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Saturday 23rd of March 2019
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Gottes Gerechtigkeit

Gottes Gerechtigkeit

Generell bedeutet Gerechtigkeit, demjenigen, der es verdient hat, ohne jegliche Diskriminierung sein Recht zukommen zu lassen. Ungerecht wäre, dem, der Recht verdient hat, dieses Recht vorzuenthalten. Diskriminierung, d.h. einigen Leuten ihr Recht zu gewähren und es anderen vorzuenthalten, ist ebenfalls ungerecht. Erteilt ein Lehrer seinem Schüler Noten, die unterhalb dessen liegen was er verdient hätte, so handelt er ungerecht. Genauso ungerecht ist es, einigen Noten zu geben, die ihren Leistungen entsprechen, und gleichzeitig andere schlechter zu benoten, als sie es verdient haben. In einer Hinsicht begleitet die Gerechtigkeit die Gleichheit, die zwischen den Menschen keine Unterschiede macht und nicht diskriminierend unter ihnen aussondert. Gerechtigkeit ist eine Notwendigkeit für die Gleichheit, d.h. für die Ausübung des Rechts für alle, entsprechend ihrer Verdienste und ohne jegliche Diskriminierung. Gleichheit bedeutet nicht: Jedem dieselbe Menge, dieselbe Anzahl. Wäre Gleichheit so, so wäre sie ungerecht und bedeutete Grausamkeit. Auch die Vorenthaltung jeglichen Lohns für die Verdienste der Menschen stellt eine Art Grausamkeit dar. Gottes Gerechtigkeit meint daher: Jeder hat andere Möglichkeiten; Gott belohnt seine Geschöpfe entsprechend ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten mit seinem Segen.

Mangelt es einem Geschöpf an irgend etwas, so liegt das an seiner Unfähigkeit, bei gewissen Umständen zu handeln. Es wäre ungerecht, wenn einem Geschöpf, das nur gewisse Fähigkeiten besitzt, sein voller Lohn vorenthalten würde. Sie werden in Wirklichkeit aber entsprechend ihrer Eignung mit Gottes Gnade ausgezeichnet. Der Mensch besitzt unter allen Geschöpfen ihm eigene Fähigkeiten, Möglichkeiten und Wirkungskraft. Motivationsgrößen und Umstände, die uns an die Arbeit treiben und aktivieren, sind nicht wie bei den Tieren begrenzt. Im Gegensatz zu den Tieren, die ja nur im Besitz von Instinkten sind, die sie mit der Natur und materiellen Lebensinhalten verknüpfen, besitzt der Mensch Instinkte auf höherer Ebene, die über die Begrenztheit dieser Welt hinausgehen.

Das, was unsere Taten zur Wirkung bringt, sind unsere höchsten Motivationskräfte, die sich auf moralischer, wissenschaftlicher, religiöser und göttlicher Ebene befinden. Oft opfern wir unser natürliches, materielles und tierisches Leben höheren menschlichen Zielen. Wie der Heilige Qur’an erläutert, regelt der Mensch sein Verhalten und Benehmen auf der Grundlage von "frommen Taten und Glaube", die ihm die Sehnsucht nach ewigem Leben und Gottes Zufriedenheit verleihen. Beides prägt den Menschen: immense Denkfähigkeiten und die Sehnsucht nach der Ewigkeit sowie der Trieb, der ihn dorthin führt. All das offenbart eine Art Möglichkeit und Fähigkeit zum ewigen Leben, die der Mensch in sich birgt. Mit anderen Worten: Es offenbart die individuelle, immaterielle Qualität seines Geistes. Der Vergleich zwischen einem Menschen in dieser Welt und einem Fötus, der im Mutterleib mit Blut, Atem, Nerven, Sehen und Hören und seinem Genitalsystem versorgt wird, die alle mit seinem Leben nach der Geburt zu tun haben, nicht aber mit den Bedingungen im Mutterleib und mit der für ihn gegenwärtigen Zeit, den neun Monaten Lebens in ihm, ist hier nicht unpassend. Bringen Glaube und gute Taten auch innerhalb des Diesseits für einen Vorteile und Nutzen, so folgen diese doch nur in der Konsequenz. Gute Taten und Glaube sind eher wie eine Saat, die nur in einem glückerfüllten, ewigen Leben gedeiht und wächst, d.h. ihre volle Bedeutsamkeit entpuppt sich erst in Bezug auf ein ewiges Leben und in einem ewigen Leben.

Es ist nicht nur möglich, über der Natur zu schweben und nichtmaterielles Saatgut in einem auf Glauben und guten Taten basierenden System auszustreuen, man kann auch vom rechten Pfad abirren, und die Konsequenzen dafür finden sich dann ebenfalls jenseits von tierischer Begrenztheit und gewöhnlichen physischen Beziehungsgrößen. Dann spiritualisieren und verewigen sich unsere Taten eben auf einem irrigen Wege. Man verdient sich so ein ewiges Leben, das uns unglücklicherweise mit Todeskampf und Qual und Schmerz versieht. Religiös ausgedrückt: Man wird ins ewige Höllenfeuer geworfen. Irrt man vom Glauben und von dem Weg der guten Taten ab, so steigt man in Gefilde ab, die sogar unterhalb des tierischen Lebens liegen, und sinkt auf das tiefste Niveau. Wie der Heilige Qur’an es ausdrückt:

"Sie sind (ja) genauso (stumpfsinnig) wie Vieh. Nein, sie irren noch eher vom Weg ab (als man vom Vieh sagen kann)". (Heiliger Qur’an 25:44).

Diejenigen, die vom Glauben und von den guten Taten abfallen, und diejenigen, die davon abirren, sind Schülern vergleichbar, die im Gegensatz zu denen, die sorgfältig ihre Hausaufgaben erledigen, ihre Zeit mit Spielen vergeuden. Gäbe es kein ewiges Leben, das die erste Gruppe belohnte und die zweite bestrafte, so würde beiden der gerechte Lohn vorenthalten, und das wäre, wenn ein Lehrer seine Schüler nicht benoten würde. Um diesen Sachverhalt noch deutlicher zu machen, sagen wir: Gott hat die Menschen aufgefordert, gläubig und wohltätig zu sein. Eine Gruppe von Menschen bringt ihre Gedanken, Handlungen und ihr moralisches Verhalten mit ihrem Glauben in Übereinstimmung, weil sie diesen Auftrag annimmt. Andere, die ihn zurückweisen, folgen Untat und Verderbnis. In der Ordnung dieser Welt beobachten wir, daß sie nicht immer den Wohltätigen und den Verderbten gerecht nachkommt. Manch einer stirbt, bevor er seinen verdienten Lohn erhalten hätte; daher muß ein anderer Ort existieren, an dem die Wohltätigen vollständig belohnt und die Übeltäter vollständig bestraft werden, sonst wäre es ungerecht von Gott.

Gottes Weisheit

Die Taten des Menschen unterteilen sich in zwei Gruppen. Die erste Gruppe wird von den Taten gebildet, die umsonst, sinnlos und nutzlos sind und zum Erlangen von Vollkommenheit innerhalb unserer Kapazität keine Hilfe sind. Sie bringen uns, anders ausgedrückt, keine wahre Glückseligkeit. Die zweite Gruppe besteht aus weisen, vernünftigen, geistvollen Taten, die zu brauchbaren, vorteilhaften Ergebnissen führen und uns hin zur Vervollkommnung führen, die wir verdienen. So sind es die weisen Taten, die uns zu der Vollkommenheit bringen, die wir wert sind.

Die Frage stellt sich nun in Bezug auf Gottes weise Taten. Sind Gottes weise Taten ebenfalls dergestalt, daß sie ihn zu einer letzten Vollkommenheit bringen, und seine sinnlosen Taten, daß sie ihn nicht dorthin leiten? Die Antwort darauf muß negativ ausfallen, denn Gott genügt sich selbst. Alle Taten Gottes gehören der Weisheit, Großzügigkeit und Gnade. Er vollbringt seine Taten nicht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sich zur Glückseligkeit und Vollkommenheit zu verhelfen, sondern, um seine Geschöpfe zu der Vollkommenheit zu, bringen, die ihnen gebührt. Schreibt man Gott unsinniges Handeln zu, so bedeutet das, daß er Geschöpfe erschafft, ohne sie zu der Vollkommenheit hinzuführen, die sie verdienen. Die Bedeutung der Weisheit Gottes unterscheidet sich aus diesem Grunde von der des Menschen. Unsere Weisheit bedeutet: dem richtigen Pfade folgen, hin zur menschlichen Vollkommenheit; Gottes Weisheit dagegen bedeutet: die Kreatur führen, hin zur verdienten Vollkommenheit. Anders ausgedrückt: Die Weisheit Gottes bedeutet Erschaffung der Dinge auf der Grundlage der Rechtleitung hin zu dem erwünschten Ziel und der gebührenden Vollkommenheit. Da Weisheit für den Menschen die Erfüllung seiner Aufgabe bedeutet und die Annäherung an seine eigene Vollkommenheit bedeutet, besteht keine Notwendigkeit einer Verknüpfung seiner Taten mit deren beabsichtigten Konsequenzen, d.h. es ist nicht notwendig, daß die Tat auch unbedingt in der Konsequenz münde, und daß diese Konsequenz als vollkommene Erfüllung der Aufgabe betrachtet werde. Die Konsequenz sollte notwendigerweise in der Vervollkommnung der Menschheit und dem Nutzen für sie resultieren. Ein Mensch stellt beispielsweise aus Ton, Holz, Metall, Tierhäuten, Wolle und Baumwolle Gegenstände her, die er weise nutzt. Er macht daraus Stühle, Häuser, Autos und Kleidung, die nicht die Vollkommenheit für das Holz, den Stein, den Beton, den Stahl oder die Metallteile sein müssen. Diese Materialien bewegen sich nicht auf diese Formen und Gestalten zu, aber sie bieten Vorteile für einen wie das Sitzen auf dem Stuhl, das Leben in einem Haus, das Chauffieren eines Autos und das Tragen von Kleidern. Das bedeutet für den Menschen Erfüllung seiner zumindest wohltätigen Aufgabe.

Im Gegensatz dazu stehen nun Gottes Taten und deren Konsequenzen in wahrer, natürlicher Beziehung zueinander. D.h., Ziel und Ergebnis jeder Aufgabe bedeutet zugleich wirkliche Vollkommenheit der Aufgabe selbst. Gott leitet seine Schöpfung zu ihrer eigenen Vollkommenheit hin. Dadurch beobachten wir, daß jedes Samenkörnchen sich auf sein letztes Ziel und seine letzte Vollkommenheit hin bewegt.

Das Problem, das an dieser Stelle zu besprechen ist, ist, daß Welt und Natur Revolutionen durchmachen und unstet sind, d.h. daß jedes Ziel innerhalb der Natur veränderbar und in sich selbst instabil ist. Anders ausgedrückt - alles ist vergänglich, zeitlich gebunden und beendbar. Alle Stationen innerhalb der Natur sind gleich Haltestellen, und keine ist die Endstation. Aus diesem Grunde finden viel die Schöpfung bedeutungslos und sinnlos. Sie vergleichen die Welt mit einer Karawane, die pausenlos unterwegs ist und von Karawansarai zu Karawansarai zieht und doch nie ihren Bestimmungsort erreicht. Jede Station ist nur wie ein Halt, wie ihn auch die Natur passiert. Offensichtlich ist, daß eine Reise nur dann unternommen werden kann, wenn ein wirkliches Ziel in Aussicht steht. Bewegungen und Reisen sind sinnlos, wenn es keine Ankunft gibt und alle Zielorte nur Haltestellen sind. So wäre die Existenz unsinnig und das, was die Weltordnung beherrscht, wäre nur Wanderschaft, konstante Wiederholung, Abreise und Ankunft eine nach der anderen. Die Erklärung, die uns der Heilige Qur’an gibt, lautet, dieses Problem und Zweifel solcher Art würden entstehen, wenn außer der Natur und dieser Welt nichts wäre und die Geburt nur dem Zweck des Sterbens und jedes Wachsen und Blühen nur dem des Verdorrens und jede Erneuerung dem des Verhaltens gälte. Eine solche Lebensanschauung offenbart "unvollkommene Einsicht", wenn man meint, das Leben beschränke sich auf Welt und Natur, was nicht der Fall ist.

Diese Welt wird dargestellt als "erster Tag", dem der letzte Tag folgen wird. Diese Welt bedeutet "Abreise", und die Auferstehung "Ankunft". Imam Ali (a.s.) sagt:

"Die Welt ist ein Ort, den wir hinter uns lassen, und die Auferstehung der einer ewig währenden Residenz."

Die Auferstehung verleiht dieser Welt ihre Bedeutung, denn Bewegung und Kampf ohne Ziel wäre bedeutungsleer. Gäbe es keine Auferstehung, eine ewig währende, unvergängliche Welt, so besäße die Welt keine Endstation, die sie von einer bloßen Durchgangsstation, einer Haltestelle unterschiede. Das ganze Weltsystem wäre reine Wanderschaft, und, wie der Heilige Qur’an es ausdrückt: Die Schöpfung wäre "eitel", "zwecklos", "keiner Beachtung wert". Die Propheten (a.s.) sind dazu erschienen, uns von diesem fundamentalen Fehler abzuhalten und uns die Augen für eine Tatsache zu öffnen, die unser Leben, entgeht sie unserer Beachtung, bedeutungsleer und vergebens macht, so daß sich die Sinnlosigkeit in unseren Geist einschleicht und sich dort einnistet, die uns selbst zu unbrauchbaren, bedeutungslosen Geschöpfen ohne Lebensziel werden läßt. Eine der Wirkungen des Glauben und der Überzeugung vom Tag des Gerichts ist die, daß er uns aus dem Zustand der Nutzlosigkeit und des Nichtsseins errettet und uns, unseren Gedanken und unserem Leben Sinn verleiht.

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