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Wednesday 18th of October 2017
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Imam Alis deutsche Anhänger

Schiiten sind im Visier des IS. Für die sich als sunnitisch verstehende Terrormiliz sind sie „Abtrünnige“, die den Tod verdient haben. Zugleich sind aber auch hiesige Jugendliche aus schiitischen Familien nicht davor gefeit, der Faszination eines radikalen Islamismus zu erliegen. Gründe genug für die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden in Deutschland (IGS), Ende Juli in Berlin einen dreitägigen Workshop über religiös begründeten Extremismus zu veranstalten.

Jetzt hat die IGS ein 23-seitiges Papier mit den Ergebnissen dieses Workshops veröffentlicht. Es enthält einen Katalog mit Handlungsempfehlungen. Einerseits fordert die IGS von der deutschen Mehrheitsgesellschaft, mehr „mit Muslimen und nicht über Muslime“ zu sprechen und die innerislamische Vielfalt wahrzunehmen. Andererseits empfiehlt sie hiesigen Muslimen, sie sollten eine „deutsch-islamische Identität“ entwickeln. In Moscheen sollte mehr Deutsch gesprochen und auf Deutsch gepredigt werden, und die Imame sollten vorzugsweise in Deutschland sozialisiert und ausgebildet sein.

Das klingt ziemlich staatstragend und könnte so fast schon im Wahlprogramm der CDU stehen. Umso erstaunlicher, dass es um diesen Workshop im Vorfeld eine hitzige Debatte gab. Das Bundesfamilienministerium von Katarina Barley (SPD), das den Workshop finanziell unterstützen wollte, zog seine Zusage kurzfristig zurück. Angeblich sei man nicht hinreichend „über Inhalt und Ablauf des Workshops“ informiert gewesen.

Bei der IGS ist man bis heute irritiert. „Das Besondere an dem Workshop war, dass hier Jugendliche sunnitischer, schiitischer und alevitischer Herkunft zusammengefunden haben“, sagt Dawood Nazirizadeh, Mitglied im IGS-Vorstand. Zu den Dozenten gehörte etwa die Juristin und Theologin Hamideh Mohagheghi, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn, die 2016 von Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. „Es ging uns darum, den salafistischen Vereinfachern etwas entgegenzusetzen.“ Nun drohten Teilnehmer auf den Fahrtkosten sitzenzubleiben, so Nazirizadeh.
Bild-Zeitung schlug Alarm

Der Grund für den Rückzieher des Ministeriums: Die Bild hatte Alarm geschlagen. „Bundesregierung fördert iranische Terrorhelfer“, titelte das Blatt Mitte Juli. In einem reißerischen Artikel warf es den schiitischen Gemeinden in Deutschland vor, der verlängerte Arm der Regierung in Teheran zu sein, und zog eine kruden Bogen bis hin zu Bürgerkriegsmilizen in Syrien.

Kurz darauf lancierte die anti­iranische Kampagne „Stop the Bomb“ einen offenen Brief, der unter anderem von Günter Wallraff und Seyran Ateş unterzeichnet wurde. Sie forderten die Bundesregierung auf, jede Kooperation mit Verbänden zu beenden, die dem „Mullah-Regime des Iran“ nahestünden.

Die IGS wies die Vorwürfe prompt zurück. Lediglich fünf ihrer 154 Mitgliedsgemeinden seien iranischer Herkunft, und die meisten ihrer Mitglieder stammten aus arabischen Staaten, aus der Türkei, Afghanistan oder Pakistan. Ihr gemeinsamer Nenner sei „neben dem schiitischen Islam die deutsche Sprache und die deutsche Organisationsstruktur“. Darüber hinaus bekenne sich die IGS „vorbehaltlos und uneingeschränkt zu den Werten einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft“. Außerdem lehne man „jede Form von Aufrufen zur Gewalt ab“. Gegen den Bild-Bericht kündigte die IGS juristische Schritte und eine Beschwerde beim Presserat an.

Für besondere Kritik sorgte, dass der Workshop in den Räumlichkeiten des Al-Mustafa Instituts in Berlin stattfinden sollte. Das 2016 gegründete Privatinstitut ist einer Ableger der Al-Mustafa-Universität in der Stadt Ghom, dem theologischen Zentrum des Iran. Weltweit gibt es 50 solcher Institute, an denen schiitische Theologie oder Arabisch gelehrt wird. Im Kern aber entzündet sich die Kritik an den schiitischen Gemeinden in Deutschland an deren Verbindungen zum Iran, die nicht nur religiöser, sondern zum Teil auch personeller und organisatorischer Natur sind.
Nein zur „Ehe für alle“

Gegründet wurde die IGS vor acht Jahren. Zweifellos vertritt sie eine konservative Haltung. Zur Einführung der „Ehe für alle“ oder zur Gründung einer „liberalen Moschee“ durch Seyran Ateş in Berlin äußerte sich der Verband ablehnend.

Prominentestes Mitglied der IGS ist das Islamische Zentrum Hamburg (IZH), das in der Imam-Ali-Moschee an der Außenalster residiert. Der prächtige Sakralbau im persischen Stil, mit Kuppel und zwei Minaretten als „Blaue Moschee“ stadtbekannt, wurde bereits in den 1960erjahren erbaut und ist eine der ältesten islamischen Institutionen in Deutschland.

Seit 2009 wird das Zentrum von Ajatollah Reza Ramezani geleitet. Der 54-jährige Theologe gehört zur höchsten geistlichen und politischen Eliten des Iran. Er ist Mitglied im „Expertenrat“ der Republik Iran, welcher deren geistliches Oberhaupt wählt. Seit 1989 ist das der Ajatollah und „Revolutionsführer“ Ali Khamenei. Ramezani gilt als dessen Vertreter in Deutschland und ist zugleich Mitglied des Gelehrtenrats der IGS.

Die „Blaue Moschee“ wird seit Jahren vom Hamburger Verfassungsschutz beobachtet. Die Behörde betrachtet Orte wie diesen als „Instrumente der iranischen Staatsführung, die deren theokratische Staatsdoktrin vertreten“. Auch beteiligten sich Mitglieder des Zentrums am sogenannten Al-Quds-Tag in Berlin, einer alljährlichen antiisraelischen Demonstration für die „Befreiung Jerusalems“.

Kritik zurückgewiesen

„Das IZH ist nicht die politische Vertretung des Iran oder irgendeines anderen Staates“, sagt dagegen Mohammad Hosseini vom Islamischen Zentrum Hamburg und Vorstand der IGS. „In den Freitagspredigten oder bei den Veranstaltungen der Moschee, die alle live übertragen werden und auf YouTube archiviert sind, wird weder über die iranische Politik gesprochen noch über Israel oder die USA. Wir dürfen nicht Konflikte aus den Herkunftsländern nach Deutschland importieren, sondern brauchen mehr Dialog.“

Aus diesem Grund unterstütze man das „Interreligiöse Forum Hamburg“, und die Frauengruppe der Gemeinde wirke im „Interreligiösen Frauennetzwerk“ der Stadt Hamburg mit, so Hosseini. Außerdem habe man das Friedensgebet der abrahamitischen Religionen initiiert, an dem auch der Landesrabbiner Hamburgs teilnahm, und der „Tag der offenen Tür“ locke stets tausende Besucher an. Umgekehrt werde man von anderen Religionsgemeinschaften eingeladen, so etwa auch zum Neujahrsfest-Empfang der Jüdischen Gemeinde in Hamburg.

Das IZH ist außerdem Gründungsmitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), der an der Islamkonferenz von Innenminister Thomas de Maizière teil nimmt. Und er ist Mitglied der Hamburger „Schura“, in dem sich 40 Moscheegemeinden der Stadt zusammen geschlossen haben, die mit dem Hamburg Senat einen Staatsvertrag über die Organisation religiöser Fragen abgeschlossen haben.

Die Berliner Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus sieht keine prinzipiellen Gründe, die gegen eine Zusammenarbeit mit der Dachorganisation IGS sprechen. „Man muss sich entscheiden: Wenn man möchte, dass sich diese Gemeinden als Teil der deutschen Gesellschaft verstehen, dann muss man auch mit ihnen zusammenarbeiten“, sagt sie. „Wenn man sie hingegen ausgrenzt, dann darf man sich nicht beklagen, wenn auch sie sich von dieser Gesellschaft abwenden.“

Die Absage der Workshop-Unterstützung durch das Familienministerium hat die IGS noch nicht entmutigt. „Das bestärkt uns darin, solche Veranstaltungen künftig in Eigenregie durchzuführen“, sagt Mohammad Hosseini. „Auf Versprechen und Abmachungen des Staates können wir uns offenbar nicht verlassen. Aber wir sehen es als unsere Aufgabe, unsere Gemeinden darin zu bestärken, sich noch mehr am ­gesellschaftlichen Leben zu beteiligen.“

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