tod) nach euch gerufen wird. Wahrlich, die Herzen der dieser Welt Entsagenden weinen, auch wenn sie lachen, und ihre Traurigkeit verstärkt sich, auch wenn sie sich (scheinbar) freuen. Ihre Abneigung gegen sich Selbst vermehrt sich, wenn sie (offenkundig) um das beneidet werden, womit sie versorgt wurden (denn sie wollen nicht um Irdisches beneidet werden).

 

Die Erinnerung an den Zeitpunkt des Todes ist aus euren Herzen gewichen, während die Lügen der (falschen) Hoffnungen in euch gegenwärtig sind. So hat euch das Diesseits mehr als das Jenseits beherrscht, und das schnelle Ende (dieser Welt) hat euch von dem (des Jenseits) entfernt. Ihr seid (doch) nur Brüder in der Religion Allahs, und nur schlechte Geheimnisse und übles Gewissen trennen euch. Weder trägt einer die Last des anderen, noch gebt ihr einander Ratschläge, noch spendet ihr einander, noch empfindet ihr Liebe für einander.

 

Was ist euch, dass ihr euch wohl fühlt mit dem Wenigen dieser Welt, das ihr erlangt habt, gleichzeitig aber nicht traurig seid um das viele des Jenseits, dessen ihr verlustig geht! Das Geringe des Diesseits, das ihr verfehlt habt, beunruhigt euch so sehr, so dass eure Gesichter davon zeugen, sowie (auch) eure geringe Geduld (euch beunruhigt) wegen dem, was euch weggenommen wurde, als ob diese (Welt) der Ort eures (andauernden) Aufenthalts wäre, und als ob ihr Nießbrauch für euch fortdauern würde! Und nur die Furcht davor, dass er dasselbe mit euch tun könnte, hindert euch daran, sich dem zuzuwenden, was man von seinem Bruder an dessen Fehlern fürchtet (um ihm Gutes zu gebieten)[1]. Ihr habt euch auf Ablehnung des Jenseits und auf Liebe zu dieser Welt verständigt, und die Religion eines jeden von euch ist zu einem (bloßen) Lecken mit der Zunge geworden[2], wie die Arbeit von jemandem, der (angeblich) damit fertig ist und die Zufriedenheit seines Herren erlangt hätte (obwohl das gar nicht der Fall ist).

Erläuterung

 

Die Aussage „Allah hat sie nicht geklärt für Seine Freunde, und Er hat damit nicht gegeizt für Seine Feinde“ wird u.a. so erläutert, dass Allah seinen gläubigen Diener derart lenkt, dass er kein Gefallen am Diesseits entwickelt und das ewige Leben anstrebt, da das Diesseits nicht als „geklärter“ Ort von all den Dingen erscheint, die er verabscheut. So freut er sich auf ein ewiges Leben, in dem es die aufgelisteten Gegensätzlichkeiten nicht gibt. Die Widersacher Allahs hingegen gewinnen zunehmend an Liebe für das Diesseits und werden darin derart gefangen, dass die zwangsläufige Loslösung davon für sie eine Katastrophe bedeutet.

 

[1] Sinngemäß: Man gebietet nicht das Gute bei seinem Bruder, um seinen Fehler zu korrigieren, weil man befürchtet, dass auch er das gleiche bei einem selbst tun könnte.

 

[2] Sinngemäß: Wenn die Zunge sagt, was nicht im Herzen ist.

 

 

114. Predigt – Für das jenseitige Leben vorzusorgen

 

(Diese Predigt wurde gehalten) über Enthaltsamkeit, Gottesehrfurcht und die Bedeutung, für das jenseitige Leben vorzusorgen.

 

Alles Lob gebührt Allah, Der Seiner Lobpreisung Gnadengeschenke anschließt und den Gnadengeschenken Dankbarkeit. Wir lobpreisen Ihn wegen Seinen Wohltaten, so wie wir Ihn für Seine Heimsuchungen lobpreisen. Wir ersuchen Ihn um Hilfe gegen diese Seelen [nufus], die langsam sind (in der Ausführung) dessen, was ihnen geboten wurde, (die aber) schnell in dem sind, was ihnen untersagt wurde. Wir bitten Ihn um Vergebung für das, das Sein Wissen umfasst, und was Sein Buch aufzählte: Wissen, das keine Unzulänglichkeit kennt, und ein Buch, das nichts auslässt[1]. Wir sind über Ihn fest überzeugt mit der Überzeugung dessen, der (so ist, als ob er) die verborgenen Dinge mit eigenen Augen gesehen hat und das Versprochene erlangt hat (und) mit der Überzeugung, deren Aufrichtigkeit den Götzendienst und deren feste Gewissheit den Zweifel hinweg wäscht.

 

Wir bezeugen, dass es keinen Gott außer Allah gibt, Er ist der Eine, der keinen Partner hat, und dass Muhammad (s.) Sein Diener und Gesandter ist; zwei Bekenntnisse[2], welche die Rede erhöhen und die Tat erheben. Eine Waagschale, in die diese beiden gelegt werden, wird nicht leicht werden, und keine Waagschale, von der sie genommen werden, wird schwer wiegen.

Ermunterung der Menschen zu Gottesehrfurcht

 

Ich rate euch, ihr Diener Allahs, zur Gottesehrfurcht, welche die Wegzehrung (für das Jenseits) ist und mittels derer ihr euren Zufluchtsort erreicht: Eine Wegzehrung, die euch zum Ziel bringt und ein Zufluchtsort, der Erfolg bringt. Der, der den Ruf gehört hat, hat zu dieser (Gottesehrfrucht) aufgerufen, und der beste Bewahrer hat sie bewahrt. So hat ihr Rufer sie vernehmen lassen, und der, der sie bewahrt hat, hat gewonnen.

 

Ihr Diener Allahs, die Gottesehrfurcht schützt die Freunde Allahs vor Dessen Verboten und hat ihren Herzen die Ehrfurcht vor Ihm auferlegt, bis sie diese (Freunde Allahs) dazu gebracht hat, ihre Nächte wach zu verbringen und ihre (Tage) in härtestem Durst[3]. Sie bekamen Wohlbefinden durch Anstrengung und Tränkung durch Durst. Sie sahen die Frist (des Todes) nahe und eilten zu (guten) Taten. Sie betrachteten die (leere) Hoffnung als Lüge und behielten die Frist (ihres Todes) im Auge.

 

Schließlich ist das Diesseits die Heimstätte der Vernichtung, der Plage, Wechsel und Lehren. Was die Vernichtung angeht, so hat die Zeit ihren Bogen gespannt, und ihre Pfeile verfehlen (ihr Ziel) nicht. Ihre Wunden heilen nicht, sie trifft das Lebendige mit dem Tod, den Gesunden mit Krankheit und den Sicheren mit Untergang. Sie ist verzehrend und wird nicht satt, und trinkend, ohne dass ihr Durst gestillt werden kann. Es gehört zu den Plagen, dass der Mensch das anhäuft, was er nicht verzehrt, und das erbaut, worin er nicht wohnen wird. Dann zieht er aus zu Allah dem Erhabenen, ohne dass er Reichtum bei sich hat oder ein Gebäude, das er bewegt. Was die Wechsel angeht, so siehst du den Erbärmlichen beneidenswert und den Beneideten (plötzlich) als erbärmlich. Dies ist, weil ein Gnadengeschenk vergangen und Unglück herabgekommen ist.

 

Was ihre Lehren angeht, so steht ein Mensch kurz vor der Erfüllung seiner Hoffnungen, während das Herannahen seiner Frist diese (Erfüllung) ihm abschneidet. Es gibt keine Hoffnung mehr, die erreicht wird, noch wird der Hoffende verschont. Gelobt sei Allah, wie selten ist dessen Freude[4], wie Durst erregend dessen Tränkung und wie brennend dessen Schatten! Das, was kommen wird kann nicht zurückgeschickt werden, und was fortgeht, kommt nicht zurück. So ist Allah gelobt, wie nahe ist das Lebendige dem Tod, den es treffen wird, und wie fern ist das Tote dem Lebenden, weil es sich von ihm getrennt hat! Wahrlich, nichts ist schlimmer am Übel als seine Bestrafung, und nichts ist besser am Guten als seine Belohnung. In dieser Welt ist alles das, was gehört wird, besser als das, was gesehen wird, während alles im Jenseits, das gesehen wird, großartiger ist als das, was gehört wird. So solltet ihr euch mit dem Gehör gegenüber dem Gesehenen begnügen sowie mit der Nachricht gegenüber dem Verborgenen. Und wisset, dass der Mangel im Diesseits und die Fülle im Jenseits besser sind als der Mangel im Jenseits und die Fülle im Diesseits: Denn wie viel Mangel gibt es, der zum Gewinn führte, und wie viel Fülle, die zu Verlust führte! Das, was euch geboten wurde, ist reichlicher als das, was euch untersagt wurde, und was euch erlaubt wurde, ist mehr als das, was euch verboten wurde. So gebt das Geringe für das Viele auf und das Beschränkte für das Reichhaltige. Er hat euch die Garantie zum Lebensunterhalt gegeben und euch ist befohlen worden, tätig zu werden. Die Forderung nach dem, was euch garantiert wurde, soll euch nicht mehr wert sein als das, dessen Ausführung euch zur Pflicht gemacht wurde. Doch bei Allah, trotzdem hat sich (bei euch) Zweifel in den Weg gestellt, und die Überzeugung wurde verdorben durch falsche Vorstellungen, soweit, bis (dass es scheint), als ob das, was euch garantiert wurde, euch zur Pflicht gemacht wurde, und als ob das, was euch zur Pflicht gemacht wurde, von euch aufgehoben wurde. So eilt zu (guten) Taten, und fürchtet das Plötzliche des Endes der Frist, denn die Rückkehr der (diesseitigen) Lebenszeit kann nicht erhofft werden, so wie die Rückkehr des Lebensunterhalts erhofft werden könnte. Das, was heute an Lebensunterhalt verpasst wurde, kann morgen mit Mehrung zurückkommen, doch die Rückkehr dessen, was gestern an Lebensjahren verpasst wurde, kann heute nicht mehr erhofft werden. Hoffnung kann nur auf das Kommende gesetzt werden, und die Verzweiflung ist mit dem Vergangenen. So „fürchtet Allah, in geziemender Ehrfurcht und sterbt nicht außer als Gottergebene.“[5]

Erläuterung

 

Die Aufforderung zur Hinwendung auf ewige Werte und die Abwendung auf vergängliche Werte zieht sich wie ein roter Faden durch alle eloquenten Predigten und Reden Imam Alis (a.).

 

[1] Vgl. Heiliger Qur´an 6:38

 

[2] Wörtlich: Bezeugungen

 

[3] Der Durst durch das Fasten am Tag und zudem sinnbildlich der Durst nach Wahrheit

 

[4] Gemeint: des Diesseits Freude

 

[5] Heiliger Qur´an 3:102

 

 

115. Predigt – Bittgebet um Regen

 

(Diese Predigt wurde gehalten) in der Bitte um Regen.

 

Oh Allah, unsere Berge sind ausgetrocknet, und unsere Erde ist staubig geworden. Unser Vieh ist ausgezehrt und verwirrt in seinem Auslauf, und es schreit, wie Muttertiere nach ihren Kleinen schreien. Es ist überdrüssig dessen, auf seine Weiden zurückzukehren, um sich nach seinen Tränken zu sehnen! Oh Allah, hab Erbarmen mit dem Seufzen der Seufzenden und mit dem Sehnen der Sehnenden! Oh Allah, und erbarme dich ihrer Verwirrung auf ihren Wegen und ihrer Seufzer in ihrem Auslauf. Oh Allah, wir sind zu Dir herausgekommen zu einer Zeit, in der die Jahre über uns schlimmer geworden sind wie eine Herde dürrer Kamele, und die Regenwolken haben uns verlassen. Du bist die Hoffnung der Verzweifelten und die Genüge für die Suchenden. Wir bitten Dich, da die Geschöpfe verzweifelt sind, die Wolken abgehalten wurden und die Kamele zugrunde gegangen sind, dass Du uns unsere (schlechten) Taten nicht übel nimmst und uns nicht für unsere Sünden ergreifst und Deine Barmherzigkeit über uns ausbreitest durch Regen spendende Wolken und einen wasserreichen Frühling, wunderbare Vegetation, schwere Regenschauer, damit das belebt wird, was gestorben war, und das Verlorene zurückkommt.

 

Oh Allah! Gib Regen von Dir, der lebensspendend und durststillend durchgehend, allumfassend, rein und gesegnet, bekömmlich und fruchtbar ist, mit sprießender Vegetation und früchteschweren Ästen und grünen Blättern. Du erfrischst damit die Schwachen unter Deinen Dienern und belebst dadurch das Tote unter Deinen Landstrichen.

 

Oh Allah, gewähre uns von Dir Regen, mit dem Du unser Hochland ergrünen lässt und mit dem Du unsere Täler (mit Flüssen) durchströmst, unsere Bezirke damit fruchtbar machst, unsere Früchte reifen lässt, unser Vieh leben lässt, unsere weit entfernten Gebiete bewässerst und unseren trockenen Gebieten Hilfe gewährst mit Deinen reichlichen Segnungen und vielen Gaben an Deine bedürftigen Geschöpfe und Deine sich selbst überlassenen Tiere. Sende Feuchtigkeit spendenden, strudelnden Regen in Strömen auf uns herab, wo ein Regen den anderen jagt und ein Tropfen den nächsten anschiebt, ohne täuschenden Blitz (auf den es keinen Regen gibt) oder Wolken, die nicht regnen, dessen weiße Wolken sich nicht zerstreuen und kein Wind leichtem Nieselregens (der nicht genug Wasser bringt), bis die ausgedörrten Weiden fruchtbar und durch seinen Segen die Ausgehungerten wieder belebt werden. Wahrlich, Du beschenkst mit Regen, nachdem diese (Menschen) verzweifelt sind und verbreitest Deine Barmherzigkeit, und Du bist der Beschützer, der Preiswürdige.

 

Sayyid al-Radhi sagt dazu: Die wundervollen Ausdrücke in dieser Predigt, wie z.B. die Worte des Befehlshabers der Gläubigen „inschahat dschibaluna (sind ausgetrocknet)“ bedeutet, dass die Berge zusammenbrachen aufgrund der Dürre. Man sagt auch: „inschaha-th-thawbu (das Kleid ist zerrissen)“, wenn es zerrissen wird. Es ist auch üblich zu sagen „inschaha-n-nabt (die Vegetation ist ausgetrocknet)“, „saha (ausgetrocknet)“ oder „sawwaha (ausgedörrt)“, wenn die Vegetation ausdörrt und trocken wird, alles mit dieser Bedeutung.

 

Und seine Worte: „wa hamat dawabbuna (und unser Vieh ist ausgezehrt)“ bedeutet: „unser Vieh ist durstig“, „al-huyam“ (wovon „hamat“ abstammt) heißt „Durst“. Und seine Aussage: „hadabir-us-sinin (Herde dürrer Kamele)“ beinhaltet den Plural von „hidbar“, was ein Kamel bezeichnet, das durch Reisen mager geworden ist. So hat der Befehlshaber der Gläubigen (a.) das Jahr, in dem sich die Dürre ereignete, mit so einem Kamel verglichen. Der arabische Dichter Dhur-Rummah sagte:„Diese dürren Kamele [hadabir] trennen sich nicht von ihren Rastplätzen in Niedergedrücktheit oder wenn wir sie auf armseliges Land bringen“.

 

Eine weitere Aussage von ihm (a.) ist „wa la qaza in rababuhu (dessen weiße Wolken sich nicht zerstreuen)“. Hier bedeutet „al-qaza“ „kleine verstreute Wolkenfetzen“.

 

Seine Aussage: „wa la schaffanin dhihabuha (kein Wind leichtem Nieselregens)“ steht für „wa la dhata schaffanin dhihabuha (kein Wind mit nur leichtem Nieselregen)“. „Asch-Schaffan“ bezeichnet einen „kalten Wind“ und „adh-dhihab“ steht für „leichten Regen“. Er ließ das Wort „dhata“ („mit“) aus, aufgrund des Wissens des Zuhörers darüber.

Erläuterung

 

Das Bittgebet um Regen gehört zur islamischen Kultur. Es umfasst aber neben der Bitte zum irdischen Bittgebet auch die sinnbildliche Bitte um den Regen der Barmherzigkeit Gottes, wie es beim genauen Lesen der Predigt deutlich wird.

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