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Friday 5th of June 2020
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Verantwortung für die Schöpfung

Verantwortung für die Schöpfung
Ein nachhaltiger Umgang mit der Umwelt als Auftrag für Muslime

Die Frauenbeauftragte Andrea Saleh sprach an der Evangelischen Akademie im Rahmen einer Dialogreihe zum Thema. Der Mensch ist als von Gott ingesetzter "Statthalter auf Erden" aufgefordert, diesen Auftrag verantwortungsvoll wahrzunehmen. Umweltschutz, ein gedeihliches Miteinander in sozialem Bewusstsein und und Tierschutz sind somit islamische Anliegen.

 

Grundsätzliches

Um über Verantwortung für die Schöpfung sprechen zu können halte ich es für notwendig, einen Blick auf das islamische Weltbild, auf das Bild von Gott und dem Menschen zu werfen.

Aus muslimischer Sicht ist die Welt nicht umsonst erschaffen. Gottes Schöpfung ist mit einem bestimmten Sinn versehen.
Zu allererst ist sie Zeichen der Herrlichkeit und Allmacht des Schöpfers. Die gesamte Schöpfung ist ein in sich geschlossenes System, das von Gott, dem Herrn der Welten, erhalten wird und von Ihm abhängig ist. Alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist, gehört Allah, kann man dem Koran entnehmen (Sura 42:4). Er ist der Herr, der Schöpfer, der Herrscher, der Erhalter, der Richter, der Schützer, der Erbarmer, usw. Insg. wird Allah mit 99 solcher Namen bezeichnet, die Seine Eigenschaften ausdrücken. Er hat Macht über Leben und Tod, ist ewig und allein und über alle Dinge erhaben. Alles außer Ihm gehört zu Seiner Schöpfung, so auch der Mensch. Hinsichtlich seiner Geschöpflichkeit unterscheidet sich der Mensch nicht von den Tieren. Die besondere Auszeichnung des Menschen ist - neben seiner Fähigkeit zur Unterscheidung und Gewissensbildung - dass er von Gott angesprochen wurde durch Seine Offenbarungen. Der Mensch ist jedoch nicht Herr und Eigentümer der Welt, sondern er hat einen Herrn, nämlich den Herrn der Welten. Im Koran wird der Mensch als „khalifa“ bezeichnet, was soviel wie Stellvertreter oder Statthalter bedeutet. Aus dieser Stellung ergibt sich Verantwortlichkeit. Die Schöpfung ist dem Menschen nur anvertraut, damit er daraus Nutzen ziehen kann, dies aber nicht ohne Bedingungen oder gar zur grenzenlosen Ausbeutung.

Im Koran steht:

(31:20) "Hast du nicht gesehen, dass Gott alles, was auf der Erde ist, in euren Dienst gestellt hat ... oder in
(45:13) "Und (Er) hat euch zu Nutzen gegeben, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, alles insgesamt von Ihm. Hierin sind bestimmt Zeichen für Leute, die nachdenken."

Jeder Einzelne steht in seiner Verantwortlichkeit in einer Prüfungssituation, in der er sich bewähren kann, aber auch fehlgehen und sich die falschen Ziele setzen kann. Und jeder Mensch ist für sein eigenes Tun verantwortlich. Es gibt dabei keine Vorbelastung durch den Ungehorsam Adams. Aus islamischer Sicht hat Gott Adam vergeben und leitet die Menschen seit der Verweisung aus dem Paradies durch Propheten und Gesandte, von Noah über Abraham und Moses über David und Salomo bis hin zu Jesus, der im Islam der letzte Prophet vor Muhammad (s.s.) war.

Die Bewährung des Einzelnen wird im Koran öfter angesprochen. Zwei Beispiele:

In Sura 67:1,2:

"Segenreich ist Er, in dessen Hand die Herrschaft ist, und Er ist zu allem imstande. Derjenige der das Sterben und das Leben geschaffen hat, damit Er euch prüft, welcher voneuch am besten ist im Tun, und Er ist der Mächtige, der Verzeihende."

In Sura 18:7:

"Wir haben ja, was auf der Erde ist, als Schmuck für sie gemacht, damit Wir sie (die Menschen) prüfen,welcher von ihnen am besten handelt."

Gott der Herr, dem die Schöpfung gehört, hat also diese dem Menschen anvertraut und der Mensch ist Ihm gegenüber für den Umgang mit der Schöpfung verantwortlich und schuldet Seinem Herrn Rechenschaft.

An vielen Stellen des Koran wird der Mensch im Hinblick auf diese Rechenschaft gewarnt. Er wird Gutes oder Schlechtes, das er getan hat - und sei es nur "im Gewicht eines Stäubchens" (Sura 99:7,8) - so die koranische Diktion, dereinst sehen.

In Sure 7:56 wird der Mensch gewarnt, Unheil auf Erden anzurichten, nachdem Gott dort alles - wie es heißt -„bestens geordnet“ hat.

"... und stiftet kein Unheil auf der Erde, nachdem dort alles bestens geordnet ist."

Diese Ordnung zu bewahren, wird dem Menschen damit aufgetragen. Auf die Erde bezogen und im zeitgenössischen Sprachgebrauch ist diese „beste Ordnung“ das "ökologische Gleichgewicht", das das Leben überhaupt erst ermöglicht. Der Auftrag des Menschen ist also, nicht Unheil auf der Erde anzurichten, sondern im Gegenteil, Heil durch Frieden zu machen, Gleichgewicht zu bewahren. Dieser Sinn liegt schon im Wort "Islam" selbst, dessen Ursprung mit dem Wort "Salam" = Frieden zusammenhängt. Die tiefere Bedeutung ist also das Friedenmachen mit Gott, dadurch mit den Mitmenschen, mit sich selbst und der Schöpfung als Ganzes.

Was verstehen Muslime unter diesem „Friedenmachen“?

Es ist für sie der verantwortungsvolle Umgang mit Gottes Schöpfung entsprechend den Anweisungen und der Rechtleitung durch Gottes Offenbarungen, die durch den Propheten Muhammad (s.s.) auf vorbildliche Weise umgesetzt worden sind. Deshalb sind die Muslime aufgefordert, diesem beispielhaftem Verhalten nachzueifern.

Verantwortung für die Umwelt

Wenn man von Verantwortung für die Schöpfung spricht, denkt man natürlich an die Umwelt. Die moderne besorgniserregende Umweltproblematik beschäftigt zahllose kritisch denkende Menschen und es wird vielerorts über Lösungsansätze und Alternativen sowie über Möglichkeiten nachgedacht, diesen "Krieg gegen die Schöpfung", wie der ehemalige deutsche Außenminister Dietrich Genscher es einmal ausdrückte, einzudämmen.

Auch Muslime, unter ihnen der Deutsche Ahmad von Denffer, haben sich eingehend mit dieser Problematik beschäftigt, indem die islamischen Quellen - Koran und Sunna - auf themenrelevante Stellen gesichtet und untersucht wurden.

Die Kernpunkte dieser Überlegungen und Nachforschungen versuche ich im Folgenden zusammenzufassen:

Der Koran fließt von Naturschilderungen geradezu über, deren Ziel es ist, dem Menschen Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung - die er als einen Gottesbeweis versteht - einzuflößen. Rein äußerlich kommt dies dadurch zum Ausdruck, dass zahlreiche Suren nach Tieren oder Naturerscheinungen benannt sind, z.B. die Kuh, das Vieh, die Bienen, die Ameisen, der Elefant, der Donner, das Licht, der Berg, der Mond, die Morgenröte usw.

Auch inhaltlich werden im Koran immer wieder Phänomene in der Natur angesprochen, beispielsweise die besondere Bedeutung des Wassers, das in Sure (21:30) als der Ursprung allen Lebens bezeichnet wird. Es wird dem Menschen klar und deutlich vor Augen geführt, dass er ohne Wasser nicht leben kann, die Erde ohne Wasser keine Frucht trägt, und weder Mensch noch Tier sich ernähren könnten. Die Erde mit dem Wasser vom Himmel ist unersetzlich für die Ernährung und Wasser ist eine Gnadengabe des Schöpfers, mit der der Mensch richtig umgehen muss, um in ihren Genuss zu gelangen. Es gibt aber keine Gewähr dafür.

Im Koran steht:

(67:30) "Sag: Wenn ihr eines Morgens seht, dass all euer Wasser versiegt ist, wer gibt euch dann Wasserquellen?"

In diesem Vers wird nicht nur ein Nachdenken über die Gnade Gottes angeregt, mit der Er die Menschen mit Wasser versorgt, sondern auch die ganz aktuelle Problematik des sinkenden Grundwasserspiegels angesprochen.

Der Koran spricht auch zahlreiche alarmierende Schilderungen dessen an, was sich derzeit auf dem Umweltsektor abspielt. Neben dem Absinken des Grundwasserspiegels ein anderes Beispiel dafür ist die Erwähnung des Phänomens des sauren Regens in der 56. Sure, Vers 68-70:

"Habt ihr das Wasser betrachtet, das ihr trinkt? Seid ihr es, die es aus den Wolken niedersendet, oder sind nicht Wir es, die es niedersenden? Wollten Wir, so könnten Wir es sauer machen. Warum also dankt ihr Mir nicht?"

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass im Koran gleich nach dieser Stelle die Bäume (also der Wald) genannt wird!

Neben der Aufforderung zur Dankbarkeit werden die Gläubigen von Gott wiederholt und eindringlich aufgefordert, in allen Dingen Maß zu halten und auf keinen Fall mit Ressourcen verschwenderisch umzugehen.

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