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Wednesday 26th of June 2019
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Islam

Islam

Hans Küng

Der Koran - ein Buch

Der Koran ist für die Muslime ein lebendiges, heiliges Buch in arabischer Sprache. Jedes Wort in dieser Charakteristik ist wichtig:

Es geht um ein Buch. Als solches hat es den Vorteil, daß jeder Gläubige weiß, woran er ist. Hier steht alles, was Gott ganz direkt geoffenbart hat. Hier ist unzweideutig festgehalten, was Gott will. Deshalb ist hier auch nichts mehr zu verändern. Im Gegenteil: Nicht um Veränderung geht es, sondern um Verinnerlichung. Schon als Schulkind soll sich der Muslim möglichst viele Texte in sein Gedächtnis einprägen.

Es geht um ein Buch. Der Koran ist nicht wie die Hebräische Bibel eine Sammlung höchst gegensätzlicher Schriften, die zunächst keinen gemeinsamen Nenner zu haben scheinen. Er besteht auch nicht, wie das Neue Testament, aus sehr verschiedenen, in vielen Details gar widersprüchlichen Verkündigungstexten, die auch noch selber signalisieren, nicht alles an Quellenmaterial über Jesus zu enthalten. Nein, der Koran ist für Muslime ein einziges Buch von Offenbarungen, die dem einen und selben Propheten zukamen und die deshalb zusammenhängend und trotz aller Zeit- und Stilunterschiede einheitlich sind. Erst nach seinem Tod wurden sie in dem einen Buch gesammelt, einge-

teilt (im großen und ganzen der Länge nach) in 114 Abschnitte, die mit dem koranischen Ausdruck »Sure« [sura, Pl. suwar) bezeichnet werden und die ihrerseits aus Versen (»Zeichen«: aya, Pl. ayat) bestehen. Schon im Koran selber ist die Rede von einem »Buch« [kitab).

Es geht um ein arabisches Buch. Der Koran ist das älteste arabische Sprachkunstwerk in Prosa (zuvor gab es bereits Vers-Sammlungen). Es hat die Verbreitung des Arabischen in Wort und Sehrift wie kaum etwas anderes sonst gefördert und wirkt bis heute in syntaktischer und morphologischer Hinsicht normierend. Doch wichtiger: Der Koran ist zugleich das den Arabern geschenkte Offenbarungsbuch, so daß nun endlich auch sie wie die Juden und Christen Schriftbesitzer, »Leute des Buches«, sind. Sie besitzen jetzt ein eigenes heiliges Buch, das durch die Schönheit, die eindringliche Melodie und den oft leidenschaftlichen Rhythmus seiner Sprache sogar die Nicht-Araber unter den Muslimen zu bezaubern und hinzureißen vermag. Auch für sie ist das Arabische die Kultsprache, auch für sie die arabische Schrift ihre eigene. Selbst reformerisch gesinnte Muslime sind der Meinung, den Koran verstehe nur, wer das reine Arabisch verstehe, und deshalb habe sich jeder Muslim um Beherrschung des Arabischen zu mühen. Durch den Koran wurde das Arabische die heilige Sprache der gesamten muslimischen Welt.

Der Koran - gegenwärtig durch Lesung

Es geht um ein lebendiges Buch. Der Koran ist weder ein ehrwürdiges Buch der Vergangenheit, noch ein privates Buch der Andacht und Betrachtung. Er ist ein Buch, das immer wieder in aller Öffentlichkeit laut rezitiert wird: Quran kommt vom Verb qaraa = »laut lesen, vorlesen«, und meint »Lesung« im doppelten Sinn des Wortes: sowohl das Vortragen, Rezitieren wie das Rezitierte, das Lektionar, das Vortragsbuch. Was der Prophet hörte, das hat er den Menschen weitergege-

 

ben. Es ist ein Buch, das mit der Reimprosa seiner Suren und Verse klingt, das rezitiert oder gesungen werden kann und soll. Seine Worte und Sätze begleiten den Muslim von der Stunde der Geburt an, wo ihm das koranische Glaubensbekenntnis ins Ohr gesungen wird, bis hin zur letzten Stunde, wo ihn Koranworte in die Ewigkeit begleiten. Durch Hören, Memorieren und Rezitieren bekennt sich der Muslim zu Gottes Offenbarung und macht sie sich zugleich zu eigen.

Es geht um ein heiliges Buch. Der Koran ist kein Buch wie jedes andere, mit schmutzigen Händen anzurühren und in unlauterem Geist zu lesen. Nein, er ist ein Buch, vor dessen Lektüre man die Hände mit Wasser oder Sand reinigen und das Herz durch demütiges Gebet öffnen soll. Kein profanes, ein durch und durch sakrales und gerade so allgegenwärtiges Buch. Seine Verse, kunstvoll in Stein gemeißelt oder auf Fayencen gemalt, zieren sakrale Gebäude, aber auch Werke der Metall- und Holzschnitzkunst, der Keramik und der Miniaturmalerei. In beeindrukkender Ästhetik, geschrieben in verschiedenartigen Schriften, ragen vor allem die Koran-Exemplare selber hervor, die oft kostbar gebunden und meist mit farbigen Arabesken geschmückt sind.

Die Grundlage des Islam: das Glaubensbekenntnis

Das Glaubensbekenntnis (shahada) ist unbestritten und unumstritten die zentrale Botschaft des Islam. Es ist von denkbar größter Einfachheit und läßt sich in der Tat durch zwei Worte wiedergeben:

Das erste Wort: Allah. Also: der Glaube an den einen Gott, der keine »Beiordnung« irgendeiner Göttin, eines Sohnes oder einer Tochter zuläßt. Der Glaube an Allah, den einen Gott, ist die erste Pflicht eines Muslim und Grundlage der islamischen Gemeinde, der einzige Inhalt ihrer Gebetsliturgie. Er ist das geistige Band der Einheit für alle islamischen Stämme und Völker.Das zweite Wort: Muhammad. Also: das Bekenntnis zum letzten, definitiven Propheten, dem »Siegel« der Propheten.

Muslimische Lebenspraxis: die fünf Grundpfeiler des Islam

Auf der Grundlage des Koran haben sich so schon in der muslimischen Urgemeinde fünf Grundpfeiler des Islam herausgebildet, auf denen das ganze Haus des Islam gebaut ist: neben dem Glaubensbekenntnis zum einen Gott und seinem Propheten, dessen Grab in Medina verehrt wird, und dem alltäglichen Pflichtgebet:

-      alljährlich die Armenabgabe oder Sozialsteuer [zakat);

-      alljährlich der Fastenmonat Ramadan mit Vollfasten von Sonnenaufgang bis
Sonnenuntergang und dann eben

-      einmal im Leben die Wallfahrt nach Mekka, der »Hadjj«: der fünfte Pfeiler des
Islam.

Das tägliche Ritualgebet - Wesenssymbol des Islam

Die Gleichheit aller Muslime vor Gott ist gerade im Gottesdienst offenkundig: Kein Aufzug scheidet Kleriker und Laien, kein liturgisches Drama scheidet Sakrales und Profanes, kein Mysterienspiel scheidet Eingeweihte und Ahnungslose. Jeder Muslim kann grundsätzlich als Vorbeter, als Imam, auftreten. Ein Priestertum gibt es nicht, auch keine Priesterweihe, kein Allerheiligstes, keinen Opferaltar, keine besonderen Kleider für religiöse Würdenträger, keinen separaten Raum in der Moschee für eine Klerikerkaste.

Das tägliche Ritualgebet ist diszipliniert, genau festgelegt in seinem Bewegungsablauf und ganz konzentriert auf den einen Gott. Alle sind eingeordnet in die wohlaufgeschlossenen Reihen der betenden Gemeinde: jeder einzelne hineingenommen in den großen Rhythmus dieses großartig einfachen und direkten Ritus der persönlichen und gemeinschaftlichen Gottesverehrung. Die wichtigste der fünf vorgeschriebenen Bewegungen ist das zweimalige »Niederbeugen« des Menschen vor seinem Schöpfer und Richter, bei dem die Stirn den Boden berührt. So drückt der Beter aus, daß der Mensch sich in seiner Existenz ganz und gar Gott verdankt, daß er in seinem Geschick ständig von einer höheren Macht abhängt. Tiefster Ausdruck des »Islam«: der »Hingabe« an Gott.

Die Eröffnungssure des Koran [al-fatiha) enthält nach der Auffassung vieler Muslime Fundament, Summe und Quintessenz des ganzen Koran: »Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt, dem Erbarmer und Barmherzigen, der am Tag des Gerichts regiert! Dir dienen wir, und dich bitten wir um Hilfe. Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast, nicht den Weg derer, die deinem Zorn verfallen sind und irregehen!« Die einzige Bitte, die im Pflichtgebet ausgesprochen wird, ist die Bitte um »Rechtleitung«. Könnte ein solches Gebet nicht auch von Christen gebetet werden? Das  Unterscheidende  des  Islam

 

wird herauszuarbeiten sein, doch soll dies in sachlicher und nicht in abschätziger Weise geschehen.

Mekka: das Ziel der Großen Wallfahrt

Die Große Wallfahrt der Muslime nach Mekka ist nur im Wallfahrtsmonat möglich. Zumindest einmal im Leben soll sich der Muslim von der Welt abwenden und ganz Gott zuwenden. Mit einer relativ gemütlichen Pilgerreise, wie Christen sie nach Lourdes oder Rom unternehmen, hat dies freilich nichts zu tun.

Eine ganze Reihe teilweise anstrengender Rituale gilt es zu vollziehen. Zunächst haben sich die Pilger in den Weihezustand zu bringen: die Frauen in weißem, ungesäumtem Gewand, die Männer in zwei weißen Tüchern, ohne sich zu rasieren oder zu kämmen. Niemand soll Haare und Nägel schneiden, Parfum benutzen, Geschlechtsverkehr haben, soll bestenfalls ungenähtes Schuhwerk tragen. Die gleiche Kleidung stärkt das Gefühl der Gleichheit aller Menschen vor Gott.

Nach muslimischer Auffassung haben Abraham und sein Sohn Ismael die Kaaba (arabisch für »Kubus«) aufgerichtet und den Platz von Götzendienst gereinigt. Siebenmal ist jenes uralte zentrale Heiligtum Mekkas zu umschreiten und dabei der Schwarze Stein, wohl ein Meteorit aus Basalt, zu grüßen, zu berühren, gar zu küssen. Die Kaaba gilt den Muslimen als Ort besonderer göttlicher Präsenz. Alles was mit ihr in Berührung kommt, erhält Anteil an Gottes segnender Kraft.

Die »Kleine« Wallfahrt - das ganze Jahr über möglich - besteht lediglich aus dem Umschreiten der Kaaba. Bei der »Großen« Wallfahrt aber zieht man hinaus in die Ebene Arafat und besteigt den Gnadenberg Rahma, wo man Vergebung der Sünden erhält. Außerdem kommen bei der Großen Wallfahrt in den folgenden Tagen noch eine Reihe von Riten an heiligen Plätzen rund um Mekka hinzu. Vor allem das Sammeln von Kieselsteinen und das Werfen auf einen Steinpfeiler: Symbol des Teufels, der in Ruinen, Grabstätten, an »unreinen Orten« hausen soll; er liebe Musik und Tanz und könne alle möglichen Gestalten annehmen.

Anders als Juden und Christen praktizieren die Muslime noch die uralten Tieropfer zur Sühne für Vergehen. Die Opfertiere - ein Schaf, eine Ziege oder ein Kamel, oft für eine ganze Pilgergruppe - werden zusammengetrieben. Unter Anrufung des Gottesnamens wird ihnen in Richtung Kaaba die Kehle

durchschnitten. Einen kleinen Teil des Fleisches erhalten die Pilger zum Verzehr, das übrige ist für die Armen. Alles in allem ein frohes Opferfest mit über einer Million Menschen und Hunderttausenden von Tieropfern; ohne rationelle Großorganisation ist dies zweifellos nicht zu machen. Nach dem Opferfest läßt man sich rasieren, die Haare schneiden und zieht neue Kleider an.

Am Ende der zweiten Woche wird die Kaaba erneut umschritten. Es folgt das große Schlußgebet: »Allahu akbar«, »Allah allein ist groß!«. Keine Frage: Diese Wallfahrt ist für jeden Muslim und jede Muslima das Glaubenserlaubnis ihres Lebens schlechthin.

Feindbild Islam

Für manche im Westen hat der Islam nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Rolle des Feindbildes übemehmen müssen. Ein Feindbild ist für vieles gut. Es hat individual-psychologisch und politisch-sozial verschiedene Funktionen:

-      Ein Feindbild entlastet: Nicht wir, nicht unsere Freunde, der Feind trägt alle
Schuld!Unsere verdrängten Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle, unsereAggres-
sionenund Frustrationen lassen sich gefahrlos nach außenableiten, auf ihn pro-
jizieren.Feindbilder ermöglichen ein Sündenbock-Denken.

-      Ein Feindbild verbindet: Sind wir auch in vielem uneins, so sind wir doch ver-
schworen gegen den Feind! Ein gemeinsamer Feind stärkt denZusammenhalt. Er
läßt uns dieReihen fest schließen und Abweichler ausgrenzen. Feindbilder för-
derndas Block-Denken.

-      Ein Feindbild polarisiert: Durch eine Reduktion der Möglichkeiten auf ein Ent-
weder-Oder lassen sich die Menschen für diepolitische Auseinandersetzung nach
Freundund Feind effektiv gruppieren und instrumentalisieren. Wissen wir auch
nicht,wofür wir sind, so doch wogegen. Die Fronten sind geklärt. Jederweiß, wo er
steht. Feindbilder pressen alles in ein Freund-Feind-Schema.

-      Ein Feindbild aktiviert: Eigene Information und Orientierung sind nicht not-
wendig. Wir dürfen, wir sollen uns wehren gegen dieanderen, Fremden, Feinde,
äußere wieinnere. Da ist nicht nur Mißtrauen, sondern auch Feindseligkeit und,
wennnötig, auch Gewalt angebracht gegen Sachen und Personen, physische,
psychische, politische, ja militärische Gewalt. Feindbilder überwinden Tötungs-
hemmungen.Feindbilder führen leicht zum kalten oder heißen Krieg.

Selbstkritische Fragen für Christen

Wenn es um den Islam geht, zeigen unsere Medien mit Vorliebe fanatische bärtige Mullahs, hemmungslos gewalttätige Terroristen, superreiche Ölscheichs oder verschleierte Frauen. Die zahllosen friedliebenden, toleranten und aufgeschlossenen Muslime gerade in Europa leiden unter solchen Stereotypen, die am Islam vor allem Intoleranz nach innen, Militanz nach außen sowie Starre und Rückständigkeit in jeder Hinsicht herausheben.

Selbstkritische Fragen für Christen drängen sich auf: Ob nicht allzu oft ein islamisches Negativbild mit einem christlichen Idealbild verglichen wird? Ob es nicht auch im Westen, ja im Christentum selber Intoleranz, Militanz und Rückständigkeit gibt und umgekehrt auch im Islam Toleranz, Friedensliebe und Fortschritt? Ob also nicht mit einem Freund-Feind-Schema das uns Fremde verunglimpft und ausgegrenzt werden soll? Ob es dabei überhaupt um ein Bild des realen Islam geht? Christen sollen den Islam so verstehen, wie er sich selbst versteht. Kritisches Rückfragen ist dann durchaus gestattet, ein Wettstreit um das tiefere Gottesverständnis durchaus erwünscht.

Islam - die neueste und älteste Religion zugleich

Schon ein Blick auf die Weltkarte provoziert die Frage: Warum bekennt sich bald eine Milliarde Menschen im mittleren Gürtel des Globus zum Islam: von der Atlantikküste Afrikas bis zu den indonesischen Inseln, von den Steppen Zentralasiens bis ins afrikanische Mosambik? Warum hat diese Religion so verschiedene Menschen wie nomadische Berber, schwarze Ostafrikaner, nahöstliche Araber, aber auch Türken, Perser, Pakistani, Inder, Chinesen und Malaien zu einer großen religiösen Familie zusammenbringen können?

Für die Muslime selber ist der Islam die neueste und deshalb auch die beste Religion. Juden und Christen hätten zwar vorher schon Gottes Offenbarung erhalten, aber dann leider verfälscht. Erst der Islam stellte sie unverfälscht wieder her. Deshalb ist er für die Muslime auch die älteste und universalste Religion, Denn schon Adam, der erste Mensch, sei »Muslim« gewesen. Warum? Weil schon Adam islam praktizierte, was wörtlich heißt: »Unterwerfung«, »Unterordnung«, »Ergebung« in Gottes Willen im Leben und Sterben.

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