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Saturday 6th of June 2020
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Zweitens aber kommt in diesem Gedicht ein weiterer, bisher noch nicht erwähnter Aspekt des Islam zur Geltung, der neben der Einheitslehre eine große Anziehungskraft auf Goethe ausgeübt hat:

Zweitens aber kommt in diesem Gedicht ein weiterer, bisher noch nicht erwähnter Aspekt des Islam zur Geltung, der neben der Einheitslehre eine große Anziehungskraft auf Goethe ausgeübt hat: die Naturfrömmigkeit. Im Koran werden die Menschen immer wieder dazu aufgefordert, in den Naturerscheinungen Zeichen Gottes zu erkennen. Die Vorstellung vom irdischen Dasein als einem Jammertal, das erst in einem Leben im Jenseits seine Erfüllung finden könne, ist zwar nicht als allgemein verbindliche Lehre des Christentums anzusehen. Sie war aber unter den christlichen Zeitgenossen Goethes so weit verbreitet und vorherr¬schend, dass die im Koran zum Ausdruck kommende Naturfrömmigkeit auf Goethe wie ein Element der Befreiung wirkte. Goethe erkannte darin die Gedanken seines geliebten Spinoza wieder.

Ein dritter Aspekt ist am vorstehenden Gedicht als bemerkenswert zu erwähnen, nämlich dass es unmittelbar auf den Koran zurückgeht. Machen Sie die Probe bei den Büchern, die Sie über Goethe besitzen: Wo hätten Sie je gelesen, dass Goethe sich mehrfach, und zwar nicht nur in seiner Spätzeit, im "West-östlichen Divan", sondern schon in manchen Dichtungen seiner Jugend, vom Koran hat inspirieren lassen? Allerdings hat Goethe sich hier gegenüber seiner Vorlage eine kleine Abweichung erlaubt, denn in der betreffenden Stelle des Koran ist es nicht der Prophet Mohammed, der durch die Naturerscheinungen in mehreren Stufen zur Gottes¬erkenntnis geführt wird, es ist Abraham, der Urvater aller drei monotheistischen Religionen und laut Koran der erste Muslim. Hier also die betreffende Stelle aus dem Koran (VI. Sure, Das Vieh, Vers 75 ff.). Goethe, unzufrieden mit der ihm damals vorliegenden deutschen Übersetzung des Frankfurter Professors Megerlin, hat sich diese Verse eigens aus der lateinischen Version des Ludovico Maracci, Beichtvater von Papst Innozenz XI., neu übersetzt:

V. 75. Abraham sprach zu seinem Vater Azar: Ehrst du Götzen für Götter? Wahrhaftig ich erkenne deinen, und deines Volks offenbaren Irrtum. Da zeigten wir Abraham des Himmels und der Erde Reich dass er im wahren Glauben bestätiget würde. Und als die Nacht über ihm finster ward, sah er das Gestirn und sprach: Das ist mein Herrscher, da es aber niederging rief er: untergehende lieb ich nicht. Dann sah er den Mond aufgehen, sprach: Das ist mein Herrscher! Da er aber nieder ging sagt er: Wenn mich mein Herr nicht leitet geh ich in der Irre mit diesem Volk; wie aber die Sonne heraufkam sprach er: Das ist mein Herrscher. Er ist größer. Aber da sie auch unterging, sprach er: O mein Volk nun bin ich frei von deinen Irrtümern! Ich habe mein Angesicht gewendet zu dem der Himmel und Erde erschaffen hat.

In fast allen Goethe-Ausgaben bzw. speziell den Ausgaben der Goetheschen Gedichte ist immerhin ein ebenfalls aus dem geplanten Mahomet-Drama stammender Hymnus zu finden, welcher den Titel trägt: "Mahomets-Gesang". Das Gedicht war ursprünglich entworfen als ein Preislied auf den Propheten, welches Fatima, die Tochter des Propheten, und Ali, sein Vetter und Schwiegersohn, bei seinem Tode im Wechselgesang zur Verherr¬lichung seines segensreichen Wirkens anstimmen. Die genaue Bedeutung dieses Gedichts lässt sich aber für einen nicht-muslimischen Leser nicht auf den ersten Blick erfassen und ist deshalb von den meisten verkannt, das heißt eben: nicht als Ausdruck von Goethes enger Verbundenheit mit dem Islam erkannt worden. Hegel hingegen, einer der wenigen von Goethes Zeitgenossen, der dafür ein tiefes Verständnis aufbrachte und den Autor des "Divan" in seiner "Ästhetik" sogar unter die morgenländischen Poeten einreihte, vermag uns über den allgemeinen Sinn des Gedichts aufzuklären, indem er den Unterschied zwischen einem Gleichnis und einem dichte¬ri¬schen Bild erläutert, dann darauf hinweist, dass es sich bei vorliegendem Hymnus nicht um ein Gleichnis, sondern um ein Bild handelt, und schließt:

Nur die Aufschrift zeigt es an, daß [...] in diesem weiten, glänzenden Bilde eines mächtigen Stroms Mahomets kühnes Auftreten, die rasche Verbreitung seiner Lehre, die beabsichtigte Aufnahme aller Völker in den einen Glauben treffend dargestellt sei.

Es gibt aber an diesem Gedicht noch besondere Geheimnisse zu entdecken, und deshalb sei hier der volle Text hergesetzt:

Mahomets-Gesang

Seht den Felsenquell,
Freudehell,
Wie ein Sternenblick;
Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.

Jünglingfrisch
Tanzt er aus der Wolke
Auf die Marmorfelsen nieder,
Jauchzet wieder
Nach dem Himmel.

Durch die Gipfelgänge
Jagt er bunten Kieseln nach,
Und mit frühem Führertritt
Reißt er seine Bruderquellen
Mit sich fort.

Drunten werden in dem Tal
Unter seinem Fußtritt Blumen,
Und die Wiese
Lebt von seinem Hauch.

Doch ihn hält kein Schattental,
Keine Blumen,
Die ihm seine Knie umschlingen,
Ihm mit Liebesaugen schmeicheln:
Nach der Ebne dringt sein Lauf
Schlangenwandelnd.

Bäche schmiegen
Sich gesellig an. Nun tritt er
In die Ebne silberprangend,
Und die Ebne prangt mit ihm,
Und die Flüsse von der Ebne
Und die Bäche von den Bergen
Jauchzen ihm und rufen: »Bruder!
Bruder, nimm die Brüder mit,
Mit zu deinem alten Vater,
Zu dem ew'gen Ozean,
Der mit ausgespannten Armen
Unser wartet,
Die sich, ach! vergebens öffnen,
Seine Sehnenden zu fassen;
Denn uns frißt in öder Wüste
Gier'ger Sand; die Sonne droben
Saugt an unserm Blut; ein Hügel
Hemmet uns zum Teiche! Bruder,
Nimm die Brüder von der Ebne,
Nimm die Brüder von den Bergen
Mit, zu deinem Vater mit!«

»Kommt ihr alle!«
Und nun schwillt er
Herrlicher; ein ganz Geschlechte
Trägt den Fürsten hoch empor!
Und im rollenden Triumphe
Gibt er Ländern Namen, Städte
Werden unter seinem Fuß.

Unaufhaltsam rauscht er weiter,
Läßt der Türme Flammengipfel,
Marmorhäuser, eine Schöpfung
Seiner Fülle, hinter sich.

Zedernhäuser trägt der Atlas
Auf den Riesenschultern: sausend
Wehen über seinem Haupte
Tausend Flaggen durch die Lüfte,
Zeugen seiner Herrlichkeit.

Und so trägt er seine Brüder,
Seine Schätze, seine Kinder
Dem erwartenden Erzeuger
Freudebrausend an das Herz.

Die große Orientalistin Annemarie Schimmel hat 1999 in einem Vortrag im islamischen Zentrum in Hamburg darauf hingewiesen, dass das Bild des Propheten als eines Stromes bereits im zehnten Jahrhundert von dem schiitischen Theologen Kulaini verwendet worden ist, was Goethe nicht wissen konnte. Sie schreibt es Goethes Kraft der Intuition zu, wenn er in diesem Bild so genau das trifft, was ein Muslim fühlt und denkt. Der bedeutende islamische Dichterphilosoph Muhammad Iqbal, der als geistiger Vater des modernen Pakistan gilt, hat anfangs des 20. Jahrhunderts in seiner Gedichtsammlung "Botschaft des Ostens" in der Tat begeistert auf dieses Gedicht geantwortet und hat es in seiner Dichtersprache (das war für ihn das Persische) neu gefasst unter dem Titel "Der Strom". Aber ganz ohne Vorbild war Goethe hier nicht. Frühere Forscher, vor allem Konrad Burdach in seiner aufschlussreichen Studie über "Faust und Moses" (Berlin 1912), haben auf das Buch der französischen Quietistin Madame Guyon "Geistliche Ströme" als unmittelbare Vorlage für Goethes Gedicht hingewiesen. Goethe hat in der Tat das Bild des Stromes und ein paar weitere Metaphern aus dem Traktat der Madame Guyon übernommen, hat mit seinem Hymnus aber doch etwas völlig eigenes geschaffen, etwas, das seiner innersten Überzeugung entsprach. Aus der bei Madame Guyon hierarchisch gegliederten Mehrzahl der Ströme macht er einen einzigen Strom als primus inter pares, und ihrer natur- und weltverneinenden Mystik setzt er seine natur- und lebensfreudige, weltbejahende Haltung entgegen. Merkwürdig ist, dass dem Forscher, welcher in seiner Schrift "Goethes Mahomet und Prometheus" (Halle 1914) das bereits festgestellt hat, Franz Saran, dadurch die Mystik des geschilderten Vorgangs als "nicht recht nachvollziehbar" erscheint, so, als könne es keine weltbejahende Mystik geben. Noch erstaun¬licher ist allerdings, dass er unter den Schriften, von denen er vermutet, dass sie auf Goethe bei der Abfassung von "Mahomets Gesang" eingewirkt haben, neben dem Traktat der Madame Guyon zwar noch das Neue Testament, Arnolds "Ketzergeschichte" und Klopstocks "Messias" nennt, nicht aber auf den Gedanken kommt, dass Goethe sich auch auf den Koran bezogen haben könnte, obwohl er doch das Gedicht dem Übermittler des Koran, dem Propheten Mohammed, gewidmet hat und Saran selbst ihn im Titel seiner Büchleins nennt!

Wenn man aber auf den Koran als tatsächliche Inspirationsquelle Goethes zurückgeht, dann muss man Annemarie Schimmel Recht geben und Goethes unglaubliche Kraft der Intuition bewundern. Denn Goethe hat den Koran in den verschiedensten Übersetzungen studiert, in Lateinisch, Deutsch, Französisch, Englisch. Aber er konnte kein Arabisch und hat sich erst spät bemüht, es noch zu lernen. Und doch gibt es Stellen in "Mahomets Gesang", die, wenn man sie ins Arabische sozusagen rückübersetzt, sich lesen, als hätte schon der junge Goethe über eine profunde Kenntnis des Arabischen und der islamischen Mystik verfügt. Denn wie die dem gesamten Hymnus zugrunde¬liegende Metapher vom Strom als dem Propheten und Gott als dem Ozean weisen weitere Metaphern darauf hin, dass Goethe, falls ihm nicht durch irgendwelche unterirdischen literarischen Kanäle - die europäische Mystik des Mittelalters fußte ja auf derjenigen der muslimischen Sufis! - eine versteckte islamische Tradition zugänglich gewesen ist, er sich mit genialer Einfühl¬samkeit in das religiöse Denken der Muslime hineinversetzt hat.

Gegen Schluss des Gedichts heißt es vom Strom, d.h. vom Propheten: "Doch ihn halten keine Städte, / Nicht der Türme Flammengipfel ..." Was ist aber mit »der Türme Flammengipfel« gemeint? In der Goethe-Ausgabe des Deutschen Klassiker-Verlages wird dies von Karl Eibl gedeutet als Strahlen der untergehenden Sonne hinter den Türmen einer Stadt. Ein schönes Bild. Als solches erscheint es aber in diesem Zusammenhang nicht recht begründet, also eher als bloße Dekoration. Denn warum sollte sich der Strom ausgerechnet von den Strahlen der unter¬gehenden Sonne aufhalten lassen? Ein in der islamischen Mystik bewanderter sudanesi¬scher Freund wies mich jedoch darauf hin, dass hier vielmehr von Leuchttürmen die Rede sein müsse. Denn im Islam stehen Leuchttürme als Metapher für die Propheten (arabisch: minarât el-hudâ), also für die - im übertragenen Sinn - »Wegweiser der rechten Leitung«. Und in der Tat, der Prophet Mohammed gilt den Muslimen als "Siegel der Propheten", also als letzter in deren Reihe, und lässt somit seine Vorgänger, von denen die Menschheit bis dahin auf den rechten Weg geleitet wurde, hinter sich.

Eine ähnlich geheimnis¬volle Beziehung zur islamischen Mystik, ja zum Koran selbst, lässt sich auch in den Versen erkennen: »Bruder! ... nimm die Brüder mit! / Mit zu deinem alten Vater, / Zu dem ewgen Ozean / Der, mit weitverbreit'ten Armen / Unsrer wartet, / Die sich, ach! vergebens öffnen, / Seine sehnenden zu fassen«. Denn das arabische Äquivalent für Ozean, al-Muhît, hat zugleich die Bedeutung von der Allum¬fassende. Zwar gibt es hinsichtlich der Frage, welche Attribute entsprechend einem Ausspruch des Propheten zum Kanon der hundert schönen Beinamen Gottes zu rechnen sind, Unterschiede in der Überlieferung, und al-Muhît ist nicht in allen zu finden, doch im Koran wird Gott mehrmals als al-Muhît, d.h. als der Allumfassende benannt. So etwa im 126. Vers der vierten Sure, (in dem der Begriff allerdings nicht in der substantivischen Form - der Allumfassende -, sondern in der partizipialen Form – allumfassend – erscheint): "Und Gottes ist, was ist im Himmel und auf Erden. Und Gott ist alles Ding umfassend." (Übersetzung von Friedrich Rückert)

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