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Von Alexander Stark

Von Alexander Stark

Das Leben Ibn Khalduns

Ein wichtiger Beitrag für die Sozialwissenschaften kam von Ibn Khaldun. Am 27.5.1332 wurde er in Tunis geboren1. In jungen Jahren arbeitete er dort am Hof der Hafsiden. Nach dem Tod seiner Eltern in der großen Pestepidemie von 1348/49 zog es ihn in die Ferne. Er ging nach Fez und dann nach Granada, wo er beauftragt wurde Friedensverhandlungen zwischen den Muslimen und Pedro dem Grausamen zu leiten. Anschließend kehrte Ibn Khaldun wieder nach Nordafrika zurück. Da es dort viele politische Unruhen gab, zog er zu einem Nomadenstamm des algerischen Hochplateaus. Dort widmete er sich seiner Forschung und schrieb die Einleitung (Muqaddima) seines Geschichtswerks. Er kehrte nach Tunis zurück, ging dann jedoch nach Kairo, wo er mehrmals zum Oberrichter der malikitischen Rechtsschule ernannt wurde. In Damaskus verhandelte er mit dem Heer der zentralasiatischen Armee Timurs. Schließlich kehrte Ibn Khaldun nach Kairo zurück, wo er am 17.3.1406 starb.

Das Werk Ibn Khalduns

Ibn Khaldun hat ein dreibändiges Geschichtswerk geschrieben. Besonders bedeutend ist dabei sein erster Band: die Einleitung (al-Muqaddima). Zu Beginn geht er auf die Wissenschaft allgemein ein. Es wird betont, dass die menschliche Kultur und das menschliche Zusammenleben Gegenstand einer eigenen Wissenschaft sei2. Der Mensch ist gesellschaftlich3. Nur das gesellschaftliche Zusammenleben sorgt für die Nahrungs- beschaffung und die Sicherheit der Menschen. Würde es keine gesellschaftlichen Normen und Beschränkungen geben, dann würde Chaos vorherrschen.

Zwei Formen des gesellschaftlichen Lebens gibt es: die Nomaden und die Sesshaften (Stadtbewohner). Verschiedene Merkmale zeichnen die jeweilige Lebensform aus. Die Nomaden sind tapfer 4, moralisch höhergestellt und ihr Zusammenhalt ist groß. Auf der anderen Seite stehen die Stadtbewohner. Diese Leben im Luxus, in Bequemlichkeit und die Menschen unterstehen einem Schutzherrn. Viele weitere spezifische Charakteristika gibt es, doch wichtig ist die folgende Feststellung von Ibn Khaldun:

„..., daß das sesshafte Dasein den Abschluss der menschlichen Kultur und zugleich den Ausgangspunkt ihres Niedergangs darstellt. Zugleich ist es der äußerste Grad des Bösen und die weiteste Entfernung vom Guten. So wird offenbar, daß die nomadische Bevölkerung stärker zum Guten neigt als die sesshafte."5

Für die Dynamik zwischen den verschiedenen Lebensformen sorgt die asabiya6. Unter asabiya versteht man sinngemäß das Solidaritäts- und Stammesgefühl, den Sinn für die Gemeinschaft. Diese asabiya ist sehr wichtig, denn sie ist die eigentliche Bewegkraft der Geschichte 7. Dieser Gemeinsinn ist bei den Nomaden ausgeprägt vorhanden, wohingegen er in der Stadt im Laufe der Generationen verloren ging. Dort wird die asabiya kraftloser.

Ibn Khaldun beschreibt einen zyklischen Verlauf zwischen Nomaden und Stadtbewohnern. Er beschreibt fünf Phasen 8. Die erste Phase beginnt mit dem Sieg der Nomaden über eine bestimmte städtische Dynastie. Dies gelingt auf Grund der bei den Nomaden besonders ausgeprägten asabiya. In der zweiten Phase versucht der Herrscher seine Macht zu sichern, indem er seine bisherigen Gefolgsleute zügelt. Hier beginnt sich die asabiya abzuschwächen. Es folgt die dritte Phase: ein bequemes Leben setzt ein. Man will den Luxus genießen. In der darauffolgenden vierten Phase genügt es dem Herrscher so zu sein, wie seine Vorgänger- Dynastie. Schließlich kommt es zur letzten Phase, in der Maßlosigkeit und Verschwendung vorherrscht. Die Unterstützung für den König schwindet und es kommt allmählich zum Untergang der Dynastie, da wieder eine Gruppe von Nomaden mit starker asabiya versucht in Phase 1 zu gelangen.

Dieses ganze Modell ist zyklisch. Es zeigt einen immer wiederkehrenden Verlauf von Sieg und Niederlage für eine bestimmte Dynastie. Ibn Khaldun macht in seinem Werk aber auch auf die Wesenszüge einer idealen Herrschaft aufmerksam. So erwähnt er bspw., dass übertriebene Härte des Königtums zumeist zu dessen Untergang führt 9. Luxus und Verschwendungssucht führen zu höheren Steuern und dadurch zu einer schwindenden asabiya. Dennoch sieht Ibn Khaldun, daß eine politische Führung nötig ist 10. Er unterscheidet zwei Arten der Herrschaft. Zum einen gibt es die Möglichkeit, dass sich die Herrschaft rein auf das religiöse Gesetz beschränkt und zum anderen kann es sein, dass der Herrscher selbst festlegt, was gut für die Menschen ist. Ibn Khaldun meint hierzu:

„Die erste Art (der Herrschaft) ist sowohl im Diesseits als auch im Jenseits nutzbringend, da der Gesetzgeber letztendlich (am besten) weiß, was gut (für die Menschen) ist, und ihm am Heil der Knechte (Allahs) im Jenseits gelegen ist. Die zweite Art (der Herrschaft) ist hingegen nur im Diesseits nutzbringend"11.

Ibn Khaldun empfiehlt die erstere Form, da sie nur den Gesetzen Allahs (t) folgt. Da kann ein Herrscher nichts falsch machen. Allah (t) weiß am besten, was für die Menschen geeignet ist.

Das zyklische Modell ist eigentlich immer gültig. Eine Besonderheit ist jedoch, dass Allah (t) von außen darauf einwirken kann 12. Ibn Khaldun weiß genau, daß sich alles folgendermaßen verhält:

„Den Weg Allahs, dessen ist, was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Wahrhaftig, letztendlich gelangen die Angelegenheiten zu Allah" (Sure 42:53).

Immer wieder zitiert Ibn Khaldun solche Verse des Qur'an am Ende seiner Kapitel. Damit will er verdeutlichen, dass es eine unbeschränkte Macht gibt, über die die Menschen keine Entscheidungsgewalt haben. Aber für Ibn Khaldun hat sich nach dem Tod des Propheten Muhammad (s.) und seiner engsten Gefährten der Verlauf der Dinge normalisiert 13.

Ibn Khaldun wusste damals noch nichts von Kolonialismus und westlicher Einflussnahme. Dies sollte sich auf sein Modell auswirken.

Die Bedeutung Ibn Khalduns für die heutige Zeit

So mancher Leser mag sich fragen: schön und gut, aber was hat diese Theorie heute noch für eine Bedeutung? Zuerst einmal kann man feststellen, daß es auch heute noch Nomaden und Stadtbewohner gibt. Viele sog. traditionale, nicht-staatliche Gesellschaften sind in den letzten Jahrzehnten immensen Veränderungen unterworfen worden. Sie sind einem extremen „Anpassungsdruck" ausgesetzt. Das kann zu Konflikten führen, wie z.B. die Tuaregaufstände in Mali oder Niger in den 90er Jahren gezeigt haben. Ibn Khalduns Modell kann hier einen Erklärungsansatz liefern.

Wichtig ist jedoch auch, dass sich viele Wissenschaftler mit dem Modell von Ibn Khaldun auf theoretischer Ebene beschäftigt haben. Als Beispiel soll der britische Ethnologe Ernest Gellner genannt werden. Er hat festgestellt, dass mit dem Eintritt der Moderne die bisherige Struktur sich auflöst14. Er schreibt:

„Aber die neue Situation bewirkt noch mehr als dies. Sie verschiebt das Gleichgewicht im ganzen zugunsten der städtischen Lebensformen im Gegensatz zu den stammesförmigen"15.

Deshalb ist der Gemeinsinn (asabiya) schwächer geworden. Die städtische Lebensform ist anfälliger für äußere Einflüsse, seien sie materieller oder geistiger Natur. Ein wachsender westlicher Einfluss dringt infolge des Kolonialismus in die muslimische Welt. Al-Afghani hat dies bemerkt:

„Aus diesem Grund kamen die Historiker zu der Meinung, der Niedergang der Macht der Muslime habe seinen Anfang durch die Kreuzzüge genommen. Doch wäre es treffender zu sagen, daß die Schwäche der Muslime mit dem Tag begonnen hat, an dem die irrigen Lehren der Naicharis (der Materialisten/ad dahiriyun) in der Religion aufgetreten sind, und jene Tropfen tödlichen Giftes in die Herzen der Muslime einsickerten..."16

Luxus und Materialismus wurden bereits von Ibn Khaldun genannt, als eine mögliche Schwächung einer Herrschaftsdynastie. Der Materialismus ist demnach eine direkte Folge für die Schwäche der asabiya.

In Folge des Kolonialismus entstanden viele Nationalstaaten. Diese können keinen Gemeinsinn mehr bilden, der stark genug ist z.B. das kulturelle Erbe zu bewahren. Es lösen sich kulturelle Identitäten auf 17. In diesem Dilemma befinden sich auch die islamischen Länder. Dies hat sich im Zuge der sog. Globalisierung noch verschärft:

„Den Regierungen wird die Souveränität genommen, da sich die Virtualisierung der internationalen Transaktionen den herkömmlichen Kontrollen und damit auch den staatlichen Steuerungskapazitäten entzieht"18.

Was kann ein Staat tun, um überhaupt noch eine Kontrolle zu haben? Natürlich ist eine absolute Kontrolle unmöglich. Wie aber soll ein idealer Staat aussehen? Ibn Khaldun erwähnt auch hier einen Ansatz. Er betont das Vorbild des Propheten Muhammad (s.) 19. Es bleibt festzuhalten, dass die asabiya nicht wichtig für unser Leben und das Jenseits ist.

Sicher nützen euch nicht eure Verwandtschaftsbande und nicht eure Kinder am Tag der Auferstehung... (Sure 60:3)

Deshalb muss die asabiya sich auf die religiöse Sache konzentrieren. Muawiya gelang die Machtergreifung mit Hilfe der stärkeren asabiya. Damit mündete die ursprünglich religiös geprägte asabiya in das Königtum 20.

„Später kamen ihre Nachfolger. Sie brachen in ihren weltlichen Zielen und Absichten die Natur des Königtums zur Geltung und vergaßen, wie ihre Altvorderen dabei um Bescheidenheit bemüht waren und sich in ihren Verhaltensweisen auf die Religion gestützt hatten"21.

Daraus müssen wir lernen und die Religion in den Vordergrund stellen. Eine bescheidene und Gott wohlgefällige Gesellschaftsordnung sollte das Ziel sein.

Ihr die glauben, fürchtet Allah und seid mit den Wahrhaften (Sure 9:119)

Anmerkungen

1.       Die Daten aus dem Leben Ibn Khalduns stammen von Matthias Pätzold in den Vorbemerkungen zu Ibn Khaldun: Buch der Beispiele, Leipzig 1992.

2.       Vgl. Ibn Khaldun: Buch der Beispiele, S.44.

3.       Ebd. S.51

4.       Ebd. S.71

5.       Ebd. S.71

6.       Ebd.S.77

7.       Vgl. Irabi, Abdelkader: Arabische Soziologie. Darmstadt 1989, S.47

8.       Vgl. Ibn Khaldun: Buch der Beispiele, S. 127 ff.

9.       Ebd. S. 136

10.    Ebd. S. 172 ff.

11.    Ebd. S. 173

12.    Vgl: Sure 50:36. Ein gutes Buch zu diesem Thema ist von Harun Yahya (siehe Literaturliste)

13.    Vgl. Pätzold: Vorbemerkungen; in Ibn Khaldun: Buch der Beispiele, Leipzig 1991, S.21

14.    Vgl. Gellner, Ernest: Der Islam als Gesellschaftsordnung, München 1992, S.132.

15.    Ebd. S.134

16.    Aus al Afghani, Gamaladdin: Widerlegung der Naichari-Sekte. In: Meier, Andreas: Der politische Auftrag des Islam, Wuppertal 1994, S.81.

17.    Vgl. Menzel, Ulrich: Globalisierung versus Fragmentierung, Frankfurt 1998, S. 43.

18.    Ebd. S.66

19.    Vgl. Ibn Khaldun: Buch der Beispiele, S.145 ff.

20.    Ebd. S.149

21.    Ebd. S. 151f.

Literatur

Al-Afghani, Gamaladdin: Widerlegung der Naichari Sekte. In: Meier, Andreas: Der politische Auftrag des Islam, Wuppertal 1994, S. 78 – 84.

Gellner, Ernest: Der Islam als Gesellschaftsordnung, München 1992.

Ibn Khaldun: Buch der Beispiele. Leipzig 1992.

Irabi, Abdelkader: Arabische Soziologie, Darmstadt 1989.

Menzel, Ulrich: Globalisierung versus Fragmentierung, Frankfurt 1998.

Pätzold, Mathias: Vorbemerkungen. In: Ibn Khaldun: Buch der Beispiele, Leipzig 1992, S. 5- 28.

Yahya, Harun: Untergegangene Völker, München 2001.

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