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Tuesday 18th of June 2019
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Zu lernen ist also wichtig!

4.10 Zu lernen ist also wichtig!

Die Mühen, die unternommen werden, um etwas zu erreichen, zu „erzielen“, sind ebenso wichtig

wie das Ziel selbst. Aufgrund seiner ihm von Gott gegebenen Vernunft weiß der Mensch, von

welch gravierender Bedeutung Wissen und Können in seinem Leben sind. Und auch der Islam,

der der menschlichen Natur entspricht und im menschlichen Wesen veranlagt ist, stuft das

Lernen, Studieren und Erwerben von Wissen besonders hoch ein.

Prophet Muhammad (s.a.a.s.) sagte:

Den, der lernt und studiert, um sein Wissen zu erweitern, hat Gott gern.

- 145 -

Das wissen wir alle: Der „Gihad“72 gehört zu den Wichtigkeiten der Religion. Und wenn der

Prophet oder der Imam zum Kampf gegen den unrechtuenden Feind aufrufen, haben sich alle

Muslime – vorausgesetzt, dass sie dazu in der Lage sind – daran zu beteiligen. Mit Ausnahme

jener, die im Dienste der islamischen Wissenschaften stehen. Darum, weil es immer genügend

Muslime geben muss, die sich in den Theologisch-Wissenschaftlichen Bildungszentren mit

Studium und Forschung befassen, um weitere Erkenntnisse hinzuzugewinnen. Zum Wohle der

Allgemeinheit.

Der Erhabene Gott sagt uns im 122. Vers der Sure 9, Tawbah:

يَ تَ + ة فَةٌ ل _ افٓu ُونَ لِيَنفِرُواْ g وَمَا كَانَ ٱلۡمُؤۡمِ

.

نِ JK+ هُواْ فِى ٱ _ ۡہُمۡ طَآ فَق g م+ كل فِرۡقَةٍ۬ + فَلَوۡلَا نفََرَ مِن ُ

هُمۡ يَحۡذَرُونَ _ وَلِيُنذِرُواْ قَوۡمَهُمۡ إِذَا رَجَعُوٓاْ إِلَيۡہِمۡ لَعَل

Nicht alle Glنubigen sollten in den Gihad ziehen. Von jedem Volke sollten einige die

Theologisch-Wissenschaftlichen Bildungszentren aufsuchen, und dort die Wahrheiten der

Religion zu ergründen und ihre Gesellschaft über diese aufzuklنren.

4.11 Bedeutung des Lehrers

Der Lehrer vermittelt durch die Kraft und Helligkeit des Wissens, das er erreicht hat, seinen

Schülern Licht und Klarheit..., auf dass die Finsternis der Unwissenheit und Torheit von ihnen

und letztendlich von diesem Erdenrund weichen möge. Er ist es, der die Unwissenden wissend

und „sehend“ macht, damit sie im Lichte des Wissens den Weg zum Ziel, zu paradiesischem

Glück, finden.

Aufgrund der hohen Bedeutung des Lehrers und Pädagogen für den Einzelnen und die

Gesellschaft gebietet der Islam, ihn – den Lehrer – zu ehren, zu achten und ihm zu folgen.

Die wichtigste Aufgabe in der Gesellschaft obliegt – aus islamischer Sicht – dem Erziehenden

und Lehrenden. Um seine Wertigkeit zu erkennen genügt es, uns an folgenden Ausspruch unseres

großen Lehrers – des Lehrers der Gottesfürchtigen – Mula ya Muttaqin Ali (a.s.) zu erinnern:

لّمنى حرفاً قد صيّرنى عبد اً { من

Einem jeden, der mich etwas lehrt, bin ich Dienender.

Dieses weise Wort macht den hohen Stellenwert des Lehrers und Pädagogen deutlich.

Auch sagte Ali (a.s.):

72 Gihad: Jegliches Mühen und Kämpfen auf dem Wege Gottes, um der Sache Gottes

Willen

- 146 -

Die einen lehren und die anderen lernen und studieren, um zu ihrer und anderer Rettung und

Wohlergehen Erkenntnisse zu gewinnen. Die dritte Gruppe aber betrifft jene, die Fliegen ähnlich

sind..., Fliegen, die auf den Köpfen des Viehs sitzen und mit jedem Windstoß von der einen in

die andere Richtung getrieben werden (oder aber in eine jede Richtung, aus der fauliger Geruch

zu ihnen herdringt, fliegen).

4.12 Wissenschaftler und Gelehrte sind zu schنtzen!

Der Koran rühmt Wert und Schönheit des Wissens. Im 11. Vers der Sure 58, Mugadilah, lesen

wir dieses Gotteswort:

نَ أُوتُواْ ٱلۡعِلۡم دَرَجَٰتٍ۬ ... Jِ_X كُم وَٱ g ُواْ مِ g نَ ءَامَ Jِ_X ير... i بِمَا تعَۡمَلُونَ خَ ِ Iُ _ ٱ وَٱ Iُ _ َرۡفَعِ ٱ J

Gott erhِhte jene, die glaubend wurden und jene, die sich Wissen erwarben.

Der Wert eines Gelehrten und Wissenschaftlers wird im Islam so hoch eingestuft, dass der

Gesandte Gottes (s.a.a.s.) äußerte:

نَ لَا يَعۡلَمُون ... Jِ_X نَ يَعۡلَمُونَ وَٱ Jِ_X َٰبِ i رُ أُوْلُواْ ٱلۡأَلۡ _ مَا يَتَذَك _ تَوِى ٱ إِن o سَۡU هَلۡ

Der Tod eines Gelehrten ist verlustreicher als der einer ganzen Sippe...

Im 9. Vers der Sure 39, Zumar, spricht der Erhabene Gott:

Sind denn wohl die Unwissenden mit den Wissenden auf eine Stufe zu stellen?

Das besagt, dass der Wissende niemals dem Unwissenden gleichgestellt ist. Der Gelehrte und

Wissenschaftler ist dem in Unkenntnis Beharrenden selbstredend überlegen.

Aus dem eben zitierten Koranvers geht hervor, das nicht allein religiöses, rein theologisches

Wissen gemeint ist, sondern jegliche Kenntnis und Wissenschaft, die dem Menschen den Blick

weitet und ihm für sein irdisches und jenseitiges Leben ein Gewinn ist.

Hinsichtlich der Überragenheit des Gelehrten über den „Frommen“ sagte Imam Muhammad

Baqir (a.s.):

Ein Gelehrter, der sein Wissen zu positiven Zielen und Ergebnissen einsetzt, ist besser als

70 000 Fromme.

Prophet Muhammad (s.a.a.s.) gab zu verstehen, dass die Persönlichkeit eines Menschen mit

dessen Wissen in engem Bezug steht. Er sagte:

- 147 -

Die Klügsten und Gelehrtesten im Volke sind jene, welche stنndig aus dem Wissen anderer

schِpfen und ihr eigenes Wissen dadurch unentwegt erweitern und vertiefen. Die

Wertigkeit des Menschen aber ist anhنngig von seinem Wissen.

Mit anderen Worten, je gelehrter und wissender jemand ist, umso höher ist sein persönlicher

Wert. Je weniger aber jemand weiß, umso geringer ist auch seine Wertigkeit.

4.13 Welche Aufgabe haben Lehrer und Schüler?

Der heilige Koran begreift das Wissen des Menschen als dessen wahres „Leben“ bzw.

„Lebensinhalt“. Denn wäre dieses nicht, so gliche der Mensch einem Toten, einem Stein...

Darum hat der Schüler seinen Lehrer als jemanden zu betrachten, mit dem sein Leben in engem

Bezug steht. Von dem er nach und nach „Leben“ empfing, weshalb er ihn zu ehren und zu

respektieren hat.

Der Lehrer hat seinerseits zu wissen, dass er für das Leben seiner Schüler Verantwortung trägt.

Er darf seine Aufgabe, sie zu unterrichten und zu erziehen, nicht vernachlässigen. Unermüdlich

hat er sich um deren geistige und ethische Entwicklung zu kümmern, bis dass sie zu gereiften und

gebildeten, zu „lebenden“ und „menschlichen“ Menschen erzogen sind. Und wenn der Schüler

bisweilen seiner Pflicht, zu lernen und Wissen zu erlangen, nicht nachkommt und dem Unterricht

nicht folgt, sollte der Lehrer dennoch nicht ermüden, sondern sich weiter um ihn bemühen.

Fleißige und interessierte Schüler sind zu loben und anzuspornen. Immer aber ist darauf zu

achten, den Schülern niemals durch ungeeignete Worte oder deplaciertes Vorgehen zu

entmutigen und ihm das Interesse am Unterricht zu nehmen.

4.14 Zwei wichtige Momente in der islamischen Pنdagogik

In allen Systemen, die in den verschiedenen Gesellschaften „praktiziert“ werden, gibt es gewisse

Dinge, welche die betreffenden Verantwortlichen geheim zu halten suchen. Darum, weil es ihnen

und ihren Interessen abträglich wäre, wenn die Gesellschaft bestimmte Realitäten erführe. Der

Grund dafür ist der, dass manche Regelungen, Maximen oder Themen der Willkür der

Einflussreichen bzw. Herrschenden selbst entsprungen sind und mit Ideologie, Weltanschauung

und dergleichen in keinster Weise zu tun haben. Und da sie menschlicher Vernunft und dem

Allgemeinwohl zuwiderlaufen, schweigt man derlei Dinge tot, um den Protest der Öffentlichkeit

nicht zu wecken und die eigenen Interessen nicht in Gefahr zu bringen.

Das ist auch der Grund dafür, dass die Geistlichkeit so mancher Religionsgemeinschaft ihren

Gläubigen nicht gestattet, sich ihre eigenen – selbstständigen – Gedanken über dieses und jenes

zu machen. Sie sagen, es sei allein ihre Sache, die „Schrift“ und religiöse Themen zu erarbeiten

und zu kommentieren..., der Allgemeinbevölkerung stünde so etwas nicht zu. Diese habe

- 148 -

vielmehr ohne wenn und aber alles zu akzeptieren, was ihnen die Geistlichkeit sage. Sich selbst

darüber Gedanken zu machen und nachzuforschen (frei!) sei den Gläubigen nicht erlaubt.

Dieses doktrinäre Verhalten aber hat sich zum Nachteil so mancher Religion ausgewirkt...

Der Islam aber geht anders vor. Er ist sich seiner Rechtmäßigkeit gewiss und hat keinerlei

Unklarheiten offen gelassen. Im Gegensatz zu anderen religiösen oder nichtreligiösen Lehren.

Erstens: Keine Realität wird im Islam geheim gehalten. Auch seinen Anhängern gestattet er nicht,

Wahrheiten zu verbergen. Das kann auch gar nicht anders sein, da der Islam und seine

Weisungen, Maximen und Themen mit der menschlichen Natur, Vernunft und Schöpfung in

Übereinstimmung stehen und somit Zweifeln, Diskrepanzen und ähnlichem nicht Raum gibt.

Der Islam lehrt, dass das Verschweigen bzw. Geheimhalten der Wahrheiten zu den großen

Sünden zählt.

Der Allmächtige Gott hat derartiges – d.h. das Verbergen der Wahrheit – verdammt. Hierüber

informiert der 155. Vers der Sure 2, Baqarah:

ٰه _g_ َٰتِ وَٱلۡهُدَىٰ مِنۢ بَعۡدِ مَا بَي g+ زَلۡنَا مِنَ ٱلۡبَي ? ُمُونَ مَا أَ T َكۡJ نَ Jِ_X ن ٱ _ إِ

وَيَلۡعَنُہُ Iُ _ َٰبِ كَ يَلۡعَنُہُمُ ٱ T اسِ فِى ٱلۡكِ _ لن !ِ

.

ٰعِنُونَ _ ل! أُوْلَٰٓ مُ ٱ

Diejenigen, die verheimlichen, was Wir an klaren Beweisen und Rechtleitung hinabgesandt

haben, nachdem Wir es doch durch die Schrift offenkundig gemacht haben, werden von

Gott und von allen, die verfluchen kِnnen, verflucht.

Zweitens: Der Islam ruft seine Anhänger dazu auf, über die Wahrheiten und das, was die

Religion Gottes sagt und lehrt, nachzudenken. Hinsichtlich jeden Belanges und Punktes, der

ihnen unklar geblieben ist, haben sie nachzufragen, nachforschen und sich zu erkundigen, auf das

ihr Glaube von Zweifeln und Unklarheiten frei bleibe.

Gewissenhaft, aufrichtig und frei haben sie sich darum zu bemühen, alles, was ihnen nicht

verständlich ist, zu klären. Der Erhabene Gott mahnt im 36. Vers der Sure 17, Isra’:

لۡمٌ { بِهۦِ ِ £ ۡسَ ََ N وَلَا تقَۡفُ مَا لَ

Dem, das unklar ist, folge nicht!

4.15 Was ist zu tun, wenn...

Durch Studieren, Nachdenken und Überlegungen die Wahrheiten zu ergründen, erkennen und

akzeptieren zu können, ist die wertvollste Fähigkeit des Menschen. Darin beruht das „großes

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Plus“, das den Unterschied zwischen ihm und dem Tier bedingt...eben das, was seine

„Menschlichkeit“ und menschliche Wertigkeit zum Ausdruck bringt.

Niemals werden humanes Empfinden und der in der menschlichen Natur veranlagte „Sinn für

Objektivität und Realität“ dem zustimmen, dass freies, selbstständiges Denken und Nachdenken

durch aufgezwungene Überzeugungen verhindert werden oder aber der Verstand durch das

Verheimlichen von Wahrheiten in eine falsche Richtung manövriert werden dürfen, so dass

beispielsweise erhabene Gedanken und Erkenntnisse – unter anderem das im Menschen ruhende

„Gotterkennen“ – verdrängt werden können.

In diesem Zusammenhang sei jedoch auf folgendes hingewiesen: In Fällen, wo der Mensch aus

irgendwelchen Gründen einfach nicht in der Lage ist, eine Wahrheit zu begreifen – vielleicht

fehlen ihm die erforderlichen Vorkenntnisse oder aber sie betrifft ein metaphysisches Thema u.ä.

– tut er gut daran, sich nicht in ergebnislosen und verwirrenden Gedanken zu verstricken, um

nicht auf ein Irrgleis zu geraten und Halbwahrheiten oder entstellte Wahrheiten zu „erzielen“. Es

empfiehlt sich hier, das er sich entweder bei kompetenten Stellen erkundigt oder aber vorerst

diese Frage zurückstellt, bis er die notwendige Bereitschaft gefunden hat bzw. geeignetere

Voraussetzungen gegeben sind, sie klären zu können.73 Unsere Unfehlbaren Imame (a.s.) aus

dem Hause des Gesandten Gottes (s.a.a.s.) warnen in etlichen Ahadit davor, sich mit Themen zu

beschäftigen, die zu begreifen oder zu klären dem einfachen, begrenzten Menschenverstand nicht

möglich sind. In solchen Fällen ist es gewiss besser, mit einer „verhüllten Wahrheit“ vorlieb zu

nehmen. Ebenfalls dann, wenn andere infolge von Trotz, Ignoranz, Feindseligkeit, Borniertheit

und dergleichen Wahrheiten nicht wahrhaben und akzeptieren wollen und Leben, Ehre, Hab und

Gut in Gefahr geraten, falls man sie kundtut, ist es angezeigt, sie für sich zu behalten, um sie

zudem vor Hohn und Spott zu bewahren.

Das heißt also, in einigen Situationen erlaubt der Erhabene Gott – u.a. nachzulesen im 106. Vers

der Sure 16, Nahl und im 28. Vers der Sure 3, Al-Imran – Wahrheiten zu verschweigen bzw. zu

„verhüllen“.

Einmal dann, wenn die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse beispielsweise so geartet

sind, dass keine Hoffnung besteht, dass der Wahrheit die Gelegenheit gegeben wird, Fuß fassen

zu können..., andererseits aber Leben, Gut und Ansehen in akute Gefahr geraten, wenn sie

geäußert wird.

Zum anderen dann, wenn jemandem die Wahrheit unverständlich bleibt, da ihm die

erforderlichen Vorkenntnisse fehlen oder aber das betreffende Thema ein Wissensgebiet betrifft,

zu dem überdurchschnittliche Geistes- und Verstandeskraft erforderlich ist. Auch in diesen Fällen

ist es sicherlich sinnvoller, sich nicht in end- und zwecklosem Grübeln und Nachdenken zu

verfangen und möglicherweise letztendlich in die Irre zu gehen, da aufgrund des fehlenden

Verständnisses und Begreifenskönnens falsche, absurde und abwegige Vorstellungen

„gewonnen“ werden.

73 Zum Beispiel mit Hilfe gelehrter und kompetenter Personen bzw. geeigneter Literatur

u.ä.

- 150 -

4.16 Igtihad und Taqlid

All die Dinge, die der Mensch zu seinem Leben benötigt und beschaffen muss, die vielen

Bedürfnisse, um deren Beseitigung er sich bemüht, die zahlreichen Erkenntnisse, deren Resultate

so gravierenden Einfluss auf unser Wohlergehen nehmen bzw. nehmen können, so sie

berücksichtigt werden..., sie sind so vielfältig, das sie nur schwerlich alle zu nennen sind.

Geschweige denn, dass der gewöhnliche Erdenbürger über sie alle zu genauesten Kenntnissen

und Fachwissen finden könnte.

Andererseits aber benötigt der Mensch, um richtig handeln und sich richtig entscheiden zu

können, Wissen, Kenntnisse und Aufklärung. Das heißt also, dass er entweder selbst über die

betreffenden Angelegenheiten ausreichend Bescheid wissen oder aber die Kenntnis anderer, die

diesbezüglich versiert und kompetent sind, nutzen muss. Wir gehen zum Beispiel zum Arzt,

wenn wir krank sind und lassen uns von ihm heilen. Ohne seine Hilfe (und selbstredend den

göttlichen Willen, denn alles liegt in Gottes Hand) vermöchten wir nicht zu genesen. Wenn wir

ein Haus bauen wollen, wenden wir uns an einen Architekten bzw. Bauingenieur, der uns den

Bauplan anfertigt und die Bauarbeiten überwacht. Für Fenster und Türen ist der Schreiner

zuständig und so fort...

Mit anderen Worten: Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen sind wir in unserem Leben auf

das Fachwissen anderer angewiesen. Wer sagt, dass er Wissen und Rat anderer nicht bräuchte

und nicht gewiss sei, das zu tun, was andere ihm sagen, da er völlig selbstständig entscheide und

denke, redet entweder unüberlegt oder aber ist so von Dunkeln geplagt, dass er jeglichen Sinn für

Objektivität verloren hat.

Der Islam, dessen Schari’ah mit der menschlichen Natur konform geht, hat seinerseits ebenfalls

den eben beschriebenen Weg vorgesehen. Er ordnet an, dass sich die Muslime über die göttlichen

Gebote und alles, was die Religion sagt, genauestens zu informieren haben..., und zwar anhand

des Koran, der Sunna und Belehrungen des Gesandten Gottes (s.a.a.s.) sowie der Erklärungen der

Imame (a.s.) aus seinem Hause.

Es versteht sich von selbst, dass dieses – d.h. zu präzisen Kenntnissen über die Religion und

deren Weisungen zu kommen – nicht jedermanns Sache ist. Ein langwieriges Studium und

genaue Kenntnisse und Forschungen sind dazu vonnöten und so manches andere mehr. Daher

sind insbesondere jene, die sich damit ernsthaft und gewissenhaft befassen aufgerufen, diese

Kenntnisse über Gott und Seine Anordnungen in Erfahrung zu bringen und mitzuteilen. Das

heißt, diejenigen, die nicht die Möglichkeit haben, durch geeignete wissenschaftliche Studien und

Forschungsarbeiten die göttlichen Gebote und Belehrungen selbst zu ergründen bzw. zu

„exegieren“, haben sich folglich an jene zu wenden, die in diesem Metier bewandert sind und

mittels logischer Begründungen und wissenschaftlich-exakter Studien und Nachweise die

Verordnungen der Religion und entsprechende Erkenntnisse ausarbeiten. Was diese Geistlichen

Gelehrten ihnen sagen, befolgen und praktizieren sie.

Die Gelehrten, welche die göttlichen Weisungen exegieren, sind „Mugtahid“. Und das, was sie zu

ihrer Arbeit und Leistung befähigt, ist ihr „Igtihad“, ist ihr hoher Wissensgrad, der einhergeht mit

Wissensfleiß. Wer sich an ihren Erkenntnissen orientiert, ist „muqlid“, und sein Sich-Orientieren

an dem Mugtahid wird in der islamischen Terminologie als „Taqlid“ bezeichnet.

- 151 -

Auch dieses ist zu wissen, nämlich: „Taqlid“ betrifft gottesdienstliche Belange als auch

Angelegenheiten der Lebenspraxis. Was jedoch Überzeugung und weltanschauliche Themen –

Usul – anbelangt, ist „Taqlid“ fehl am Platze. Denn im Zusammenhang mit Glauben,

Anschauung und Überzeugung genügt es nicht, sie „blind“ zu übernehmen. Das würde dem

Charakter des „Glaubens“ widersprechen. Es geht nicht an, zu sagen: „Gott ist Einer, es gibt nur

Einen Einzigen Gott“, nur weil unsere Eltern und Großeltern so sprachen. Oder aber nur

deswegen, weil die „anderen Muslime“ davon überzeugt sind, zu „bezeugen“:

Die Auferstehung ist eine Realität.

Ein jeder ist also verpflichtet, sich über die Gründe für die Rechtmäßigkeit der Glaubenssäulen –

„Usul Din“ – zu informieren..., auch wenn auf noch so einfache Weise. Das heißt, er muss sie

kennen, um sie „überzeugt“ bezeugen zu können.

4.17 Verpflichtung gegenüber den Eltern

In der göttlichen Schöpfungsordnung sind die Eltern jenes „Mittel“, durch das Kind „entsteht“

und seine erste Erziehung erhält. Darum weist der Islam einen jeden an, seine Eltern zu achten

und zu ehren. Unter allen Umständen Diese Verpflichtung ist sehr ernst zu nehmen, gebietet doch

der Erhabene Gott unter anderem im 23. Vers der Sure 17, Isra’:

نِ إِحۡسَٰنًا ... Jۡ K هُ وَبِٱلۡوَٲ َِ __ لآ إِ _ لا تعَۡبُدُوٓاْ إِ _ كَ أَ v وَقَضَىٰ رَب

Gott gebietet dir, nichts und niemanden auكer Ihm anzubeten und gut zu deinem Vater

und deiner Mutter zu sein.

In Ahadit, in denen von den Kardinalsünden die Rede ist, wird gleich nach „Schirk“74 und

„Kufr“75 schlechtes Verhalten den Eltern gegenüber genannt. In den Versen 23 und 24 der

gleichen Sure heißt es in diesem Zusammenhang:

رِيمً۬ا u هُمَا قَوۡلاً۬ _ ف وَلَا تَنۡہَرۡهُمَا وَقُل ل ! هُمَا أُ ۬ _ هُمَا فَلَا تَقُل ل A دُهُمَا أَوۡ َِ E ِ بر أَ َ | ن عِندَكَ ٱ لۡ _ ما يَبۡلُغَ _ إِ

يَانِى صَغِيرً۬ا _ رَب . ب ٱرۡحَمۡهُمَا ََ + ر_ رحۡمَةِ وَقُل _ ل مِنَ ٱل + Xv َاحَ ٱ g وٱخۡفِضۡ لَهُمَا جَ

Wenn Vater oder Mutter oder beide نlter geworden sind, sprich niemals in lautem oder

grobem Ton mit ihnen (selbstverstنndlich auch nicht, wenn sie noch jung sind). Sprich

respektvoll zu ihnen und ehre sie. Sei freundlich und demutsvoll ihnen gegenüber. Und

sprich: O mein Gott, schenke ihnen Deine Huld und Barmherzigkeit..., ebenso wie sie mich,

als ich klein war, behüteten...

74 Schirk: Gott andere Gottheiten beisetzen, Polytheismus

75 Kufr: Gott leugnen und trotzen

- 152 -

Der Islam befiehlt, Vater und Mutter zu gehorchen, es sei denn, sie verlangten, Gottes Wort nicht

zu befolgen oder aber etwas zu tun, das Er untersagt hat. Wie die Erfahrung zeigt sind jene, die

ihre Eltern Leid zufügen, in ihrem Leben keinesfalls glücklich und zufrieden und zählen nicht zu

denjenigen, denen Gott Sein Wohlgefallen schenkt.

4.18 Eltern

Die Eltern sind in der Familie das, was dem Baum die Wurzeln sind. Stamm und Äste, die

Baumkrone mit ihrem Laub..., sie alle würden ohne die Wurzeln nicht sein. Sind abhängig von

ihnen.

Ebenso ist es mit den Kindern. Jene, die ihnen die Basis zu ihrem Leben verschaffen, sind die

Eltern. Sie, die Väter und Mütter, sind es, die den Kindern und letztlich der Gesellschaft

Grundlage und Halt geben, die ihnen die Wurzeln sind.

Schlechtes Verhalten den Eltern gegenüber führt – ganz abgesehen davon, dass es ein deutliches

Zeichen von Undankbarkeit, Torheit und Unverschämtheit ist – zum Erlöschen der

Menschlichkeit der Betreffenden und letztendlich, das heißt wenn dieses Verhalten um sich

greift, zum Erlöschen der Gesellschaft. Denn wenn sich die Kinder ihren Eltern gegenüber

respektlos und menschenunwürdig aufführen, sind Enttäuschung und Frustration der letzteren die

Folge, was schließlich in Missfallen und Abneigung gegen Kindersegen endet.

Zudem..., wenn sich die Kinder ihren Eltern gegenüber schlecht verhalten, sollten sie nicht

erwarten, dass ihre eigenen Kinder einst besser mit ihnen umgehen werden. Dass sie ihnen im

Alter freundlich-geduldige Stütze und Hilfe sind. Doch nicht nur das..., es wird wahrscheinlich

soweit kommen, dass ihre eigenen Kinder, die ja an ihnen – was die Kind-Eltern-Beziehung

betrifft – ein schlechtes Vorbild haben, ganz davon absehen werden, eine Familie zu gründen und

Kinder zur Welt zu bringen. Darum, weil sie ein gesundes Familienleben – und zwar in gutem

Einvernehmen mit den Großeltern – nicht kennengelernt haben. Weil man ihnen nicht vorlebte,

dass es gilt, Rücksicht auf die Mitmenschen und besonders die altgewordenen Eltern zu nehmen,

ihnen zu helfen, beizustehen und mit Respekt zu begegnen. Bei so manchen jungen Menschen

unserer Zeit ist ein derartiges Denken und Vorgehen zu beobachten...

Darüber hinaus wird zweifelsohne durch eine solche „Praxis“ die Geburtenrate mehr und mehr

zurückgehen. Etwas, das nicht verwunderlich ist, schließlich wird kaum jemand hingehen und ein

Bäumchen pflanzen, an dessen Blüten und Früchten er sich nicht erfreuen und erquicken kann,

das ihm nichts als Mühen und Kummer bereitet.

Einige gehen in der Annahme, der Staat könne durch besondere Leistungen und Zuschüsse den

Wunsch nach Heirat, Familiengründung und Kinderwunsch forcieren, um auf diese Weise einem

Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken. Doch sollte dabei nicht übersehen werden, dass nichts,

dem nicht ein natürliches, von Herzen kommendes Wollen zugrunde liegt, von Dauer sein wird.

Ganz abgesehen von all dem gehen dem Menschen, wenn natürliche Empfindungen und

Neigungen – wie z.B. die Liebe zwischen Eltern und Kindern und umgekehrt – „abgedrosselt“

- 153 -

werden und erlöschen, so manche geistig-seelische Freude verloren. Etwas, das sich ganz gewiss

nicht positiv auf seine Psyche auswirken wird.

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