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Thursday 21st of September 2017
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Die islamische Versschule – Teil 1

eil 1: Allgemeines (dieser Artikel)
Teil 2: Technisches – Was eignet sich wozu?
Teil 3: Eine eigene Latmiyya schreiben

Die größten Gelehrten der islamischen Geschichte waren in aller Regel gute Dichter. Von den Ahlulbayt (a.) sind uns bis heute einige Reime überliefert worden. Auch von Imam Chomeini und Imam Chamenei gibt es viele Gedichte, sogar ein ganzes Buch. Gedichte waren schon immer ein Teil der islamischen Kultur, nicht zuletzt, weil der heilige Quran wunderschöne Reime enthält. So ist es kein Zufall, dass der größte Dichter aller Zeiten – wenn überhaupt jemand diesen Titel verdient – ein Muslim war: Hafis.

Weltweit führt die wiedererwachte islamische Bewegung dazu, dass Muslime ihre islamische Identität wiederentdecken und dazu beitragen eine islamische Kultur zu etablieren. Ein Kulturträger ist die Kunst, zu der auch die Dichtung zählt. Entsprechend wächst die Anzahl selbstgeschriebener islamischer Gedichte im Internet.

In der Schia gibt es die besondere Tradition der Aschura-Gedichte, die häufig nicht zum Vortragen, sondern zum Singen geschrieben werden. Die Latmiyya – das Brustschlagen – benötigt für die optimale Wirkung einen fähigen Sänger, eine passende Melodie und ein ansprechendes Gedicht, das wertvolle Botschaften vermittelt. Selbstverständlich sind diese Elemente nicht voneinander zu trennen. Wenn der Vorsänger nicht geübt ist, wird sein Publikum nicht lebendig mitsingen und auf die Brust schlagen. Wenn die Melodie nicht zum Text passt, ist die Latmiyya nicht mitreißend, und wenn der Text schlecht gedichtet ist, wirkt es billig und kann die Leute selbst dann nicht in den Bann ziehen, wenn die Melodie dazu passt und jeder Ton perfekt getroffen wird.

Diese Artikelreihe beschäftigt sich mit der deutschen islamischen Dichtung, die zum stillen oder zum rezitierten Vortragen gedacht sein kann wie die Gedichte, die als Latmiyya vorgetragen werden sollen. Im ersten Artikel wird das Thema angeschnitten. Im zweiten Artikel wollen wir uns mit den verschiedenen Techniken der Dichtung beschäftigen. Dabei versuchen wir eine Antwort auf die Frage zu finden, welche Art der Dichtung sich für welchen Zweck eignet. Im letzten Teil versuchen wir allgemeine und praktische Hinweise zum Dichten einer eigenen Latmiyya zu geben.

Wieso sollte man sich mit der Technik der Dichtung beschäftigen?

Zwei Dinge benötigt der Dichter: Erstens eine Botschaft, die er überbringen will, und zweitens das richtige Transportmittel.

Der erste Punkt wird uns leichter fallen: Die Geschichte von Imam Hussein (a.) liefert uns schon tausende Botschaften und Lehren. Wir müssen sie natürlich erfassen, und sicherlich benötigen wir eine Idee, wie wir eine Botschaft verständlich machen und die damit verbundene Emotion aufleben lassen können.

Nehmen wir als Beispiel eine Erzählung von der Ermordung Ali Asghars. Die Emotionen, die wir im Zuhörer wecken wollen, sind Trauer und Mitgefühl.
Wir können sagen, dass Ali Asghar, der nur sechs Monate alte Sohn Imam Husseins (a.), in den Armen seines Vaters mit einem Pfeil ermordet wurde. Das ist sogar dann schon traurig, wenn man es nur in Prosa erzählt.

Wir können aber auch anfangen zu beschreiben, was für Fähigkeiten ein sechs Monate altes Kind schon alles hat. Es hat gerade angefangen zu krabbeln, es ist sehr neugierig, fremdelt noch nicht und lächelt jeden an, selbst Fremde. Wie stolz die Eltern auf dieses Kind sind und wie stark die Beziehung der Eltern zu diesem Kind bereits ist! Ja, er war nicht erst, sondern schon sechs Monate alt, denn die Liebe der Eltern zum Kind wächst mit jedem Tag, an dem sie es besser kennenlernen. Könnt ihr euch vorstellen, wie die Eltern beim Anblick ihres verdurstenden Säuglings leiden?
Das hier transportierte Bild ist um ein Vielfaches herzzerreißender, obwohl die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt wurde.

Es kommt also nicht nur darauf an, wovon man berichtet, sondern welches Bild man dabei erzeugt.

Wir wollen uns mit dem zweiten Punkt beschäftigen. Wie kann ich Trauer, Freude, Lachen, Aufbruchstimmung, Elan, Euphorie erzeugen? Eine gute Wahl der Bilder ist nur die halbe Miete. In der Lyrik wird auch ein gutes Transportmittel benötigt. Welches Transportmittel ist für welche Botschaft geeignet? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten und erfordert, dass wir uns zunächst mit der Technik der Dichtung selbst beschäftigen. Versform, Zeilenform, Rhythmus, Gedichttypen, Strophe, Hebung, Senkung usw. Alles Begriffe, die man sich näher anschauen sollte, was wir im zweiten Teil tun wollen.

Inspiration oder Technik?

Eine gängige Meinung besagt, dass man Lyrik nicht lernen könne. Man muss dazu geboren sein. Eine göttliche Gunst muss dir verliehen worden sein. Deine Inspirationen sind himmlischer Natur. Als Genie wird man geboren. Genie hat man oder hat man eben nicht.

Diese Meinung hatten auch manche bekannte deutsche Dichter. Zu einer Zeit, als es allzu strenge, mittelalterliche Regeln der Lyrik gab, wollten einige Dichter diese durch Regelbruch auflockern. Das gilt sicher auch für Goethe, der sich mit den Dichtern vergangener Generationen angelegt hat. Trotzdem haben diese Großmeister die Regeln erst einmal gelernt, bevor sie einige gebrochen haben. Später, deutlich nach Goethe, war es irgendwann Mode, gar keine Regeln mehr zu befolgen. Johannes R. Becher, der Autor der DDR-Hymne, hat z. B. so etwas geschrieben:

Viele Gesichter trug ich, viele Gesichter
waren zu tragen mir auferlegt.
Wenn ich lachte, war oft die Haut nur
vom Lachen bewegt.

Das liest sich wie Prosa. Nimmt man die Zeilenumbrüche raus, kann man die Sätze problemlos in einen Roman einarbeiten. Mit Lyrikregeln hat es nicht mehr viel zu tun. Diese Regellosigkeit ist heute allerdings wieder auf dem Rückzug.

Natürlich stimmt es, dass manche einfach ein überdurchschnittliches Talent zum Dichten besitzen. Heute wird jedoch der Satz „Als Genie wird man geboren“ durch „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ ersetzt. Inspiration und Technik sollen Hand in Hand gehen. Inspiration fällt aber auch nicht vom Himmel. Sie ist das Ergebnis eines Kopfes, der sich lange mit Lyrik beschäftigt.

Das A und O: Gedichte lesen!

Stephen King schreibt für angehende Romanautoren: „Wer keine Zeit zum Lesen hat, hat erst recht keine Zeit zum Schreiben.“ Bedauerlicherweise gilt das nicht für die Lyrik. Wie es aussieht, gibt es mehr Gedichtschreiber als Gedichtleser.

Viele gute deutsche islamische Gedichte sind allein dadurch zustande gekommen, dass der Dichter sich durch das Lesen anderer Gedichte inspirieren ließ. Das gleiche gilt für Latmiyyas. Die deutschen Latmiyyas stecken zwar noch in den Kinderschuhen, dennoch sind schon einige hervorstechende Werke auszumachen. Oftmals sind es Latmiyyas, deren Rhythmus wir bereits von irakischen oder iranischen Latmiyyas kennen. Man wird mitgerissen und wünscht sich, dieses Gefühl auch in einer deutschen Latmiyya zu verspüren. So wird die Gedichtform mehr oder weniger unbewusst übernommen und mit einem neuen deutschen Text ausgestattet. Allerdings mit abweichendem Inhalt, denn Gedichte zu übersetzen ist eine Herausforderung für sich. Entweder man übernimmt den Inhalt oder die Melodie. Wenn man beides will, muss man damit rechnen, dass der Text nicht gut zur Melodie und zum Rhythmus passt. Mehr dazu im dritten Teil.

Der Weg zu guter Dichtung führt auf keinen Fall an den Gedichten deutscher Dichter vorbei. Natürlich enthalten deren Botschaften nicht immer die Essenz des Lebens, können uns aber in Sachen Technik unterbewusst Lehren erteilen.

Hier ist ein Beispiel für ein schwachsinniges Gedicht von Ingo Baumgartner (1944 – 2015):

Der Auerochse oder Ur
genießt die himmlische Natur
auf Wolke sieben oder acht
(was keine Unterschiede macht).
Er singt zur Harfe fromme Lieder
und kaut auch hin und wieder wieder.

In Schulnoten würde man für den Stil eine eins und für den Inhalt eine fünf vergeben. Ja, die deutsche Lyrik ist voller Spottgedichte. Dennoch lernt man etwas durch das Lesen solcher Gedichte.

Zum Vergleich ist hier eine sinnvolle Strophe. Es ist die zweite Strophe des Gedichts Licht des Imam von Mahmoud Ayad:

Und unsre Jugend hier im Land,
die hier im Westen Heimat fand
und auch die hier schon immer warn,
die bat er, so hab ichs erfahrn,
nen gänzlich unbefangnen Blick,
zu werfen, auf unsren Islam.

Sofort bemerkt man den gleichen Rhythmus. Schaut man genauer hin, bemerkt man, dass der Autor des sinnvollen Gedichts genau den gleichen Rhythmus im Ohr hatte wie der Autor des schwachsinnigen Gedichts. Sonst hätte er bei einigen Wörtern nicht gezielt die verkürzte Form gewählt. Zum Beispiel hätte er auch „unsere Jugend“ oder „unbefangenen Blick“ schreiben können, doch damit hätte er den Rhythmus zerstört.

In beiden Gedichten beginnt jede Zeile mit einer unbetonten Silbe und endet auf eine betonte Silbe. Außerdem sind beide Strophen Sechszeiler und jede Zeile enthält genau acht Silben. Dabei wechseln sich betonte und unbetonte Silben streng ab. Das Reimschema unterscheidet sich geringfügig.

Möglicherweise hat der Autor beim Design seines Gedichts tatsächlich die Silben gezählt und die Wörter so gewählt, dass sich betonte und unbetonte Silben immer abwechseln. Wahrscheinlicher ist, dass er vorher diesen Rhythmus im Ohr hatte und nur noch wenige Wörter tatsächlich suchen musste, damit es genau hinkommt. Wie bekommt man einen Gedichtsrhythmus ins Ohr? Indem man viele deutsche Gedichte liest. An Sammlungen deutscher Gedichte mangelt es nicht, sowohl in Buchform als auch online. Damit der Rhythmus nicht zu kurz kommt, sollte man die Gedichte laut oder halblaut lesen.

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