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Sunday 16th of June 2019
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Imam Ali (a.s.)

Imam Ali (a.s.)

Von:Ayatollah Motaharie

Zunächst einmal:

Wir wissen, daß sich Ali (a.s.) während der Zeit der ihm vorausgegangenen Kalifen nicht scheute, darauf aufmerksam zu machen, daß das Kalifat sein unantastbares Recht sei. Dennoch sehen wir, daß er sich -nachdem Utmān im Rahmen einer blutigen Rebellion getötet worden war und die Leute ihn bestürmten und bedrängten, das Kalifat anzunehmen -weigerte. Er sagte:

'Laßt mich, sucht euch einen anderen.'                                                                                                        

Und damit in den Leuten nicht der Eindruck entstand, er verstünde sich zu diesem Amt nicht geeignet, erklärte er:

'Wir befinden uns in einer sehr kritischen Situation, und die Zukunft wird noch viel dunkler und verworrener werden.'

Und:

'Wir haben eine finstere Zeit vor uns. Eine Zeit voller Unruhen, Wirren und Gegensätze. Es ist keine klare, leuchtende Zeit, die vor uns liegt...'

Er fügt hinzu:

 

'Die Horizonte werden in Nebel gehüllt sein. Wie wenn der Mensch durch Nebel ginge und selbst das, was vor seinen Füßen liegt, nicht mehr zu erkennen vermag.'

Und:

'Die Hauptstraße erscheint wie ein dunkler, verwundener Weg. Man weiß nicht mehr, wo's langgeht.'

Er warnt:

'Und wisset - wenn ich das Kalifat übernehme, werde ich so vorgehen, wie ich es für richtig weiß, nicht aber so, wie es euch paßt!'

Abschließend dann sagt er:

'Laßt mich - wenn ich wie bisher als Wezir fungiere, nicht als Amir, so wird das vorläufig besser sein'

Aus seinen Worten geht hervor, daß er erhebliche Schwierigkeiten für die Zeit seines Kalifats voraussah. Eben jene Schwierigkeiten, die dann ja auch eintraten und offenkundig wurden.

Welcher Art waren diese Schwierigkeiten? Auf alle eingehen zu wollen, würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen. Uns geht es hier um das wesentliche Problem Alis (a.s.), womit wir uns befassen wollen. Die übrigen werde ich nur kurz streifen.

Umāns Tod und Zwietracht

Die erste Schwierigkeit, der Ali (a.s.) gegenüberstand und ihn zu den Worten veranlaßte:

"Eine dunkle, verworrene Zeit liegt vor uns', betraf den Tod Utmāns.

Ali (a.s.) trat ein Kalifat an, dessen vorausgegangener Kalif durch Aufständler ums Leben gebracht worden war. Sie waren voller Protest und wollten selbst sein Begräbnis verhindern.

Genau diese Aufständler aber schließen sich Ali (a.s.) an. Und die übrigen? Alle in der Bevölkerung denken ja nicht wie diese Aufständischen. Selbst Ali denkt nicht wie sie. Er denkt auch nicht wie die Kontra-Revolutionäre und ebenfalls nicht wie allgemeine Bevölkerung.

Da sind auf der einen Seite Utmān, dessen Leute und dazu all die Ungerechtigkeit, Rohheit, Schluderei, Vetternwirtschaft, ungerechtfertigte Privilegien, Diskreminierung und auf der anderen die aufgebrachten Aufständischen aus Hiğāz, Medina, Basrah, Kulan und Ägypten. Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie, kritisieren, protestieren. Doch ohne Erfolg. Utmān überhört sie, geht auf sie nicht ein.

 

Ali (a.s.) ist Vermittler zwischen den Aufständischen und Utmān. Das allein schon ist erstaunlich. Ali, der doch so sehr Vorgehen und Verhalten Utmāns ablehnt, agiert nun als Vermittler.

Warum? Weil er verhindern will, daß das Kapitel "Kalifenmord" eröffnet wird. Weil er nicht möchte, daß der Kalif getötet wird, da dies zu großen Unruhen, Intrigen und Zwietracht in der muslimischen Gesellschaft führen würde. Viel gibt es dazu zu sagen.6

Ali (a.s.) ist keinesfalls mit Utmān einverstanden und versucht, ihn von dem Weg, den er eingeschlagen hat, abzubringen und ihn auf den rechten Kurs zu bringen. Damit sich die Aufständischen beruhigen, damit das immer höher lodernde Feuer der Zwietracht und Gegnerschaft in den Reihen der "Ummah"7 erlischt. Jedoch weder Utmān noch dessen Anhänger sind bereit, die eingeschlagene Richtung aufzugeben, noch die Aufständischen dazu, von ihrer Rebellion zu lassen. Und so geschieht dann eben das, was nun folgt...

Ali (a.s.) wußte, daß die Ermordung Utmāns zu einem großen Problem anwachsen und Konflikte und Feindschaft innerhalb der Reihen der Muslime heraufbeschworen werden würden. Insbesondere auch unter Berücksichtigung jener Tatsache, über die uns die Historiker in Kenntnis setzten, nämlich: Daß bei der Ermordung Utmāns sogar einige seiner eigenen Leute die Hand im Spiele hatten. Sie wollten den Tod Utmāns, wollten Zwietracht in der islamischen Welt, wollten daraus ihren Nutzen ziehen.** Vor allen Dingen Muawiah war am Tode Utmāns interessiert. Daß er dabei "mitwirkte", steht außer Frage. Er schürte insgeheim Unruhen und Rebellion, um aus der Ermordung des Kalifen zu profitieren.

Soweit zu diesem Problem...

Dann: Die Gegner Alis (a.s.) unterschieden sich von den Gegnern des Propheten (s.a.a.s.) insofern, daß letztere Götzendiener und Ungläubige waren. Als solche bekämpften sie Muhammad (s.a.a.s) und leugneten den Einen Gott. Und zwar in aller Öffentlichkeit, nicht hinter vorgehaltener Hand...

Mit dem Ruf: 'Es lebe Hubal', begannen sie ihren Kampf gegen den Gesandten Gottes. Und dieser begegnete ihnen mit einer ebenso klaren Antwort, mit der Devise: 'Der einzige Gott ist allem erhaben.'

Ali (a.s) aber hatte es mit einer Reihe listiger Glaubensloser zu tun. Dem Schein nach hatten sie sich zwar dem Islam zugewandt, doch wirkliche Muslime waren sie nicht. Ihre Parolen klangen zwar "islamisch", aber ihre Ziele waren gegen den Islam gerichtet.

6  An 14 Stellen in "Nahğul Balāgah" geht Ali (a.s.) auf die Ermordung Utmāns ein

7  Ummah: Gemeinschaft der Muslime, islamische Gesellschaft
8 Nachzulesen in "Nahğul Balāgah"

 

Der Vater Muawiahs - Abu Suffian - war mit der Devise "Es lebe Hubal!" gegen den Propheten zu Felde gezogen. Das machte dem Propheten natürlich die Sache leichter, da er wußte, wer sein Gegner, wie dachte und wie er ihm begegnen konnte.

Muawiah, der Sohn Abu Suffians, vertrat in Wirklichkeit ebenfalls abusuffianisches Denken und abusuffianische Ziele, tarnte sie aber u.a. mit dem koranischen Wort:

ﻮَ مَنْ قُتِلَ مَظْلوما فَقَدْ جَعَلْنا لِوَلّیِه سُلْطانا

'Die nahen Angehörigen dessen, der freventlich getötet ward, hat Gott zu Anspruch auf Blutsühne berechtigt.' 9

An und für sich eine verständliche Regelung. Aber - ist nun niemand, der Muawiah fragt, wer denn nun tatsaächlich rechtmäßigen Anspruch auf Blutsühne (für das Blut Utmāns) erheben kann? Etwa du, Muawiah, der du nur weitläufig mit dem Getöteten verwandt bist?!10 Utmān hat doch einen Sohn, er hat Angehörige, die ihm näherstehen als du!

Zudem, was hat die Ermordung Utmāns mit Ali (a.s.) zu tun?

Jedoch, jemanden wie Muawiah kümmert das alles nicht. Er möchte profitieren, sonst nichts.

Zuvor schon hatte Muawiah seinen Leuten aufgetragen, ihm, sobald der Kalif beseitigt worden sei, unverzüglich dessen blutbesudeltes Hemd nach "Schām"" zu bringen. Als nun Utmān in seinem Blut dalag, warteten sie daher nicht erst lange ab, bis das Blut an seinem Hemd getrocknet sein würde, sondern schickten es alsbald mit dem abgeschlagenen Finger12 der Gattin Utmāns zu Muawiah. Und das kam ihm wie gerufen, weshalb er anordnete, den (oder die) abgetrennten Finger der Gattin Utmāns gleich neben seiner Minbar13 zu befestigen.

"O Leute, sehr nur, die Welt ist über und über in Frevel versunken. Mit dem Islam ist es vorbei! Man hat der Gattin des Kalifen die Finger abgeschlagen!"

Und er befahl, das blutige Hemd des Utmān auf einem Stockbügel aufzuhängen und dann an der Moschee - oder anderswo - anzubringen. Er selbst aber setzte sich darunter und begann nun, zu jammern, zu klagen und den getöteten "unschuldigen" Kalifen zu beweinen. Längere Zeit ließ er den Tod Utmāns in Damaskus beklagen und bereitete nach und nach die Bevölkerung auf die Forderung nach Blutsühne vor.

Für das vergossene Blut des Utmān...

Von wem ist es zu fordern?

Von Ali natürlich! Ali steckte doch mit den Aufständischen, die sich ihm inzwischen angeschlossen haben, unter einer Decke. Wenn es nicht so wäre, wenn er nicht mit ihnen verbündet gewesen wäre, warum sollten sie dann jetzt in seinem Heer sein??

So hieß es...

Ein recht großes Problem.

Hinzu kamen die beiden Kriege "Ğamal" und "Seffin" - hervorgerufen von Mißgünstigen, unter dem gleichen Vorwand.

9  Aus dem 33. Vers der Sure 17

10  Verwandtschaft vierten Grades

11  Scham: Damaskus

12  Als die Aufständischen ins Haus Utmāns eindrangen, um ihn zu töten, warf sich seine Gattin
  schützend auf ihn. Durch einen Schwerthieb,der auf Utmān herniederging, wurden ihr ein
  (oder mehrere) Finger abgetrennt.

13 eine Art Kanzelstuhl

 

Gerechtigkeit - in jedem Fall

Auch sein Vorgehen, das zu Veränderungen in der Gesellschaft führte, verursachte ihm Schwierigkeiten. So ging Ali (a.s.) Gerechtigkeit über alles. Diesbezüglich gab es für ihn kein "Wenn und Aber". Nach dem Dahinscheiden des Propheten hatte sich die Gesellschaft nach und nach daran gewöhnt, daß einflußreichen Leuten Privilegien eingeräumt wurden. Ali (a.s.) aber begegnete dem mit erstaunlichem Widerstand. Sagte:

'Ich werde mich auch nicht um eine Haaresbreite von der Gerechtigkeit entfernen.'

Selbst seine Gefährten meinten: "Sei doch ein wenig flexibler diesbezüglich."

Er aber antwortete:

'Erwartet ihr etwa von mir, daß ich meines politischen Erfolges und Gelingens wegen Unrecht und Ungerechtigkeit den Schwächeren der Gesellschaft gegenüber dulden sollte? Bei Gott, solange es Tag und Nacht gibt, solange die Sterne am Himmel wandern - derlei kommt für mich nicht in Frage!"

Aufrichtigkeit und Klarlinigkeit

Auch seine Aufrichtigkeit und Klarlinigkeit in der Politik erwies sich als Schwierigkeit für ihn und sein Kalifat. Auch dies behagte sogar einigen

 

seiner Gefährten nicht. Sie klagten: Soviel Aufrichtigkeit und Klarheit ist doch in der Politik nicht notwendig. Ein bisschen List und Verschlagenheit gehört wohl schon dazu. Das ist doch die Würze in der Politik.14

Einige gingen sogar soweit und sagten:

'Ali versteht nichts von Politik. Seht nur, welch hervorragender Politiker Muawiah ist!' Ali (a.s.) erklärte jedoch:

'Bei Gott, ihr irrt euch! Muawiah macht keine bessere Politik als ich. Er ist nur verschlagener. Ist kein besserer Politiker als ich. Er ist ein Betrüger, voller Heimtücke, ist korrupt. Ich aber will Politik ohne Betrug und Gaunerei. Ich will mich nicht vom Weg des Rechts entfernen, will mich nicht des Betruges schuldig machen.

Wenn der Segensreiche und Erhabene Gott nicht vor Betrug und Heimtücke gewarnt hätte, würdet ihr sehen, daß Ali der Schlaueste unter den Schlauen ist!

Betrug und Heimtücke sind sündhaft. Derlei ist Frevel und Widersätzlichkeit gegen Gott. Ist "Kufr". Und ich weiß, daß jeder Betrüger am Auferstehungstag gerufen wird - mit seiner Fahne.'15

Die "Khawāriğ" - eigentliches Problem Alis (a.s.)

Das eigentliche Problem Alis (a.s.) jedoch - alles andere, was ich anführte, diente mehr oder weniger als Vorspann dazu - beruhte jedoch in folgendem:

Vorweg: Den Kreis, den der Prophet (s.a.a.s.) um sich versammelte, schuf er nicht allein deshalb, damit er mit dessen Hilfe gesellschaftliche Veränderungen und Reformen, eine Revolution, zuwege brächte und eine Anzahl Anhänger "unter seiner Fahne" versammle. Sondern er unterrichtete diesen Kreis seiner Anhänger - er informierte und bildete sie, brachte ihnen Wissen bei, Schritt für Schritt. Nach und nach faßten die islamischen Belehrungen Fuß in ihnen, wirkten auf sie ein.

Dreizehn Jahre lang hatte der Gesandte Gottes (s.a.a.s.) in Mekka die Feindseligkeiten, Rohheiten und Dreistigkeiten der Quraisch ertragen müssen. Er und die Jungmuslime. Dennoch rief er sie zu Geduld und Duldsamkeit auf, wenngleich seine Getreuen sagten:

O Gesandter Gottes, wie lange noch sollen wir das ertragen! Erlaube uns doch endlich, uns zu wehren, uns zu verteidigen. Wie lange noch sollen wir

14  All dies ist nachzulesen in "Nahğul Balāgah"

15  Gemeint ist wohl, daß auch die Betrogenen unter der Fahne der Betrüger erscheinen werden.

 

leiden, wie lange noch sollen sie uns drangsalieren, foltern, töten können?! Wie lange noch sollen wir erdulden, daß sie uns auf den heißen, steinigen Wüstenboden zwingen und uns schwere Felsblöcke auf die Brust legen?! Wie lange noch müssen wir unter ihren Peitschenhieben bluten?!

Doch der Prophet gab die Erlaubnis zu Verteidigung und Kampf nicht. Nur eine begrenzte Anzahl von ihnen ließ er ganz zuletzt nach "Habascheh" (heutiges Äthiopien) auswandern. Nebenbei, es war eine segensreiche Auswanderung.

Was tat der Prophet während dieser dreizehn langen und schweren Jahre in Mekka? Er erzog seine Anhänger, unterrichtete sie, bildete sie aus. Mit anderen Worten: Er schuf den Kern der islamischen Gesellschaft. Sozusagen deren Urkern.

Jene, die seinerzeit auswanderten - ca. tausend waren es - waren mit dem Islam, mit dessen Geist, vertraut. Sie hatten fast alle eine islamische Erziehung und Ausbildung hinter sich.

Grundvoraussetzung für eine Bewegung ist, daß sie sich auf ein ausgebildetes, intaktes "Kader", das seinerseits wiederum zu erziehen und auszubilden vermag, stützen kann. Auf ein Kader, das mit den Zielen und Beweggründen der Bewegung als auch deren Taktik bestens vertraut ist. Dieses "Kader" ist der zentrale Kern der Bewegung, um den sich weitere scharen, die ebenfalls ausgebildet und unterrichtet werden und sich an den Personen des Kaders, des zentralen Kerns, orientieren. Und genau darin lag bzw. liegt das Geheimnis des Erfolges des Islam.

Zurück zu Imam Ali (a.s.) und seiner Situation. Daß diese sich diese von der des Gesandten Gottes (s.a.a.s.) unterschied, beruhte zum einem darin, daß letzterer mit offenkundigen Gottesleugnern bzw. Kafiren zu tun hatte. Mit Kafiren, die rundheraus sagten, wir glauben nicht an den Einen Gott.

Ali (a.s.) aber hatte mit Kafiren zu tun, die sich als Muslime ausgaben. Also mit insgeheimen Gottesleugnern, die Zugehörigkeit zum Islam heuchelten. Mit Leuten, die Kafir-Ziele verfolgten, diese aber mit islamischen Reden tarnten. Mit angeblicher Frömmigkeit und Ehrfurcht vor dem Einen Gott. Also Leute, die dem Schein nach unter dem Banner des Koran standen und den Koran heiligten...

Zum anderen aber war in der Zeit der Kalifen, d.h. insbesondere in der Ära des Utmān die islamische Erziehung und Unterweisung nicht mehr ernstgenommen worden. Jedenfalls keineswegs so, wie es hätte sein müssen oder zu Lebzeiten des Gesandten Gottes (s.a.a.s.) gehandhabt wurde. Es gab zwar Siege und Erfolge zu verzeichnen, doch sie allein reichten zu einem echten Vorwärtskommen des Islam bzw. der islamischen Gesellschaft nicht aus. Der Prophet war dreizehn Jahre lang in Mekka geblieben und hatte den Muslimen nicht erlaubt, sich zum Verteidigungskampf zu erheben. Darum, weil sie die notwendigen Voraussetzungen dazu noch nicht erreicht hatten. Ğihād und Eroberungen müssen einhergehen mit islamischer Bildung, Kultur und Umsichtigkeit. Das heißt, parallel zu neuen Erfolgen und Eroberungen haben islamische Bildung und Kenntnisse voranzuschreiten und anzuwachsen. Muslime - alte und neue, selbst jene, die sich zum Islam hinzugezogen fühlen - müssen über dessen Grundsätze, Wahrheiten und Ziele, über Äußeres und Inneres des Islam, von dessen Schale bis hin zu seinem Kern, Bescheid wissen. Müssen verstehen und erkennen.

 

Infolge der Nachlässigkeit der Imam Ali (a.s.) vorausgegangenen Kalifen jedoch geschah es, daß sich in der islamischen Gesellschaft eine Gruppe bildete, die zwar am Islam interessiert war, die glaubte und von der Richtigkeit des Islam überzeugt war, jedoch nur dessen Schale, dessen Äußeres kannte. Die es zwar - beispielsweise - mit dem Gebet sehr ernst nahm, jedoch Wissen über den Islam und dessen Ziele nicht besaß. Eine Gruppe - verbohrt, bigott, überfromm. Ihre Stirnen waren verhornt, aufgrund ihrer stundenlangen "Suğuds"l6. Ebenso ihre Knie und Handflächen. Und sie knieten nicht eine Stunde, nicht zwei und drei, sondern bisweilen währten ihre Niederwerfungen bis zu fünf Stunden. Ganz abgesehen davon, daß sie nicht etwa auf einem Teppich oder Bodenbelag knieten, sondern auf der harten, nackten Erde.

Als Ali (a.s.) Ibn Abbās zu ihnen schickte - zu einer Zeit, da sie gegen Ali rebellierten - und dieser dann zurückkam und meldete:

Ihre Stirnen sind verletzt infolge ihrer viele und langwährenden "Suğuds", ihre Hände sind wie die Knie der Kamele verhornt, und sie sind gekleidet in alte, verschlissene und rauhe Gewänder. Schlimmer als alles aber ihre hart-entschlossene, fanatische Miene. Wie nur soll man Zugang zu ihnen finden können?!

Eine solcher Kreis - töricht-doktrinär, bigott, dumm-fromm, schlimmer noch: überfromm, unverständig, blind und stur - war in der islamischen Welt entstanden. Ohne Kenntnis über den Islam, ungebildet - aber dem Islam zugewandt.

Über den Geist des Islam hatten sie nicht die leiseste Ahnung, wohl aber über dessen Äußerlichkeiten, dessen Schale. Daran hielten sie sich fest. Genauer: Daran klebten sie fest...

Ali (a.s.) beschreibt sie wie folgt:

Harte, strengfromme Leute, verbohrt-doktrinär, von niedriger Gesinnung, sklavisch, ohne Edelsinn, nichs Edles ist an ihnen, pöbelhaft. Woher sie mit

16  Suğūd: Niederwerfung vor Gott

 

einem Male kommen - unbekannt. Der eine von daher, der andere von dorther. Ohne teste Wurzel, ohne Basis. Woher sie nur auftauchen?!

Leute,   die   erst   einmal   das   ABC   des   Islam   kennenlernen,   die   die Grundstufe  des  islamischen Unterrichts  erst einmal  absolvieren müssen. Völlig ahnungslos, ohne Kenntnis und Bildung. Was der Koran eigentlich ist, wissen  sie  nicht.   Sie wissen nicht, was der Koran überhaupt sagt.   Sie begreifen die koranischen Inhalte nicht. Auch nicht die Sunna des Gesandten Gottes (s.a.a.s.). Sie müssen erst einmal unterrichtet und erzogen werden. Sie haben  keine  islamische  Bildung  und  Erziehung  kennengelernt.   Zu  den "Muhāğirin"'7  und  "Ansār"18,  die  der  Prophet  heranbildete  und  erzog, gehören sie jedenfalls nicht. Sie haben keine islamische Bildung...

Ali (a.s.) tritt das Kalifat zu einer Zeit an, da es einen solchen Kreis unter den Muslimen gibt. Überall sind sie anzutreffen. Selbst im Heer.

Es kommt zu dem Krieg "Seffin" und dem Komplott Muawiahs und Amr 'Ās'. Als diese merken, daß der Kampf mit einer Niederlage - und zwar einer entgültigen - für sie enden wird, planen sie, die eben genannte töricht-bigotte Gruppe für sich zu nutzen. Und ordnen an:

'Leute, nehmt euren Koran auf eure Lanze! Leute, wir alle schätzen doch den Koran, und wir alle achten die Qibla.19 Warum führt ihr dann eigentlich Krieg gegeneinander? Wenn ihr Krieg führt - nun, so wisset, daß ihr gegen den Koran auf den Lanzen Krieg führt.'

Unverzüglich legt besagte Gruppe ihre Waffen nieder. Sagt:

'Wir werden doch nicht gegen den Koran kämpfen!'

Sie gehen zu Ali (a.s.). Erklären ihm:

'Die Sache ist erledigt. Der Koran ist eingeschaltet worden. Der Krieg erübrigt sich somit...'

Ali (a.s.) sagt:

'Hab ich euch denn nicht vom ersten Tag an gesagt: Laßt uns laut Koran vorgehen und urteilen? Laßt uns auf diese Weise sehen, wer im Recht ist!

Sie lügen. Sie haben den Koran nicht wirklich eingeschaltet. Lediglich Seiten und Umschlag des Koran. Sie werden sich anschließend erneut dem Koran widersetzen.

Hört nicht auf sie. Ich bin euer Imam. Ich bin euer "Qur'ān Nātiq". Macht weiter, stürmt nach vorn!'

Sie erwiderten: 'Wirklich erstaunlich, wir hatten geglaubt, du seiest gut und rechtschaffen-fromm. Nun aber sehen wir, daß auch du ein Opportunist

17  Muhāğirin: Hier: Muslimische Auswanderer aus Mekka nach Medina

18  Ansār: Jene, die die Auswanderer aus Mekka bei sich aufnahmen

19  Qibla: Gebetsrichtung

 

bist. Wir sollen also weitermachen und gegen den Koran kämpfen?! Keinesfalls werden wir das tun, wir werden nicht weiterkämpfen!'

Ali darauf: 'Dann kämpft eben nicht weiter...'

Malik Aschtar war dabei, voranzustürmen mit seinen Leuten. Und so sagten jene Töricht-Frommen zu Ali (a.s.):

'Befiehl ihm, sofort aufzuhören. Sag ihm, es wird nicht länger gegen den Koran gekämpft! Das ist Frevel!'

Und sie bedrängten ihn, bis daß Ali (a.s.) Malik Aschtar zurückrief. Malik jedoch wollte nicht, sagte: 'Es sind nicht mehr als ein, zwei Stunden bis zum Sieg. Erlaube, daß wir weiterkämpfen! Wir werden den Gegner besiegen, seine Niederlage ist so gut wie sicher.'

Sie aber drohten Ali (a.s.) nun:

'Entweder rufst du Malik unverzüglich zurück oder aber wir werden dich mit unseren Schwerten (sie waren 20.000 Mann) zerfetzen. Willst du denn gegen den Koran Krieg fuhren?!'

Ali (a.s.) ließ Malik Aschtar wissen:

'Malik, wenn du Ali lebend wiedersehen möchtest, so komm sofort zurück!'...

Es folgt nun das "Hakamayn-Geschehen".

Sie sagten: 'Bestimmt zwei Schiedsmänner. Nun ist also der Koran eingeschaltet worden. Das ist in Ordnung so, und nun wollen wir zwei Schiedsmänner wählen.'

Sie stimmten für den diabolischen Amr 'Äs. Ali (a.s.) aber schlug den gebildeten und klugen Ibn Abbäs vor. Sie aber widersprachen:

'Keinesfalls! Ibn Abbäs-ist-dein Vetter. Er ist verwandt mit dir. Wir aber wollen jemanden, der nicht mit der verwandt ist.'

Ali (a.s.) sagte: 'Nun, dann stimme ich für Malik Aschtar.'

Aber auch ihn lehnten sie ab. Sagten: 'Wir sind nicht mit ihm einverstanden.'

Noch ein paar weitere, die vorgeschlagen wurden, wiesen sie zurück. Mit den Worten:

'Nur Abu Mussä Asch'ari werden wir akzeptieren.'

Wer aber ist Abu Mussä Asch'ari? Gehört er zu den Leuten Alis (a.s.)?

Nein, keineswegs. Abu Mussä war zuvor Gouverneur von Kufeh. Ali (a.s.) aber hatte ihn seines Amtes enthoben. Abu Mussä ist daher voller Groll und Feindseligkeit gegen Ali.

Sie holen Abu Mussā herbei, und auch er geht Amr 'Äs ins Netz. Ein Ränkespiel, das gespielt wird. Ein Spiel voller Intrige und Tücke...

Als sie begriffen, daß sie sich geirrt hatten, sagten sie zwar: 'Wir haben uns geirrt', aber wiederum machten sie einen Fehler. Sie sagten nämlich nicht:

 

Unser Irrtum bestand darin, daß wir den Krieg gegen Muawiah abbrachen, dieweil wir hätten weiter gegen ihn kämpfen müssen. Denn es war ja in Wirklichkeit gar kein Krieg gegen den Koran, sondern für den Koran...

Nein, sie meinten auch jetzt noch, daß es richtig gewesen sei, den Krieg abzubrechen.

Auch sagten sie nicht, daß sie sich geirrt hätten, als sie Abu Mussā Asch'ari wählten. Daß es richtiger gewesen wäre, wenn sie mit Ibn Abbās oder Malik Aschtar einverstanden gewesen wären.

Nein, sie sagten vielmehr:-

'Daß wir zwei Menschen als Schiedsmänner bestimmten, war frevelhaft. Denn im Koran heißt es: "Zu richten ist allein Gottes Sache!"

Und da das so im Koran geschrieben steht - nämlich, daß das Richten allein Gottes Angelegenheit ist - ist also kein Mensch dazu befugt.

Das heißt also, wenn wir einen Menschen als Richter fungieren lassen, so ist das "Kufr"20 und "Schirk"21. Wir haben uns darum alle zu Kafiren gemacht, aber wir bereuen es...'

Und sie gingen zu Ali (a.s.). Sagten:

'Ali, auch du bist wie wir ein Kafir geworden. Bereue also!'

(Immer deutlicher wird, worin das eigentliche Problem beruht. In Muawiah oder aber in diesen Verbohrt-Frommen, den Khawāriğ?!)

Ali (a.s.) entgegnete:

'Ihr irrt euch. Zu richten ist nicht "Kufr"! Ihr habt den Sinn dieses koranischen Wortes nicht erfaßt.

Der Koran sagt: Das Gesetz ist allein Gottes Sache.

Das heißt, nur Gott ist berechtigt, Gesetze zu erlassen - oder aber der, den Gott dazu befugt hat.

Wir wollten doch nicht jemanden wählen, der Gesetze erläßt. Wir sagten: Das Gesetz ist das koranische Gesetz. Zwei mögen kommen und gemäß dem Gesetz des Korans urteilen bzw. entscheiden. Gott kommt doch nicht selbst, um die Differenzen der Leute zu regeln. Dafür hat Er uns den Koran hinabgesandt...'

Sie aber antworteten: 'Nein. Was wir sagen, stimmt!'

Daraufhin Ali (a.s.):

'Niemals werde ich einen Frevel, den ich nicht begangen habe, zugeben. Und niemals werde ich etwas, das nicht gegen das Religionsgesetz verstößt, als Frevel bezeichnen. Wie könnte ich behaupten, Gott oder der Prophet (s.a.a.s.) hätten etwas angeordnet bzw.  gesagt, was sie jedoch niemals anordneten oder sagten?! Wie könnte ich sagen, daß es "Kufr" und gegen das Religionsgesetz sei, in Streitfällen zu urteilen und zu richten?! Nein, keinesfalls ist das "Kufr" - da könnt ihr sagen, was ihr wollt!'

20  Kufr: Widersetzlichkeit, Frevel gegen Gott

21  Schirk: Polytheismus, Vielgötterei, anderem als Gott dienen und gehorchen

 

Ali (a.s.) und die "Khawāriğ"

Sie trennten sich von Ali (a.s.). Wurden zu einer Sekte, bezeichnet als "Khawāriğ" - Aufständische gegen Ali. Und sie begannen ihm zuzusetzen, wann und wo immer sie nur konnten. Solange sie von Waffen keinen Gebrauch machten, verhielt sich Ali milde und duldsam gegenüber. Selbst am "Bayt ul Mal" beteiligte er sie weiterhin. Er schmälerte weder ihre Rechte noch ihre Freiheiten.

Sie aber kränkten und verhöhnten und erlaubten sich dreiste Reden gegen ihn - selbst vor den Augen anderer. Ali (a.s.) aber blieb ruhig. Wenn Ali sprach, fuhren sie ihm ins Wort. Einmal, Ali redete von der Minbar aus, stellte jemand eine Zwischenfrage. Ali antwortete - freundlich und exzellent. So hervorragend, daß alle erstaunt waren und in "Takbir"22 ausbrachen. Einer der Khawāriğ war anwesend und sagte:

'Wie gelehrt er doch ist. Gebe Gott ihm doch den Tod!'

Alis Gefährten wollten sich auf ihn stürzen. Er, Ali (a.s.) aber sprach:

'Laßt ihn, er hat nur mich gemeint. Höchstenfalls könnt ihr ihm darauf antworten. Aber tätlich gegen ihn werden - nein, das dürft ihr nicht!'

Ali betete - er verrichtete das Gemeinschaftsgebet. Und obwohl er Kalif der Muslime ist, verrichten sie - die Khawāriğ - das Gebet nicht hinter ihm , sondern sagen: Ali ist kein Muslim! Ali ist ein Kafir, ein Muschrik23! (Wie duldsam Ali doch ist!)

Und während Ali (a.s.) die Suren "Hamd" und "Tawhid" zelebriert, rezitiert einer von ihnen - es war Ibn AI Kawwāb - nun mit lauter Stimme jenen an den Propheten gerichteten Koranvers, in dem es heißt:

"O Prophet, wie den Propheten vor dir wurde auch dir gesagt: So du Gott Nebengötter zur Seite stellst, nimmst du damit all deinen (guten) Werken ihren Wert."24

Ibn AI Kawwāb wollte damit sagen: Ali, es stimmt zwar, daß du der erste bist, der dem Ruf des Gesandten Gottes folgte und Muslim wurde.

22  Takbir: "Allah u Akbar" (Gott ist groß! Unvorstellbar groß. Im Vergleich zu Ihm ist alles
 andere "Nichts")

23  Kafir": Gott-Leugner, "Muschrik": jemand, der außer Gott noch anderes anbetet

24  Sure Zumar, Vers 65

 

Das hast du getan und viel hast du geleistet und bewirkt. Da du aber "Muschrik" wurdest, also Gott anderes beigeselltest, wirst du von Ihm nicht akzeptiert...

Wie reagiert Ali (a.s.) daraufhin?

Er schweigt, hört zu, gemäß dem koranischen Wort:

إِذا قُرِء الْقُرْآنُ فَاسْتَمِعوا لَهُ وَ أَنْصِتوا

"Wenn du eine Koranrezitation hörst, so höre zu...25

Anschließend setzt er im Gebet fort. Wieder rezitiert Ibn AI Kawwāb besagten Koranvers. Und wieder schweigt Ali und hört zu, bis die Rezitation beendet ist. Ali (a.s.) betet weiter. Erst als die Äyah26 zum dritten oder vierten Mal vorgetragen wird, hört Ali (a.s.) nicht mehr hin, sondern antwortet mit dem Koranvers:

فَاصْبِر اِنﱠ وَعْدَ اﷲِ حَقُّ وَ لا یََسْتََخِفنکَ الذینَ لایُوقنونَ

"Sei geduldig! Wisse, die Verheißung Gottes ist wahr! Und laß nicht jene, die keine Gewißheit haben, dich ins Wanken bringen."27 Und verrichtete weiter das    Gebet...

Die "Khawāriğ" und ihre Lehrsätze

Begnügten sich die Khawāriğ nun etwa damit? Wenn es an dem gewesen wäre - nun, so hätten sie für Ali kein sonderliches Problem dargestellt. Doch sie wurden immer mehr, wuchsen an zu einer Gesellschaft, zu einer Partei -mehr noch, zu einer Sekte. Zu einer islamischen Sekte sozusagen. (Was man so leichthin als "islamisch" bezeichnt. Nicht wirklich islamisch, nein. Wirklich muslimisch waren sie nicht. Unserer Ansicht nach waren sie Kafire.) Jedenfalls "kreierten" sie in der islamischen Welt ihre eigene Lehre mit eigenen Grundsätzen und Bestimmungen.

Sie sagten: Nur der gehört zu uns, der zum einen Utmān, Ali und Muawiah als Kafire versteht und zudem alle, die der "Hakamiat" zustimmten. Auch wir waren Kafire geworden, bereuten es aber. Nur wer wie wir die "Hakamiat" bereut, ist Muslim. Zum anderen erklärten sie, daß das Gebot "Gutes gebieten, Schlechtes verwehren" bedingungslos zu befolgen ist. Das

25  Sure A'rāf, Vers 204

26  Āyah: Koranvers

27  Sure Rum, Vers 60

 

heißt: Unter allen Umständen und Bedingungen gilt es, sich gegen einen Kalifen, einen Imam, der Unrecht tut, zu erheben. Auch wenn von vornherein klar ist, daß ein solcher Aufstand sinnlos und ohne Erfolg sein wird.

Ebenfalls ein Zeichen ihrer blinden Starrheit und Schroffheit.

Ein weiteres Prinzip, daß sie ihrer Lehre zugrundelegten und ebenfalls Ausdruck für ihre Engstirnigkeit ist, bestand darin, daß sie sagten, Tun und Lassen gehören zum Glauben, sind nicht separat von ihm zu verstehen. Es genügt nicht, daß der Muslim lediglich sagt:

"Ich bezeuge, daß es außer dem Einen Gott keinen weiteren Gott gibt und daß Muhammad Sein Gesandter ist..."

Keinesfalls. Wenn ein Muslim das Gebet getreulich verrichtet und gewissenhaft fastet, wenn er nicht Alkohol trinkt, nicht an Glücksspielen teilnimmt, wenn er nicht Ehebruch und Unzucht begeht, nicht lügt, nicht frevelt und sündigt, so steht er erst auf der untersten Stufe seines Muslimisch-Seins. Und wenn ein Muslim lügt, so ist er überhaupt kein Muslim, sondern ein Kafir, ist unrein. Und wenn er nur einmal über einen anderen - hinter dessen Rücken - spricht oder nur einmal Wein trinkt, so hat er damit den Islam verlassen. Eine große Sünde zu begehen, verstanden sie sogleich als "Abkehr vom Islam".

Das aber bedeutete, daß nur sie, die "Superheiligen", Muslime waren. Wie überliefert wird, sollen sie gesagt haben: 'Unter dem weiten Himmelszelt gibt es außer uns keine weiteren Muslime...'

Etliche weitere Glaubensgrundsätze hatten sie noch, auf die einzugehen ich jedoch hier verzichten möchte, da uns das vom eigentlichen Thema abbringen würde.

Wie gesagt, da sie davon ausgingen, daß dem Gebot "Gutes gebieten, Schlechtes verwehren" bedingungslos Folge zu leisten, jeder frevelnde Imam zu bekämpfen ist und sie Imam Ali (a.s.) als Kafir einstuften, gingen sie gegen ihn vor. Rebellierten gegen ihn. Sie gingen soweit, daß sie mit einem Male ihre Zelte draußen vor der Stadt aufschlugen und gegen Ali offiziell meuterten.

Und auch diesbezüglich handelten sie einem recht schroffen und engstirnigen Grundsatz gemäß. Sie sagten: 'Nur wir sind Muslime, die anderen nicht.' Und da die anderen keine Muslime sind, können wir aus ihren Reihen keine Gattin für uns wählen und ihnen auch nicht unsere Töchter als Gattinnen geben. Zudem ist uns das Fleisch der von ihnen geschlachteten Tiere verboten. Wir dürfen also von ihrem Geschlachteten nicht kaufen und nicht essen. Schlimmer als alles aber war, daß sie der Auffassung waren, daß es erlaubt sei, Frauen und Kinder der anderen töten zu dürfen.

 

Sie zogen also hinaus vor die Stadt. Und da sie alle anderen als Kafire -'die es wert seien, daß man sie töte' - betrachteten, begannen sie, zu morden und zu plündern. Eine finstere, verworrene Zeit...

Einer der Gefährten des Propheten (s.a.a.s.) kam mit seiner schwangeren Frau an ihren Behausungen - draußen vor der Stadt - vorbei. Sie verlangten von ihm. sich von Ali (a.s.) loszusagen. Der Mann weigerte sich, woraufhin sie ihn töteten. Mit einer Lanze rissen sie der Schwangeren den Leib auf. Mit der Begründung: Ihr seid Kafire!

Sie - also die gleichen Khawāriğ - kamen an einem Palmenhain vorüber. (Der Hain gehörte jemandem, den und dessen Eigentum sie respektierten) Einer von ihnen pflückte eine Dattel und steckte sie sich in den Mund. Sie versetzten ihm deswegen einen solch harten Schlag, das ihm Hören und Sehen verging und fuhren ihn an:

"Willst du dich etwa an dem Eigentum deines muslimischen Bruders vergehen?!"

Wie reagierte Ali (a.s.)?

Sie trieben es so stark, daß Ali (a.s.) in ihrer Nähe sein Lager aufschlug. Sie durften nicht länger unbeaufsichtigt bleiben. Er schickte Ibn Abbās zu ihnen, damit dieser mit ihnen redete. Ibn Abbās ging auch, kam jedoch zurück und berichtete nun das, was ich zuvor schon erwähnte. Nämlich:

Ich sah ihre Stirnen, die infolge ihrer vielen und langen Niederwerfungen verhornt waren, ihre Handflächen waren wie die Knie der Kamele, ihre Gewänder rauh und alt und ihre Gesichter: Hart und verschlossen...

Jedenfalls - Ibn Abbās kam unverrichteter Dinge von ihnen zurück. Ali (a.s.) ging daraufhin selbst hin und sprach zu ihnen. Und seine Worte wirkten. Von den 12000 Anhängern, die sie hatten, waren 8000 einsichtig. Ali ließ ein Banner - das "Banner der Sicherheit" - aufrichten. Wer von ihnen sich nun unter das Banner stellte, war in Sicherheit. 8000 von ihnen kamen. Die übrigen viertausend aber weigerten sich und sagten: Auf keinen Fall! Unmöglich!

Und so zog Ali (a.s.) nun sein Schwert gegen sie. Gegen jene, 'deren Stirnen infolge ihrer vielen und langwährenden Niederwerfungen verhornt waren'. Bis auf einige wenige fanden alle den Tod. Nicht einmal zehn waren es, die entkommen konnten. Zu diesen gehörte Abdur Rahman Ibn Mulğim -dieser Überfromme...

 

In "Nahğul Balāgah" ist folgendes Wort Alis (a.s.) zu lesen. (Wirklich, Ali ist ein hervorragender Mensch. Dieses kommt u.a. in diesem seinem Wort zum Ausdruck) Er sagte:

"Ich war es - allein ich, der dieser "Fitnah"28 ein Ende bereitete. Niemand sonst außer mir vermochte es. Niemand der Muslime hatte den Mut, sein Schwert gegen sie zu ziehen."29

Nur zwei Gruppen sind es, die es wagen, solchen Superfrommen die Stirn zu bieten. Einmal jene, die an Gott und Islam nicht glauben. Leute wie beispielsweise die Gefährten Yazids, die Imam Hussayn (a.s.) töteten. Die Muslime jedenfalls fürchteten sich davor, gegen diese Superfrommen etwas zu unternehmen.

Gewiß - so etwas ist sicherlich nicht jedermanns Sache, denn es erfordert schon ein gut Maß an Kühnheit und Weitblick. An Kühnheit und Weitblick Alis (a.s.), der die Gefahr, die von diesen Superfrommen für die islamische Welt ausging, erkannte. (Was Ali ahnte und empfand, ist aus seinen eigenen Worten entnehmen.)

Und so zieht Ali (a.s.) also gegen die Khawāriğ - dieweil sie doch ständig von Gott reden, Seiner viel gedenken, den Koran lesen und rezitieren - das Schwert und bezwingt sie. Nur er ist dazu fähig. Denn, wie gesagt, dazu sind Kühnheit und Weitblick Alis vonnöten. Er sprach:

"Keiner der Muslime, niemand der Gefährten des Gesandten Gottes, fand den Mut, gegen sie das Schwert zu ziehen. Ich aber tat es und empfinde es als Ehre, daß ich es tat. "

Und er sagt:

"Ich habe ihrer "Fitnah" ein Ende bereitet..."

Nachdem geistige Vernebelung und Verdunkelung weiter um sich griffen30, sagte er:

28  Fitna; hier: Meuterei, Machenschaft

29  Nahğul Balāgah, Khutbah 92

30  Das heißt, nachdem die Situation immer schlimmer, immer verworrener, immer  suspekter
geworden war und immer mehr Zweifel auftauchten. Auch Ibn Abbās, derzu ihnen
gegangen war,zauderte, als er sie sah. Es war alles sehr verworren und verschwommen, wie
in Nebel getaucht. Das heißt, es warso, daß der muslimische Kämpfer, der im Namen des
Islam kämpfen wollte, sich nichtsicher war, ob sein Kampfauch tatsächlich im Namen und
im Sinne des Islam erfolgte. Denn wenner sah, daß jene, die er bekämpfen wollte,
augenscheinlich frommer und anbetungsintensiver waren als er selbst, mehr beten als er und
ihre Stirnen infolge vieler und langerNiederwerfungen verhornt waren, begann er zu
zaudern. Dann zögerte er, das Schwert gegen sie ziehen und fragte sich: 'Wie kann ich gegen
sie die Waffe führen?! '

Wenn Ali (a.s.) und seine Gefährten nicht gewesen wären, wenn sich Alis Gefährten seiner (Alis) nicht sicher gewesen wären und ihm nicht völlig vertraut hätten, würden sie wohl kaum die Waffe gegen "jene" gezogen haben.

 

'Die "Tollwut" wächst mehr und mehr an.'

Im arabischen Original benutzt Ali (a.s.) einen Begriff, der in diesem Zusammenhang nichts anderes bedeutet als "Tollwut", als "tollwütiger Hund". Das Krankheitsbild eines Hundes, der tollwütig und folglich irre wird, ist schon sehr sonderbar. Er kennt niemanden mehr, nicht Freund, nicht Feind, nicht Bekannte und nicht Unbekannte, nicht seinen Herrn und nicht andere. Einen jeden, dem er begegnet - ob Mensch oder Tier - beißt er. Er gräbt ihm seine Zähne ins Fleisch. Auf diese Weise gelangen die Tollwut-Erreger ins Blut des Gebissenen, der nun ebenfalls infiziert ist und nach eingien Wochen von der Tollwut "gepackt" ist. Das heißt, das Pferd, das von einem tollwütigigen Hund gebissen wird, wird nach einiger Zeit ebenfalls tollwütig. Das gleiche geschieht, wenn ein Mensch gebissen wird.

Und Ali (a.s.) sagt also nun: Sie werden zu tollwütigen Hunden. Und ein jeder, der mit ihnen kontaktiert, wird nach einiger Zeit wie sie. Wenn jemand einen tollwütigen Hund sieht, sieht er sich berechtigt, ihn zu töten. Um die Gefahr, die von dem Hund ausgeht, abzuwenden. Ich habe tollwütige Hunde erlebt und weiß, daß nichts anderes bleibt, als ihnen den Garaus zu machen. Andernfalls wird es nicht lange dauern und sie werden unsere Gesellschaft infizieren. Sie wird erstarren, verdummen und in Versteinerung und Verbohrtheit versinken. Ich aber habe diese Gefahr für den Islam vorausgesehen und 'habe der Meuterei (Fitnah) Einhalt geboten." Niemand außer mir hatte, nachdem die Tollwut um sich gegriffen hatte, nachdem immer immer mehr infiziert worden waren und Nebel und Zweifel über allem lag, den Mut dazu.

Was war charakteristisch für sie?

So manches war typisch für die Khawāriğ. Unter anderem ihre kühne Entschlossenheit, ihr Opfermut. Da ihnen ihre Lehre über alles ging, waren sie ihretwegen kühn entschlossen und zu Opfern bereit: Und welch einen erstaunlichen Opfermut legten sie an den Tag. Viele Geschichten dazu wurden überliefert.

Zudem waren sie überfromm. Und wann immer nur möglich, warfen sie sich zu Gottesanbetung nieder. Genau das aber war es, was die Muslime zaudern ließ, ihnen Einhalt zu gebieten, so daß Ali (a.s.) sagte: 'Außer mir war niemand sonst bereit, ihrem Treiben ein Ende zu bereiten.'

Ja, und dann waren es ihre Engstirnigkeit, ihre Verbohrtheit und immense Torheit. Mögen wir gegen derlei bewahrt sein. Was ist doch alles infolge von Torheit und Verbohrtheit über die islamische Welt gekommen?!

 

"Nahğul Balāgah" ist wirklich ein erstaunliches Buch. In jeder Hinsicht erstaunlich. Das, was in ihm über "Tawhid" zu lesen ist, dann die hervorragenden Reden und Weisheiten Alis (a.s.), seine Duās, Gottesanbetung, Liebe zu Gott - alles wirklich höchst erstaunlich. Ebenso Alis (a.s.) Analysen zur Geschichte seiner Zeit. Seine Erklärungen zu Muawiah, Utmān, den Khawāriğ, zu den Ereignissen jener Tage. Im Zusammenhang mit den Khawāriğ beispielsweise sagt er, sich an sie richtend:

'Ihr seid die Sie die Schlimmsten!'

Zu diesen Superfrommen sagt er, wenngleich sie doch ständig in Anbetung begriffen sind:

'Ihr seid die Schlimmsten.'

Warum?

Warum sagt Ali (a.s,), sie seien die Schlimmsten?

Er erklärt es:

'Ihr seid deswegen die Schlimmsten, weil ihr gleich Pfeilen seid in der Hand der Satane. Satan benutzt euch als Pfeile, die er gegen sein Ziel abschießt.'

Und er betont:

'Ihr seid zielsichere Pfeile in der Hand der Satane.'

Auch dies sollten wir in diesem Zusammenhang nicht außer acht lassen: Zu seiner Zeit bildete sich bereits ein weiterer Flügel. Der Flügel der listigen" Munāfiq"3' - Munāfiq wie Muawiah, 'Amr' Äss, die allesamt gebildet waren und über die Dinge Bescheid wußten. Sie kannten Ali besser als andere, und wie uns die Geschichte berichtet, mochte Muawiah Ali (a.s.) im Grunde, wenngleich er gegen ihn Krieg führte. (Profitsucht, Machtstreben, Mißgunst, Neid, Komplexe - nehmen wir uns nur vor derlei in acht!) Wann immer Muawiah - nach dem Schahadat Alis (a.s.) - einem der nahen Getreuen Alis begegnete, sagte er: 'Erzähl mir von Ali, beschreibe ihn mir.' Und wenn sie ihm von Ali erzählten, schossen ihm Tränen in die Augen und er meinte: Wohl kaum wird noch einmal eine Zeit einen Menschen wie Ali hervorbringen...

Jedenfalls, es gab sie. Jene, die wie 'Amr'Äs und Muawiah Ali (a.s.) und seinen Regierungsstil kannten, über seine Ziele und Bestrebungen wußten, doch keine Ruhe fanden vor ihrer eigenen Profitsucht, vor ihrer "Weltsucht".

Und immer sind sie es, diese listigen Heuchler, die von den Verbohrt-Frommen Gebrauch machen, sie als Pfeile nutzen, die sie abschießen. Mitten in ihre Ziele hinein. So war es schon immer und so wird es immer sein.

31 Munāfiq: Heuchler, Doppelzüngiger

 

 Und dieses große Problem, das Ali (a.s.) zu schaffen machte, wird es geben, solange die Welt besteht. In den verschiedensten Varianten. Immer wird es Ibn Mulgims und Verbohrt-Fromme geben - als Pfeile in der Hand der Mephistos. Ebenfalls wird es immer jene geben, die bereit sind, sich hintergehen und mißbrauchen zu lassen und jene, die keine Gelegenheit auslassen, um zu hintergehen, zu betrügen, zu verleumden. Und - wie sie es im Zusammenhang mit Ali (a.s.) taten - zu sagen: 'Er ist ein Kafir, ein "Muschrik"

Jemand behauptete, Ibn Cina32 sei ein Kafir.33 Ibn Cina entgegnete in Versform:

Zu behaupten, ich sei 'Kafir' - ein schwierig Unterfangen denn fester als mein Glaube wird kein Glaube sein

wenn ich sollte sein ein Kafir dann zeigt einen wirklichen Muslim       mir...

Nahezu jedem großen Wissenschaftler, den die islamische Welt hervorbrachte, erging es bisher so. Superfromme behaupteten, er sei kein Muslim, sondern ein Kafir. Oder sie sagten, er sei kein Freund Alis (a.s.), sondern Alis Feind.

In diesem Zusammenhang folgende Begebenheit. Doch zuvor noch diese Bitte:

Muslime, seid auf der Hut! Paßt auf, daß ihr nicht werdet wie die Khawāriğ von Naharwān. Seid nicht Pfeile in mephistophelischer Hand.

Doch nun zu der Geschichte, die ich euch erzählen möchte:

Eines Tages rief mich einer meiner Freunde an. Sagte: "Ich bin baß erstaunt. Merkwürdiges ist mir zu Ohren gekommen. Und zwar soll Eghbāl, der Pakistani, den Sie (Ostad Motahhari) in einer Gedenkfeier gewürdigt haben, in einem seiner Werke Imam Ğa'far Sādiq (a.s.) verunglimpft haben."

Ich antwortete: "Was sind denn das für Reden?!"

Er: "Schlagen sie in folgendem Buch Eghbals nach und lesen sie, was auf der Seite so

Und so steht."

Ich fragte: "Haben Sie es selbst gelesen?"

32  Aviccnna

33  Häufig wollen Verbohrte, Ignoranten oder aber Mißgünstige und Neider gebildete, gelehrte,
etwas leistende und geschätzte Personen in Mißkredit bringen. Doch da deren hohes Wissen
und   Können   allgemein   bekannt  ist,   versuchen   sie,   sie   zu   verleumden,   indem   sie
beispielsweise  in  einer religiösen  Gesellschaft  verbreiten:   Dieser  oder jener  sei  ein
Gottesleugner...

 

Er: "Nein, doch jemand, der sehr verläßlich und angesehen ist, machte mich darauf aufmerksam."

Ich war sprachlos. Wunderte mich im Stillen über Leute wie Herr Sa'idi, die doch die Werke Eghbals von Anfang bis Ende gelesen und diese Verunglimpfung nicht bemerkt hatten. Unverzüglich erkundigte ich mich nun bei Herrn S. Sa'idi, fragte ihn nach dem Sachverhalt. Auch er wunderte sich. Sagte: "Nein, davon kann keine Rede sein. Ich habe das Buch schließlich auch gelesen."

Nach ein, zwei Stunden erschien er bei mir. Sagte:

"Ich glaube, ich weiß jetzt, wo der Haken liegt. Da gab es nämlich einst zwei Männer in Indien.

Einer hieß Ğa'far, der andere Sādiq. Als die Engländer kamen, um das Land in Besitz zu nehmen, erhoben sich die Muslime gegen sie. Diese beiden Männer aber arrangierten sich mit den Engländern, hintergingen die islamische Bewegung und machten sie zunichte. Diese beiden Männer sind es, die Eghbal in seinem Buch anprangten. Das wird es sein..."

Ich ließ das Buch bringen, schlug die genannte Seite auf und las, was Eghbal dort sagt:

'Wo immer es in der Welt zu Unheil kommt, ist entweder ein Sādiq zugegen oder ein Ğa'far.'

Zwei Seiten zuvor aber hatte er geschrieben:

Ğ'a 'far aus Bengalen, Sādiq aus Dakkan -eine Schwach für die Religion

eine Schmach für die Welt eine Schwach für die Heimat...

Eghbal hatte also von dem Bengalen Ğa'far und dem Dakkani Sādiq gesprochen. Nicht von Imam Ğa'far Sādiq (a.s.). Und daß der Imam nicht aus Bengalen oder Dakkan stammt, wissen wir schließlich alle.

Wir informierten uns jedoch noch mehr, wollten nun die geschichtlichen Zusammenhänge, die Eghbal in seinem Buch anspricht, erfahren. Und erfuhren nun, daß sich nach dem Einzug der Engländer in Indien zwei islamische Befehlshaber - der Schi'ah zugehörig - gegen die Eindringlinge erhoben hatten. Es waren: Sirāğ ud Din und Tayfu Sultān. (Wie es heißt, stammte Sirāğ ud Din aus dem Süden Indiens und Tayfu Sultan aus dem Norden.) Wie gesagt, diese beiden großen Männer erhoben sich zum Aufstand gegen die Engländer. (Und diese beiden großen Männer werden von Eghbal gerühmt!)

 

Nun war es aber so, daß die Engländer in den Reihen des Sirāğ ud Din jenen Ğa'far fanden. Mit ihm taten sie sich zusammen. Er wurde ihr Komplize. Und in den Reihen des Tayfu Sultan war es Sādiq, den sie für ihre Zwecke nutzten. Auch er wurde zu ihrem Komplizen. Beide fielen nun ihren eigenen Leuten in den Rücken. Die Quintessenz war, daß die Engländer dreihundert Jahre lang in Indien ihre Kolonialherrschaft betreiben konnten.

Doch auch ein weiteres Resultat ist zu nennen. Beide, Sirāğ ud Din und Tayfu Sultan, wurden zu Helden. Geehrt von der Schi'ah, da sie schiitische Helden waren. Und geehrt von den Sunniten, da sie muslimische Helden waren. Und geehrt von den Indern ganz allgemein, da sie Nationalhelden waren. Die beiden Verräter aber - Ğa'far und Sādiq - gelten in den Reihen der Schi'ah, in den Reihen der Sunniten als auch unter den Indern und Pakistanern ganz allgemein als Verräter und werden verachtet und verdammt. Sie wurden sozusagen zum Symbol für Verrat schlechthin...

Drei Monate sind nun nach jener Gedenkfeierlichkeit vergangen, und es ist seitdem kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht gefragt wurde: 'Warum schmäht denn nur dieser Pakistani, dessen Gedichte, in denen er Imam Hussayn (a.s.) würdigt, Sie rezitieren, Imam Ğa'far Sādiq (a.s.)?'

Das aber, über was man in nichtislamischen Kreisen lacht und mich tieftraurig stimmt, ist, daß sie (jene spöttelnden Kreise) - da sie erkannten, daß Eghbal den Bengalen Ğa'far und den Dakkani Sādiq anprangerte und nicht Imam Ğa'far-Sādiq (a.s.) - sich nun darüber lustig machen und das auch breittreten und sagen: 'Die Muslime haben das nicht begriffen und klagen, Eghbal habe Imam Ğa'far Sādiq verunglimpft. Seht nur, wie "gescheit" sie doch sind, die Muslime!'

Und wir - uns bleibt nichts, als beschämt zu sein, wenn wir feststellen müssen, auf welch niedrigem Denkniveau die Muslime doch stehen.

Als der Bote Alis (a.s.) in Damaskus war, sagte Muawiah, wenngleich erst Mittwoch war: 'Heute wollen wir das "Gum'ah-Gebet" (Freitagsgebet) verrichten! Gebt das den Leuten bekannt!'

Und so geschah es. Am Mittwoch wurde das Gum'ah-Gebet abgehalten. Und niemand war, der dagegen Einspruch erhoben hätte. Muawiah ließ den Boten Alis (a.s.) rufen und sagte ihm: Reite zurück zu Ali und sage ihm: 'Mit 100.000 Kriegern, von denen niemand in der Lage ist, zwischen Mittwoch und Freitag zu unterscheiden, komme ich zu dir.' Und sag Ali, er solle sich also gut überlegen, was er tun wolle...

Ja- und heute wird "Hüssaynieh Irschād"34 angeklagt, die Versammelten aufgerufen zu haben, die Palästinenser zu unterstützen. Einige Zionisten -

34  Bekanntes Vcrsammlungshaus in Teheran. Es sei daran erinnert, daß diese Vortragsreihe vor dem Sieg der Islamischen Revolution abgehalten wurde.

43

 

Israel hat in unserem Land viele Spitzel und bedauerlicherweise spionieren auch etliche aus den Reihen der Muslime für sie - haben daraufhin "Hussaynieh-Irschād" ins Vesier genommen, und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht irgendwelche Gerüchte über es verbreiten.35 Freunde, ich erwarte von euch nichts, als daß ihr eure Augen aufhaltet und achtgebt! Prüft, bevor ihr etwas sagt und weitergebt. Israelische Elemente gibt es in diesem Land - und in allen islamischen Ländern - und zwar en masse. Paßt auf, daß ihr nicht werdet wie die Khawāriğ von Naharwān! Wie lange wollen wir denn noch im Namen des Islam gegen den Islam das Schwert ziehen?! Wenn wir aus dem. was seinerzeit geschah, nicht lernen - aus was wollen wir denn dann eine Lehre für uns ziehen?! Warum kommen wir denn wohl Jahr für Jahr, in Gedenken an Ali (a.s.), zusammen?! Darum doch wohl, weil sein Leben und Vorgehen lehrreich ist für uns. Unter anderem sein Kampf gegen diese Khawāriğ, gegen diese Verbohrt-Frommen. Sein Kampf gegen sie, gegen Heuchelei, Engstirnigkeit, Dummheit. Ali braucht keine engstirnige, dumme Schi'ah. Er braucht keine Schiah, die sich von Betrügern und Zionisten hinters Licht führen läßt und auf Gerüchte hineinfällt. Die, wenn jemand sagt, Eghbal habe Imam Ğa'far-Sādiq (a.s.) angeprangert, diesem Gerede ungeprüft Glauben schenkt und es ihrerseits weiterträgt und verkündet: Eghbal (der doch zu den lauteren Freunden Ahl-ul-Bayts a.s.) hat Imam Sādiq (a.s.) verunglimpft und bezichtigt. Er ist ein "Nāssibi"...36

Solches Gerede - Gott bewahre uns davor! Statt hinzugehen und das Gerücht zu überprüfen, anstatt sein Buch aufzuschlagen und selbst nachzulesen oder aber bei kompetenten Stellen und Personen nachzufragen. Nein, solche Schiiten will Ali (a.s.) nicht. Sie sind ihm zuwider. Seid also hellhörig, macht eure Augen richtig auf! Tragt nicht alles, was ihr hört, sofort weiter. Dieses: "es heißt, daß ..." oder "ich habe gehört, daß..." hat oftmals einen Haken. Prüft nach, informiert euch, dann erst redet - jedoch niemals, ohne euch sicher zu sein, daß es richtig und wahr ist, was ihr sagt!

Als Abdur-Rahmān Ibn Mulğim Ali (a.s.) getötet hatte, sagte einer der Khawāriğ in einem Vers:

Gepriesen sei der Hieb jenes tugendhaften Mannes jenes tugendhaften Mannes, der nichts als das Wohlgefallen Gottes

sucht...

35  Daß Ostad Motahhari diese Rede hielt, bevor er aus dem Hussaynich-Dircktorium
ausschied, verstehtsich von selbst.

36 Nāssibi: Jemand, der Imam Ali (a.s.) beschimpft

37gemeint ist Ibn Mulğim

 

Und er fügte hinzu:

'Wenn man die guten Werke in die eine Schale der göttlichen Waage legte und in die andere den Schwerthieb Ibn Mulğims, so würdet ihr sehen, daß sein Hieb, diese seine Tat, gewichtiger und großartiger ist als alle übrigen gemeinsam.'

Was können doch Dummheit und Engstirnigkeit anrichten?!

Schahadat Alis (a.s.)

Ibn Mulğim ist einer der neun Verbohrt-Frommen, die in Mekka jenes berüchtigte Bündnis schließen und sagen: Alles Unheil in der islamischen Welt geht auf das Konto dreier Personen. Nämlich auf das Konto Alis, Muawiahs und des 'Amr'Ās. Ibn Mulğim ist es, der Ali (a.s.) töten soll. Und wann? Am Vorabend zum 19. Ramadan. Ausgerechnet. Darum, weil sie sich sagten: Das, was wir tun wollen, ist "Gottesdienst'. Und damit dieser Gottesdienst besonders gottwohlgefällig ist, soll er in der Nacht "Qadr" staltfinden.

Ibn Mulğim geht also nach Kufeh und wartet dort die verabredete Nacht ab. Zwischenzeitlich lernt er ein Mädchen kennen - "Quttām" . Auch sie ist eine der Khawāriğ, jedoch mit eigenen Ansichten. Er verliebt sich in sie. Ist betört von ihr. Vielleicht will er damit auf andere Gedanken kommen. Doch, wie dem auch sei, als er sie bittet, seine Frau zu werden, sagt sie: 'Ich bin einverstanden - allerdings ist das, was ich von dir als Morgengabe erwarte, sehr, sehr hoch.'

Und er, in seiner Verliebtheit, antwortet: 'Alles, was du willst, werde ich dir geben.'

Sie daraufhin: '3000 Dirham, eine Sklavin, einen Sklaven...'

Er: 'Ist in Ordnung, gebe ich dir.'

Sie: 'Und viertens erwarte ich von dir, daß du Ali Ibn Abi Tālib tötest.'

Das aber hatte er nicht erwartet. Alles andere schon, aber das nicht. Erschrocken sagt er darum: 'Wir wollen heiraten, um ein schönes Leben zusammen zu haben. Ali zu ermorden aber bedeutet, daß wir auf ein gutes gemeinsames Leben nicht hoffen können!'

Sie wiederum: 'Das aber will ich von dir. Wenn du mich heiraten willst, mußt du zuvor Ali töten. Kommst du mit heiler Haut davon - nun, so werde ich deine Frau. Und wenn du nicht heile davon kommst, na, dann eben nicht.'

Und er überlegt und überlegt. Seine Gedanken drückt er mit folgenden Worten aus:

 

"Diese paar Dinge wollte sie von mir als Morgengabe. Und sie sagte selbst, daß niemals und nirgendwo eine solch schwere Morgengabe verlangt wurde. Und recht hatte sie damit. Sie sagte: Was immer auch jemals als Morgengabe gefordert wurde, niemals hatte es den Wert von Ali. Die Morgengabe meiner Frau ist das Blut Alis.'

Er fügt hinzu:

'Kein Attentat in der Welt, bis zum Ende aller Tage nicht, ist so groß wie das, das Ibn Mulğim beging'

Und damit hatte er recht...

Wie aber reagiert Ali (a.s.) auf das Attentat?

Ali liegt im Sterben. Zweierlei ist es, das die islamische Welt bedroht und er klar vor sich sieht. Da sind einmal Muawiah und die sogenannten "Qāssitīn", das heißt jene Munāfiqīn (Doppelzüngige), an deren Spitze Muawiah rangiert. Und zum anderen die Khawāriğ, diese Superfrommen, die sich untereinander ebenfalls nicht einig sind.

Wie werden Alis (a.s.) Getreuen nach ihm reagieren? Was werden sie tun? Wie werden sie den Meuchelmord an ihm ahnden?

Und so sagt er: Wenn ich nicht mehr bin, tötet sie nicht...

Es stimmt zwar, daß sie mir den Todesstreich versetzten - aber nach mir, laßt sie. Tötet sie nicht. Denn soviel ihr auch von ihnen töten würdet, es wäre nur zum Vorteil Muawiahs. Und Muawiah selbst ist eine große Gefahr...

'Nach mir tötet die Khawāriğ nicht. Der, der das Richtige will, aber falsch vorgeht, ist nicht wie der einzustufen, der von vornherein das Falsche und Unrechte will. Sie sind unvervnünftig, verbohrt. Er (Muawiah) aber wollte von Anfang an das Unrechte, und erreichte sein unrechtes Ziel.'38

Ali (a.s.) ist nicht nachtragend. Er hegt gegen niemanden Feindseligkeit und Haß in seinem Herzen. Was er sagt und anordnet, geschieht nach reiflicher Überlegung, bewußt und wissend. Ibn Mulgim ist bestes Beispiel dafür. Als sie ihn ergriffen und vor Moulā Ali (a.s.) brachten, fragte dieser, tödlich verletzt, ihn mit schwacher Stimme: 'Warum hast du das getan? War ich dir ein schlechter Imam?'

(Ich weiß nicht, wie oft er mit ihm sprach - einmal, zweimal oder dreimal. Aber alles, was ich hier sage, ist schriftlich überliefert worden.)

Jedenfalls - Ibn Mulğim, wohl von Alis (a.s.) Worten beeindruckt, fragte ihn: 'Kannst du einen zur Hölle verdammten Menschen erretten? Ich Unglückseliger, wie konnte ich das tun?! '

Ein anderes Mal aber, als Ali (a.s.) mit ihm redete, antwortete er voller Zorn: 'Ali, als ich mein Schwert kaufte, habe ich Gott versprochen, daß mit

38  Nahğul Balāgah, Khutbah 60

 

diesem Sehwert das schlechteste Geschöpf getötet werden wird. Und immer habe ich Gott gebeten, es zu fügen, daß durch dieses Schwert das schlechteste Geschöpf den Tod findet.'

Ali (a.s.) entgegnete: 'Deine Bitte geht in Erfüllung. Denn mit diesem deinem Schwert wirst du getötet werden.'

In Kufeh war es...

Alle in Kufeh, mit Ausnahme der Khawāriğ-Naharwāni, wollen Ali (a.s.) das letzte Geleit geben. Sie möchten an seiner Seite sein, bei ihm klagen und weinen...

Es ist der 21. Ramadan. Noch wissen sie nicht, was geschehen ist. Noch wissen sie nicht, daß er nach Mitternacht bereits dahingeschieden ist.

Als Ali stirbt, nehmen seine Söhne - Imam Hassan, Imam Hussayn und Muhammad Ibn Hanafiah, Abul Fadl 1 Abbās sowie einige weitere der Ali besonders Nahestehenden die Totenwaschung (Gusl) an ihm vor, legen ihm seinen Kaffan an und bestatten ihn. In der Dunkelheit der Nacht, in aller Heimlichkeit - an einer Stelle, die allem Anschein nach Ali (a.s.) selbst zuvor vorgesehen hat. Dort, wo auch jetzt sein Shrine ist. Wie berichtet wird, sind an dieser Stelle auch einige der Propheten beigesetzt worden. Sie hielten den Ort seiner Beisetzung geheim. Sagten es niemandem, und niemand erfuhr davon. Wenigstens für lange Zeit nicht.

Am Morgen nach der Beisetzung erfährt die Bevölkerung, daß Ali (a.s.) nicht mehr unter ihnen ist.

Sie wollen wissen: Wo ist sein Grab?

Man sagt ihnen: Es ist besser, wenn niemand davon erfährt.

Einige schrieben sogar, daß Imam Hassan (a.s.) eine Scheinüberführung nach Medina in die Wege geleitet habe, damit die Leute glaubten, man habe Ali (a.s.) nach Medina überführt.

Warum wohl?

Wegen der Khwāriğ.

Denn wenn sie in Erfahrung gebracht hätten, wo Ali bestattet worden war, würden sie Grabschändung begangen haben. Dann hätten sie seinen Leichnam wieder hervorgezerrt und ....

Solange es Khawāriğ gab, wußten nur die Kinder Alis (a.s.) und deren Nachkommen - d.h. die Reinen Imame (a.s.) - wo sein Leichnam beigesesetzt worden war.

 

Bis es, nach etwa hundert Jahren, die Khawriğ nicht mehr gab. Auch die Bani Umayyah waren nicht mehr. Die Abbassiden hatten das Kalifat übernommen und mit jenen Vorgängen nichts zu tun.

Imam Sādiq (a.s.) war es, der zum ersten Male die Grabstätte Alis (a.s.) offenkundig machte. Safwān - er, der auch in dem "Ziāratnāmeh-Aschurā" erwähnt wird - berichtet:

Ich war in Kufeh bei Imam Sādiq (a.s.). Er führte mich zum Grabe Alis (a.s.) und sagte: 'Hier ist das Grab Alis (a.s.)'. Und dann wies er uns an, ein Schutzdach über der Grabstätte anzubringen.

Seit jener Zeit ist bekannt, wo Moulā Ali (a.s.) bestattet wurde...

Das heißt also, daß das große Problem, mit dem Ali (a.s.) konfrontiert war, nicht allein zu seinen Lebzeiten gegeben war, sondern noch lange Zeit darüberhinaus. Hundert Jahre nach Alis Tod noch blieb seine Gruft geheim -aus Sorge, jene könnten Grabschändung begehen.

Ali - wie sehr wurdest du doch unterdrückt. Du und deine Kinder.

Ich weiß nicht, ob du - Amir al Mu'minin - mehr unterdrückt wurdest oder dein Sohn, Abā Abdullah 1 Hussayn (a.s.).

Ebenso wie der Leichnam Alis (a.s.) vor dem Übel der Feinde nicht in Sicherheit war, war es auch mit dem Hussayn Ibn Alis (a.s.). Und vielleicht war es deswegen, daß Ali (a.s.) sagte: 'Kein Tag ist so (voller Tragik) wie der Tag (des Schahādats) meines Sohnes.'

Imam Hassan (a.s.) gelang es, die Gruft des Leichnams seines Vaters geheim zu halten. Jedoch in Kerbela war es anders. Andere Verhältnisse waren gegeben. Imam Zaynul Ābidin (a.s.) hatte nicht die Macht und Kraft, den Leichnam seines Vaters - Hussayn Ibn Ali (a.s.) - unverzüglich nach dessen Schahādat zu verbergen. Und so geschah, was geschah...

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